Weihnachten im Ersten Weltkrieg: Wie Schaffhauser Soldaten «feierten»

Autor
Ralph Denzel

Weihnachten weit weg von der Familie - das war für viele Soldaten im Ersten Weltkrieg Realität. Auch für die in Schaffhausen - die teils nur schwer damit zurecht kamen.

Bei Schnee und Kälte an der Grenze: Schweizer Soldaten während des Ersten Weltkriegs. Bild: Wikimedia

Die Weihnachtszeit steht wieder vor der Tür – und die Menschen drängt es nach Hause zu ihren Familien und ihren Angehörigen. In dieser Zeit will man bei den Menschen sein, die einem nahe stehen, am liebsten unter dem heimischen Christbaum. Es kann viele Gründe geben, warum das nicht möglich ist. Als der Krieg 1914 ausbricht, heisst das für viele Schweizer: Ab an die Grenze um die Neutralität der Schweiz zu wahren.

Wie erleben Frontsoldaten diese Zeit? Die Schaffhauser Nachrichten drucken damals immer wieder Frontbriefe von Soldaten ab, die einen hautnahen Eindruck davon geben, wie das Leben weit weg von der Heimat und den Familien ist – und wie entbehrungsreich vor allem die Weihnachtszeit für die Soldaten dort ist.

1914: Die erste Weihnacht an der Front

Die Schweiz ist im Ersten Weltkrieg nicht aktiv in Kampfhandlungen involviert. Vielmehr geht es der Militärführung darum, die Grenzen zu sichern um im Falle eines Angriffs die Neutralität des kleinen Landes, umschlossen von Kriegsparteien, aufrechtzuerhalten. Das bedeutet für die Soldaten vor allem eines: Warten und Ausharren. Sie sind eine lange Zeit - die Dienstzeit beträgt mindestens 500 Tage - weg von der Familie, leben ständig im Ungewissen und können nichts tun, ausser Warten. Was, wenn die Deutschen doch einmarschieren? Es ist ein Leben in einem ständigen Schwanken zwischen Monotonie und Angst.

Telefonsoldaten beim Parkdienst. Bild: Wikimedia

Am schlimmsten ist dabei die Weihnachtszeit. In dieser Zeit, in der sich wohl jeder nach der Familie sehnt, wird auch bei vielen Soldaten das Herz schwer. Die Moral ist bei vielen im Keller als klar wird, dass man dieses Jahr irgendwo in der Ferne sitzen wird. Das bemerkt auch die Militärführung. 1915 sagt ein Kommandant in einer Ansprache, die die Schaffhauser Nachrichten abgedruckt haben: «Es ist gewiss hart, dass viele von uns schon über ein Jahr unter den Waffen stehen, und manche vielleicht zum zweiten Male die Festtage fern von den Ihrigen verbringen.» Ein Eingeständnis an die Soldaten, von denen die meisten in dieser Zeit zu Alkohol greifen um über die Festtage zu kommen.

Manche Soldaten versuchen in dieser Zeit umso mehr, sich auf ihre Pflicht zu konzentrieren und ihrem Warten und Ausharren an der Grenze einen Sinn zu geben. So schreibt ein Schaffhauser Soldat: «Wir müssen vieles ertragen, aber wir dürfen stolz sein auf unsere hehre Aufgabe, ermöglicht doch unsere treue Wacht an der Grenze, den Angehörigen zu Hause fröhliche Weihnachten zu feiern.»

Der Soldat - den Brief hat er nur mit «ein 61.er» unterschrieben - ist damals im Appenzell stationiert. Die Berge glitzern laut seiner Aussage vom Schnee, welcher gefallen ist. Ein kalter Wind geht, während die Soldaten am 25. Dezember zum Festgottesdienst aufbrechen, den der Feldprediger vorbereitet hat. «Kanonen säumen den Weg der Kompanie».

Geschütze, hier bei Bülach, werden an die Grenzen transportiert. Bild: Wikimedia

Auch hier kommt es wieder zu emotionalen Momenten: «Wie ganz anders öffneten sich Herz und Mund zum Schlussliede, das uns schon als Kind lieb und froh geklungen hat. ‹Dies ist 'der Tag den Gott gemacht›, sangen die 3000 Männer, und ihre Geister versetzten sich zurück in das liebe Stübchen, wo der Knabe einst mit leuchtenden Augen die brennenden Kerzelein betrachtet hat, und jubelnd erklangen die Stimmen über Berg und Flur.»

Die Kälte macht den Männern zu schaffen und so ziehen sich zurück in die Soldatenstuben. Knapp 1000 davon gibt es bis zum Ende des Krieges. Dort können Soldaten auf andere Gedanken kommen und vor allem nicht-akoholische Getränke zu sich nehmen.

Wandgemälde an der Soldatenstube Andermatt von 1917. Bild: Wikimedia

Ein besonderer Moment ist für die Männer an der Front aber immer auch die Weihnachtspost, die sie wie kleine Kinder auspacken. «Wir erwarteten ja von zu Hause die Weihnachtspost, Pakete und viele Briefe von Weib und Kind, von Mutter, Schwester und Braut. Hastig lösten wir die schützende Hülle, und Freude malte sich auf allen Gesichtern. Ja, wir haben viel Liebe und Güte erfahren dürfen in dieser Zeit, herzlichen Dank all denen, die uns Freude bereitet haben.»

Die Schaffhauser Nachrichten rufen damals immer wieder dazu auf, dass man bitte den Soldaten eine Freude machen solle. «Wir bitten um freundliche Zusendung von Geschenken, um den an der Grenze Wache haltenden Soldaten sowie unseren Depotmannschaften eine kleine Weihnachtsfreude zu bereiten», ist etwa bereits am 7. Dezember 1914 in den SN zu lesen. Zwei Wochen später schreibt ein anderer Kamerad. Er drückt aus, was viele Soldaten an dieser ersten Kriegsweihnacht denken: «Der Ernst der kommenden Feiertage wird auch uns veranlassen, die Waffen ruhen zu lassen und Weihnachten zu feiern.[…] Wenn wir auch fern sind, so weilen unsere Gedanken gleichwohl zu Hause.»

1915: «Hoch lebe unser Militär - Wenn es nur in Schaffhausen wär!»

Ein Jahr später, irgendwo im Tessin hoch in den Bergen in einem kleinen Dorf, versammeln sich die Schaffhauser Soldaten der 61. Division in einer kleinen Dorfhalle. Die Nacht ist sternenklar, wie ein Soldat später notieren soll – und es ist sehr kalt. Die Berge links und rechts wirken gross, wie eine Mauer, während die Männer in die Halle treten. Dort finden sie an der Wand ein Stückchen Heimat. Eine Flagge ihres Kantons hängt dort, direkt neben der Flagge der Eidgenossenschaft. Ein karger Christbaum steht in der Ecke und spendet warmes Kerzenlicht. Die Soldaten setzen sich. Auf der Bühne macht sich der Soldatenchor bereit und beginnt ein Weihnachtslied zu singen. «Heil'ge Nacht, o gieße du, Himmelsfrieden in dies Herz.» Ertönt in die Halle. Es berührt die Soldaten «im Innersten», während sie, weit weg von der Heimat, diesem Lied lauschen.

Krieg und Weihnachten – diese Dinge scheinen nicht zusammenzupassen. So schreiben die Schaffhauser Nachrichten eine Woche vor dem Heiligen Abend 1915: «In tausend Scherben schlug der Krieg die Satzungen über Menschenrechte und Menschenpflichten entzwei; an Stelle unserer bisherigen Moral, unserer bisherigen Auffassungen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, von Verpflichtungen und Aufgaben trat ein wüstes, widerspruchsvolles Chaos von Vorstellungen und Begriffen.»

Eine Feldküche Bassecourt. Die Soldaten mussten versorgt werden. Bild: Wikimedia

Dieses Chaos versuchen die Soldaten wenigstens an Weihnachten zu vergessen, denn auch 1915 gibt es wieder Päckli und Geschenke aus der Heimat. Für manche ist es die zweite Weihnachten weg von der Familie, was sie besonders schmerzt. Trotzdem zieht der Verfasser des Briefes ein positives Fazit von seiner Weihnacht im Tessin. In der Soldatenstube werden zu später Stunde heitere Geschichten erzählt. Laut dem Brief haben die Männer es lustig und «in Heiterkeit und echter Soldatenfröhlichkeit verflossen die Stunden. Die Weihnachtsfeier 1915 im Kanton Tessin wird uns 61ern in schöner Erinnerung bleiben. »

Noch ahnt keiner, dass noch ein, zwei Weihnachten jenseits der Heimat vor den Soldaten liegen sollten.

1916 – 17: Der Krieg wird grausige Routine – auch in der Heimat

Es ist die dritte Weihnachten im Krieg. Die Meldungen von der Front sind zum traurigen Alltag geworden. Mal haben die einen, dann die anderen die Oberhand. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass die Soldaten weiterhin an der Front ihren Dienst leisten müssen. Mittlerweile wissen auch fast alle Schweizer, wie dieser an der Front aussieht – man könnte fast meinen, dass das Interesse daran nachlässt. So finden sich in den Schaffhauser Nachrichten im Jahr 1916 zwar jede Menge Berichte über den aktuellen Kriegsverlauf, aber keine Soldatenbriefe. Viele sind mittlerweile desillusioniert und erkennen die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges, denn «einen Entscheid, eine endgültige und unumstößliche Entscheidung zugunsten der einen der beiden Mächtegruppen (die Mittelmächte oder die Entente – Anm. d. Red.) hat der Krieg in den vergangenen zweieinhalb Jahren noch nicht gebracht. Millionen von Männern sind hingeschlachtet, zahllose Milliarden geopfert worden, — trotz dieser unerhörten Opfer an Gut und Blut, welche die Völker Europas und der andern Erdteile darbringen mussten, liegt eine Entscheidung noch nicht vor.»

So stehen die Soldaten weiterhin an der Front und verbringen auch die dritte Weihnachten nicht bei ihren Familien, sondern meistens in Soldatenstuben, irgendwo an der Grenze. Diese sind zu diesem Zeitpunkt eine Art Wirtschaftszweig geworden: So berichten die Schaffhauser Nachrichten: «Der Umsatz in den Soldatenstuben ist ein ganz beträchtlicher und steigert sich immer mehr. Es soll auch noch erwähnt sein, dass die Soldatenstuben mancher stellenlosen und arbeitsuchenden Frau oder Tochter willkommenen Verdienst bieten.» Das Essen dort ist nicht teuer und viel wird auch über Spenden finanziert – vor allem um die Weihnachtszeit können sich die Frauen, die die Soldatenstuben führen, über rege Spenden freuen.

Manche Soldatenstuben liessen sich auch in Klassenzimmern finden - wie hier in Bonfol. Bild: WIkimedia

Auch 1916 feiern viele Schaffhauser Soldaten Weihnachten an der Grenze. Kriegsmüde, aber immerhin mit einem vollen Bauch. Mit den Worten einer Referentin, die am 6. Dezember 1916 über die Soldatenstuben in Schaffhausen spricht: Der «Schaffhauser Landwehrsoldat» isst dort am liebsten «Böllendünne».

Ein Jahr später, es zeigt sich langsam, dass der Krieg seinem Ende entgegen sieht, hat man sich dann noch mehr mit den Gegebenheiten arrangiert. «Gar so trostlos wie an den Weihnachtsfeiertagen der drei vergangenen Jahre sieht es an Kriegsweihnachten 1917 doch nicht mehr aus», steht in den Schaffhauser Nachrichten am 22. Dezember 1917, wenngleich «der Friede, der heißersehnte, noch immer nicht da» ist. Soldatenbriefe finden sich zwar noch in der Zeitung von damals, aber sie sind nicht mehr zwingend auf Weihnachten bezogen. Das hat mehrere Gründe: Einmal, weil der Krieg eben mittlerweile «Routine» ist, zum anderen aber auch, weil nur noch wenige Soldaten aus der Region ihren Dienst tun müssen. Zu diesem Zeitpunkt haben viele bereits ihre 500 Diensttage erledigt - und feiern die Festtage 1917 wieder unter dem heimischen Baum.

Weihnachten im Frieden – eine Stadt in Sorge

Am 11. November 1918 schweigen die Waffen endgültig. Der Krieg ist vorbei. Schaffhausen wie auch die Welt blicken auf das erste Weihnachten sei vier Jahren, an dem nicht gekämpft wird. Ein Grund zur Freude? Nicht unbedingt.

Die spanische Grippe wütet noch immer in Schaffhausen, sorgt für Todesopfer und Leid in den Familien. Die, die die Epidemie überleben, sind teilweise auf Jahre gezeichnet von der Krankheit. Aber nicht nur das: Auch das Land ist im Umbruch. Ein Monat zuvor kommt es zum Landesstreik, der das Land in eine schwere innenpolitische Krise stürzt – dies wirkt bis zum Heiligen Abend 1918 nach.

Soldaten beim Mittagessen im Grippe-Erholungszentrum Sigriswil. Bild: Wikimedia

Europa ist nach dem Krieg nicht mehr das Gleiche, welches es davor war, das spürt man auch in Schaffhausen in dieser Zeit. Es ist ungewiss, wo die Reise hingehen wird. Aber - und auch das ist wichtig - an diesem Abend gilt vor allem für viele Menschen das, was auch in einem Gedicht in den Schaffhauser Nachrichten vom 24. Dezember 1918 steht: «Glocken und Stimmen werden Jubelnd dann wieder erschallen: Friede, Friede aus Erden Und den Menschen ein Wohlgefallen!»

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