Von Schaffhausen nach Amerika: Das Schicksal von Agathe Dutli

Autor
Ralph Denzel

Anfang des 20. Jahrhunderts verliessen unzählige Menschen die Schweiz in Richtung Amerika. Wir haben das Schicksal einer Frau nachgezeichnet, die damals aus Schaffhausen auswanderte.

Die «Prinz Friedrich Wilhelm». Das Schiff brachte Migranten nach Amerika. Bild: Wikimedia

Nicht nur die Familie Volk lebt in Kanada ihren Traum vom Leben in einem fremden Land. Schon früher haben sich Schweizer aufgemacht, ihr Glück fernab der Heimat zu finden. Wir haben uns auf Spurensuche begeben und verfolgen den Lebensweg einer Schaffhauserin, die 1908 ebenfalls den Schritt wagte und nach Amerika auswanderte.

Auswanderung Anfang des 20. Jahrhunderts

Gehen wir ein bisschen zurück und schauen uns die Schweiz und im Besonderen Schaffhausen Anfang des 20. Jahrhunderts an. Die Stadt am Rhein ist im Wachstum begriffen. So wird im Jahre 1908 das Industriegebiet Ebnat erschlossen, was vor allem die Wirtschaft nach vorne bringen soll.

Schaffhausen, Anfang des 20. Jahrhunderts. Bild: Stadtarchiv Schaffhausen

Auf der Bahnhofstrasse tuckern die Trams, auf dem Fronwagplatz findet regelmässig der Markt statt. Vor wenigen Jahren lebt hier auch ein bis dahin unbekannter junger Hauslehrer, der über seine Zeit in Schaffhausen sagen soll: «Die Leute mit denen ich esse, sind mir (...) zu blöde und gewöhnlich.» Die Rede ist natürlich von Albert Einstein

Auch wenn das Jahrhundetrgenie es anders sah: Alles in allem lässt es sich gut leben in Schaffhausen - aber wohl nicht für die damals 29-jährige Schaffhauserin Agathe Dutli. Denn diese will die Stadt hinter sich lassen. Ihr Ziel: Amerika. Ob sie dabei die «Schaffhauser Nachrichten» vom 25. Februar 1908 gelesen hat? Diese zitieren damals einen Bericht aus dem «Luzerner Tagblatt» und warnen vor der Auswanderung, vor allem in das Land, in das es auch Agathe Dutli verschlagen soll.

So heisst es dort: «Nicht auswandern! Dem «Luzerner Tagblatt» wird aus Amerika geschrieben: Infolge der Finanzkrise sind Tausende arbeitslos geworden, und zwar in allen Staaten der Union. Tausende von Europäern reisen in die alte Heimat zurück.» Im Bericht, augenscheinlich von einem ausgewanderten Schweizer verfasst, steht weiter: «Ich warne daher meine Landsleute, gegenwärtig in die Vereinigten Staaten auszuwandern und ins Elend zu rennen.»

Viele glauben damals, dass Amerika ein Traumland ist. Ein desillusionierter Auswanderer beschreibt die Vorstellung vieler Landsleute in den «Schaffhauser Nachrichten» vom 20. Mai 1895 wie folgt: «Wenn man da liest, dass in Amerika der Arbeiter dreimal täglich Beefsteaks isst, von denen jedes dreimal so groß ist wie ein in Deutschland übliches; wenn man hört, dass Amerika kein Polizeistaat sei, sondern dass daselbst die Polizisten nur zur Bedienung der Bevölkerung da seien; wenn einem versichert wird, dass in Amerika die höchste Schulbildung und überhaupt alles auf der Höhe der Zeit stehend angetroffen werde, so kann man freilich geneigt werden, schleunigst den Koffer zu packen und (...) abzudampfen. (...) Wer da glaubt, er könne augenblicklich in Amerika überhaupt oder gar in seinem speziellen Gewerbszweige Arbeit erlangen, gibt sich einer groben Illusion hin.»

Diverse Anzeigen für Auswanderer aus den «Schaffhauser Nachrichten» von 1885 - 1910.

Vielleicht kennt Agathe auch diese Geschichten, von Arbeitslosigkeit und Armut unter den Migranten. Über ihre Motive kann man nur spekulieren. Vielleicht sucht sie die Liebe, die sie hier in Schaffhausen nicht gefunden hat: Mit 29 Jahren ist sie noch unverheiratet - ungewöhnlich für die damalige Zeit. Vielleicht erhofft sie sich, als Köchin in Amerika leicht eine Anstellung zu finden - dieser Beruf steht zumindest im Logbuch des Schiffes, mit dem sie dann übersetzen wird.

Auch ist nicht klar, wann sie aufbricht. In Schaffhausen meldet sie sich nie ab, denn ihr Name taucht nirgendwo in den Passbüchern des Stadtarchives auf. Auch woher sie das Geld hat, ist nicht nachzuvollziehen. Vielleicht von ihren Eltern, laut Immigrationsunterlagen Anton Dutli und Wilhelma Mehr. Es könnte auch sein, dass ihr Bruder, ihre Kontaktperson, die sie in Bremen bei der Einschiffung angegeben hat, oder ihre Schwester, die Kontaktperson in New York, ihr etwas gegeben hat. Sicher ist nur: Am 28. November 1908 geht sie an Bord der «Prinz Friedrich Willhelm» und setzt von Bremen aus über nach Amerika.

Vor der Fahrt über den grossen Teich

Hamburg, Bremen, Le Havre, Rotterdam und Antwerpen - das sind meistens die letzten Stationen von auswanderungswilligen Menschen auf dem alten Kontinent. Von dort verkehren regelmässig Passagierschiffe über den grossen Teich in Richtung Amerika.

Für die Frau aus Schaffhausen müssen die Eindrücke wohl erschlagend gewesen sein. Bremen ist damals ein Schmelztiegel für verschiedenste Kulturen und Einwanderer, die alle das Ziel haben, in die neue Welt überzusetzen. Ein Mischmasch aus Sprachen, fremden Eindrücken und Gebräuchen, die sich alle in den Wartehallen der Norddeutschen Lloyd, der Reederei, die die Überfahrten anbietet, kondensieren. 

Werbung der Reederei. Bild: Wikimedia

Vor allem wird Agathe Dutli Slawen kennengelernt haben: Geht man die Passagierlisten durch, sieht man, dass ein Grossteil der Menschen, die sich über den grossen Teich aufmachen wollen, aus Russland, Polen oder Ungarn kommen. Die Schweizer, mit Ihnen Agathe Dutli, sind in der absoluten Minderheit. Vielleicht findet sie trotzdem auch schon dort Anschluss, sind doch am Tag ihrer Abfahrt auch zwei Wilchinger, Johannes Maul und Karl Kobi, an Bord. 

Junge Menschen, die einen Traum von Amerika haben und von woher auch immer das Geld, sich diesen zu erfüllen: Diese Leute sind es, die die Norddeutsche Lloyd an Bord haben will. Bremen, allen voran die Reederei, verdient viel Geld mit der Auswanderung. Die Norddeutsche Lloyd macht alleine mit dem Wunsch unzähliger Menschen auszuwandern von 1880 bis 1924 einen Umsatz von unglaublichen 324 Millionen Mark. Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdient in diesem Zeitraum 150 Mark pro Monat. Daher sind es die übervollen Zwischendecks, welche das Geld in die Kassen der Reeder spült.

Endlich geht es los

Die «Prinz Friedrich Willhelm» mit Zielhafen New York ist zum Zeitpunkt der Abfahrt noch nagelneu: Erst am 6. Juni des gleichen Jahres war das Schiff zu seiner Jungfernfahrt aufgebrochen. Etwa 2500 Leute haben Platz an Bord. Agathe Dutli ist, wie die meisten anderen Mitreisenden, auf dem Zwischendeck untergebracht. Dafür muss sie knapp 160 Mark bezahlen - ein stolzer Preis.

Die «Prinz Friedrich Willhelm» - mit diesem Schiff setzte Agathe Dutli über. Bild: Wikimedia

Das Leben an Bord muss für die Frau anstrengend gewesen sein: Die Räume sind eng, Platz ist Mangelware und Seekrankheit und dicke Luft machen die Überfahrt zur Tortur für die Passagiere in den Zwischendecks. Die wenigen Male, bei denen sie auf das Deck darf, um ein bisschen frische Luft zu schnuppern, sind wohl ein Highlight für die Frau. Wenn es jedoch stürmt, muss sie unter Deck bleiben - zusammengepfercht mit knapp 1800 weiteren Menschen. Viele Menschen überleben die Reise nicht. Sei es, dass trotz strenger medizinischer Kontrollen doch ein Kranker an Bord gekommen ist, oder weil die Reise zu strapaziös war. In New York nennt man daher die Einwandererschiffe auch oft spöttisch: «Sargschiffe».

Makaber: Der Reederei ist das im Endeffekt egal. Für die Betreiber ist es sogar besser, wenn ein Passagier die Reise nicht überlebt, als dass er krank in New York ankommt, denn: Ein Kranker wird direkt wieder zurückgeschickt - auf Kosten der Reederei. Eine Leiche ist da unkomplizierter.

Zwei Wochen später

Es ist nicht überliefert, wie sich Agathe Dutli fühlt, als sie, am Morgen des 8. Dezember 1908, die Freiheitsstaue am Horizont auftauchen sieht. Was man aber weiss, ist, dass ihr erster Halt auf amerikanischem Boden «Ellis Island» heisst - von den Migranten auch die «Träneninsel» genannt, denn hier zerbricht für viele der Traum von einem neuen Leben. Binnen weniger Minuten entscheidet sich hier, ob das ganze Geld, welches man für eine Überfahrt investiert hat, umsonst gespart und ausgegeben worden ist.

Die Freiheitsstatue. Bild: Wikimedia

Teilweise müssen die Migranten fast zwei Wochen auf dem Schiff bleiben, bevor sie von Bord dürfen. Das liegt vor allem an der schieren Masse, die die Beamten auf der Insel abzufertigen haben: knapp 12‘000 Personen kommen in Spitzenzeiten täglich dort an. Wann Agathe Dutli genau von Bord geht, ist nicht überliefert. Der Weg, den sie gegangen ist, lässt sich aber belegen und nachvollziehen: Zuerst muss sie knapp 50 Stufen zur Registrierung hochlaufen. Schon dort wird die Spreu vom Weizen getrennt: Ärzte beobachten die Migranten dabei und wer den Anschein macht, dass er nicht fit ist, wird sofort gesondert untersucht. Finden die Mediziner eine Behinderung oder eine Krankheit, kann es das gewesen sein für die betreffende Person.

Das Warten in den Wartehallen von Ellis Island kann sich so in die Länge ziehen, dass Schwangere sogar hier ihre Kinder gebären. 350 Kinder sollten bis zu der Schliessung hier das Licht der Welt erblicken.

 

Originalaufnahmen von Ellis Island - Datum unbekannt. Video: Wikimedia

Mehrere Tage dauert die Untersuchungs-Prozedur. Agathe Dutli muss sich jedoch nicht nur medizinischen, sondern auch kognitiven Tests unterziehen. Geisteskrankheiten sind ebenso ein Ausschlusskriterium für die US-Einwanderungsbehörden wie Polygamie oder Behinderungen. Betrachtet man die «List or Manifest of Alien Passengers for the U.S. Immigration Officer at Port of Arrival», sowas wie das Einwanderungsformular der Behörden in New York, stellt man fest: Keines der Merkmale trifft auf Agathe Dutli zu. So bekommt sie in diesem Dokument die Anmerkung, dass ihr Gesundheitszustand «gut» sei.

Wie geht es weiter für Agathe?

Wo die Frau hingeht, ist danach nur schwer nachzuvollziehen. Auswanderergruppen haben damals ihre «Orte» in New York, in denen sie sich zusammenschliessen. Schweizer im Speziellen bleiben eigentlich nur selten in New York. Die meisten zieht es weiter in den Westen der USA. Vor allem Kalifornien ist beliebt bei den eidgenössischen Auswanderern. Spuren davon findet man noch heute, zum Beispiel in Manteca in Kalifornien, wo es ganze Strassenzüge gibt, die an die Schweizer Auswanderung erinnern. So unter anderem auch eine «Schaffhausen Street». Für viele geht es auch nach Wisconsin, speziell nach «New Glarus». Agathe jedoch scheint in New York zu bleiben.

Fast ein Dauerzustand in Ellis Island: Kontrollen und Registrierungen. Bild: Library of Congress/Wikimedia

Ihre Spur verliert sich nach ihrer Ankunft ein bisschen - bis zum 24. November 1910 - da wird aus der unverheirateten Agathe Dutli, mittlerweile nennt sie sich Agatha, was wohl amerikanisch besser auszusprechen ist, Mrs. Agatha Lewis. Laut den Aufzeichnungen der Stadt New York schliesst sie an diesem Tag im Stadtbezirk Manhattan die Ehe mit dem Immigranten Albert Edward Lewis.

Dieser hat die gleiche Reise wie Agathe hinter sich, ist gebürtiger Engländer und kommt aus Liverpool. Auch er musste die Stufen in Ellis Island erklimmen, die medizinischen Tests ertragen und bekam letztlich die Erlaubnis, einzureisen.

Kennen Sie Agathe Dutli?

Kennen Sie Agathe Dutli? Sind Sie vielleicht sogar mit ihr verwandt? Wir würden gerne mehr über ihr Schicksal erfahren. Wenn Sie uns dabei mit Bildern oder Geschichten über sie helfen können, schreiben Sie uns doch unter opp@shn.ch

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