Als Albert Einstein in Schaffhausen lebte - und sich nicht wohl fühlte

Autor
Ralph Denzel

Albert Einstein lebte für einige Monate in Schaffhausen. Wirklich wohl hat er sich aber nicht gefühlt, wie Aufzeichnungen aus dieser Zeit zeigen.

Einstein war für ein paar Monate Privatlehrer in Schaffhausen. Bild: Selwyn Hoffmann/Stadtarchiv/Montage: SHN

Der Fronwagplatz ist leer an diesem Abend. Etwas Schnee ist gefallen. Weihnachten ist nur noch knapp zwei Wochen entfernt. Die Gaslaternen brennen mittlerweile und tauchen den Platz in ein weiches Licht.

Ein junger Mann mit einem dunklen Schnurrbart huscht über den Platz. Er kommt von der Richtung des Schwabentores. Seinen Mantelkragen hat er hochgeschlagen gegen die Kälte des Abends. In der linken Hand hält er einen Geigenkoffer, der rhythmisch mit seinem schnellen Schritt auf und ab wippt. Er geht in Richtung des heutigen Stadttheaters.

Dort wartet ein alter Studienfreund auf ihn. Er erkennt seinen Freund schon von Weitem an seinem Schnauzbart, den er zeitlebens tragen wird. Auch er hat einen Geigenkoffer in der Hand. Vor allem der junge Mann mit dem Schnauzbart ist froh, seinen alten Bekannten zu sehen. Die Stadt am Munot, in der er seit einigen Monaten lebt, ist ihm immer noch nicht zu einem Zuhause geworden. Die Stelle als Privatlehrer, die er hier angenommen hat, ist zwar gut bezahlt, aber erfüllt ihn nicht. Die Männer begrüssen sich freundlich.

Der Schaffhauser Bahnhofsplatz Ende des 19. Jahrhunderts. Bild: Stadtarchiv

«Hallo, Albert!», sagt Conrad Habicht, einer der beiden Männer zu seinem alten Freund – Albert Einstein.

Einer der grössten und wichtigsten Physiker der Weltgeschichte lebte einige Monate in der Munotstadt. Angekommen und heimisch geworden ist er hier nie. Auf die Frage, wie man die Relativitätstheorie erklären könne, sagte der Physiker: «Wenn ein Mann eine Stunde lang bei einem hübschen Mädchen sitzt, erscheint es ihm wie eine Minute. Sitzt er eine Minute lang auf dem heissen Ofen, so erscheint ihm dies viel länger als eine Stunde.»

Fühlte er sich so auch in Schaffhausen? Wir gehen auf Spurensuche.

Einstein in der Schweiz – vom Musterschüler zum Aushilfslehrer

Albert Einstein ist von Anfang an anders. Heute würde man sagen «unangepasst», oder ihn als Freigeist bezeichnen. Er fühlt sich schon als Kind am wohlsten, wenn er lesen oder Musik hören kann. Ausserdem hat er einen eigenen Kopf, den er auch durchsetzen will, was über die normale Trotzphase eines Kindes hinaus geht. Er ist zielstrebig, will wissen und verstehen. Oder mit den Worten des Physikers: Erfolg = Arbeit + Lohn + ein geschlossener Mund – eine Formel, die wohl jeder verstehen kann. Nach dieser Maxime lebte er auch. Er war durchsetzungsstark, mit klaren Idealen und einem messerscharfen Verstand, der später auf andere einschüchternd wirken können wird.

Das zeigt sich schon früh, als beim jungen Einstein die Liebe für die Naturwissenschaften erwachsen. Mit gerade 17 schreibt er sich an der ETH in Zürich ein. Das ist möglich, weil er seinen Deutschen Pass abgibt. Damit gibt es keinen Nachweis über sein Alter mehr. Per Gesetzt muss man mindestens das 18. Lebensjahr erreicht haben, um an der ETH zu studieren.

An diesem Ort hofft er, Antworten auf die so bohrenden Fragen zu finden und auch weiter seiner Leidenschaft zu folgen: Den Naturwissenschaften. Er soll enttäuscht werden.

Die Matura für die Aufnahme legt er im Aargau ab – mit hervorragenden Zensuren, wie ein Zeugnis des jungen Einstein belegt. Die Legende, Einstein sei ein schlechter Schüler gewesen, ist überholt. Er ist sogar sehr gut, aber er ist rebellisch. Ein Lehrer sagt ihm mal: «Ihre blosse Anwesenheit verdirbt mir jeden Respekt in der Klasse.»

Einsteins Matura-Zeugnis.

Die Eltern unterstützen ihn während des Studiums. Er ist, laut eigener Aussage, ein «mittelmässiger Student». «Einigen Vorlesungen folgte ich im gespanntem Interesse. Sonst aber «schwänzte» ich viele und studierte zu Hause die Meister der theoretischen Physik mit heiligem Eifer.» Trotzdem macht er sich gut und erhält gute Zensuren.

Als die Zeit an der ETH endet, steht der junge Physiker vor einem Problem: Nicht nur das Studium, auch die Unterstützung der Eltern endet. Eigentlich scheint es vorausbestimmt, dass der junge Mann in die Wissenschaft geht – aber seine Doktorarbeit wird abgelehnt und auch Bewerbungen bei Professoren finden kein Gehör.

Einstein steht an einem Scheideweg – und entscheidet sich zu unterrichten. Über Winterthur kommt er dann im Jahr 1901 nach Schaffhausen, wo er eine Stelle als Privatlehrer antritt.

Dienstantritt in Schaffhausen

Es ist der 15. September 1901, als er in die Dienste von Dr. Jakob Nüesch tritt, der eine «Lehr- und Erziehungsanstalt» in Schaffhausen betreibt. Einstein ist erleichtert, denn er bekommt dort einen Jahresvertrag. Mehr, als der bisher dauerklamme Mann kennt. Er schreibt im selben Jahr an seinen Studienfreund Marcel Grossmann:

«Doch bin ich nun auch in der glücklichen Lage, wenigstens für ein Jahr die ewige Nahrungssorge los zu sein. Ich bin nämlich vom 15. September an bei einem Mathematiklehrer in Schaffhausen … als Privatlehrer angestellt (…)»

Einerseits ist es für Einstein eine Erleichterung, andererseits auch unangenehm sich in der strikten Welt des Unterrichtens zu bewegen. Im selben Brief schreibt er, dass eine «solche Stelle für eine selbstständige Natur nicht gerade ein Ideal ist.»

Dr. Jakob Nüesch (stehend) mit seiner Familie, 1896. Bild: Stadtarchiv

Laut Untersuchungen des Stadtarchivs ist Einsteins Schüler, der 19-jährige Engländer Louis Cahen, nicht sonderlich lernbegierig. Das bezeugen auch Hefte im Besitz des Archives mit Notizen und Korrekturen von Einstein.

Ein Arbeitsheft von Einsteins Schüler - zusammen mit Notizen des Physikers.
Bild: Stadtarchiv

Dieser wohnt am Anfang bei seinem Arbeitgeber. Aber das Verhältnis der beiden ist schwierig. Einstein scheint immer noch Probleme mit Autoritäten und Lehrern zu haben. Dieser wiederum ist auch nicht glücklich über den Gast, der bei ihm Kost und Wohnung gestellt bekommt. Laut einem Artikel aus «Forschung und Fortschritte» von 1964 wird ihm «das Zimmer wegen seiner Unordentlichkeit aufgekündigt». Daraufhin kommt der junge Einstein bei befreundeten Lehrern von Nüesch unter, später im Restaurant «Cardinal». 

Einstein und seine spätere Frau Mileva Marić.

Höhepunkte in seiner Schaffhauser Zeit sind für den jungen Mann sind die Treffen mit seiner Verlobten Mileva Marić. Kennengelernt haben sich die beiden 1899 in Zürich. Als Einstein in Schaffhausen ist, erwartet Marić ihr erstes Kind. Sie residiert im «Steiner Hof» in Stein am Rhein, dort treffen sich die beiden bei Gelegenheit. Finanziell geht es Einstein besser, aber es reicht nicht um seine schwangere Freundin so oft zu besuchen wie diese es gern wünscht. So schreibt sie:

«Jetzt kommst Du morgen wieder nicht? Aber hast du wirklich kein Gelderl mehr? Schöne Sache! Verdient der Mann 150sfr, hat Kost und am Ende des Monats kein Centim.»

Musik als Abwechslung

Seine Freizeit nutzt Einstein für seine Studien. Davon hat er recht viel, wie ein Brief belegt. «Ich lebe hier, wie wenn ich völlig alleine wäre», schreibt er an Marić. Wenn er nicht studiert, macht er Spaziergänge. Die Strassenbahn rattert über den Bahnhofsplatz, der Martinimarkt findet ein paar Monate nach seiner Ankunft statt – wahrscheinlich geht das alles an Einstein vorbei. So schreibt er:

«Es ist eigentlich ein urkomisches Leben, das ich hier führe. Ganz im Sinne Schopenhauers. Ausser mit meinem Schüler spreche ich den ganzen Tag mit niemandem.»

Da ist er wieder, der Einzelgänger, der Einstein sein ganzes Leben sein sollte. Kein Sonderling, eher ein Mensch, der nicht unbedingt die Gesellschaft anderer braucht. Sich selbst genug. «Ich finde immer, dass ich mit allein in der besten Gesellschaft bin.» Kontakte hat er bis auf Studienfreunde keine. «Die Leute mit denen ich esse, sind mir (...) zu blöde und gewöhnlich» schreibt er über seine Bekanntschaften im Wirtshaus.

Hier wohnte Einstein bis er aus Schaffhausen wegzog.

Ab und an trifft er sich mit seinem Studienfreund Conrad Habicht. Dann musizieren die beiden in Einsteins Kammer oder besuchen klassische Konzerte – einmal tritt er auch mit Habicht auf.

Vielleicht war es eine Mischung aus all dieser Faktoren, die dazu führen, das Einstein seinen Vertrag nicht erfüllt und so schnell wie möglich wieder aus der Munotstadt verschwindet. Einsamkeit, die Unsicherheit, wie es nach dem Jahr weitergeht, die Arbeit mit dem Schüler, die ihm auch nicht sonderlich gefällt - die Gründe sind wohl vielseitig. Ob die Kündigung bei Nüesch schön ablief, ist zu bezweifeln. Einstein schreibt er sei «mit Knalleffekt» von «Nüesch abgesegelt».

Vielleicht ist es auch die Liebe, oder die Aussicht auf eine bessere Anstellung, die ihn zu diesem Schritt bewegt. Sicher ist nur, dass das Gastspiel des berühmten Physikers bereites Ende Januar 1902 wieder endet.

Albert Einstein schreibt – am 14. Januar 1931 – eine Gleichung auf die
Wandtafel im Carnegie Institute im kalifornischen Pasadena. Bild: Archiv

In dieser Zeit arbeitet er schon an der Relativitätstheorie. Vielleicht war für ihn auch die Zeit in Schaffhausen eine Möglichkeit, diese unter Beweis zu stellen.

So unwohl wie er sich wohl fühlte, schien die Zeit ihm sicher länger vorzukommen als nur fünf Monate.

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