Als die «Spanische Grippe» über Schaffhausen kam

Autor
Ralph Denzel

Die «Spanische Grippe» forderte weltweit knapp 50 Millionen Tote. Vor 100 Jahren wütete die Krankheit auch in Schaffhausen und brachte viel Tod - auch, wegen der schlechten Ausgangslage der Bevölkerung.

Das Leben im Jahr 1918 ist nicht einfach - um es gelinde auszudrücken.
Immer noch kämpfen völlig entkräftet unzählige Männer in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges. Die meisten sind kriegsmüde und teilweise für den Rest ihres Lebens gezeichnet von dem Grauen, welches sie erleben mussten. Wir begleiten einen durchschnittlichen Schweizer Soldaten aus Schaffhausen, nennen wir ihn Karl. Das ist einer der beliebtesten Jungennamen zu dieser Zeit.
Karl sitzt 1918 irgendwo an einer Grenzanlage bei Frankreich. Laut dem Generalstab geht von den Franzosen mehr Gefahr aus als von den Deutschen. Ein Durchmarsch der Franzosen durch die neutrale Schweiz in Richtung deutsche Grenze war möglich – und wenn es passieren sollte, wäre es an Karl und seinen Kameraden das Land zu verteidigen.

Grenzsoldaten 1914. Bild: Stadtarchiv Schaffhausen, Signatur: J 03.07.05/07

So sitzt er auf seinem Posten, unsicher, wie es der Familie in der Heimat ging. Sein Verdienst wird ihm nicht weiter bezahlt – trotzdem musste er im Schnitt 500 Tage seinen Dienst ableisten. Am Abend, in den Soldatenstuben, einem Ort gegründet vom Schweizer Verband Soldatenwohl, bei einem guten Brot und Unterhaltung mit den Kameraden, wandern Karls Gedanken wieder zurück in die eigene Heimat – dort, wo die Familie ist.
Karl weiss, dass auch die Liebsten nicht nur die Sorge um die Ehemänner, Väter, Söhne und Brüder umtreibt.
Die Zivilbevölkerung in seiner Heimat leidet noch unter ganz anderen Problemen. Die Schweiz importiert 40 Prozent ihrer Nahrungs- und Energieversorgung. Beides brach seit Anfang des Krieges 1914 um bis zu 50 Prozent ein. Die Folge: Hunger und Kälte.
Trotzdem: Auch wenn der Krieg mit all seinen grausamen Folgen noch wild tobt, keiner der Soldaten, egal ob Schweizer, Franzose oder Deutscher, kann ahnen, welche Katastrophe sich auf die Welt, die Schweiz und auch auf die Region Schaffhausen zubewegt: Die spanische Grippe.

Eine neue Art von Grippe

Den Ursprung nimmt diese Grippe wohl in den USA. Forscher sind sich da bis heute nicht ganz einig, aber es scheint der wahrscheinlichste Ort zu sein. So kommt es Ende 1917 zu den ersten Berichten über eine heftige Grippe, die teils tödlich verläuft. Betroffen sind hauptsächlich Soldaten und teils liegen ganze Kompanien flach. Die amerikanischen Soldaten, die im selben Jahr in den Krieg eingriffen, brachten den Erreger dann vermutlich auch auf das europäische Festland – von wo er seinen tödlichen Weg fortsetzt.
Schon damals besticht die Krankheit durch ihre Heftigkeit. Die Amerikaner nennen die Infektion «knock-me-out»-Fieber. Der Name war Programm. Binnen weniger Stunden riss die Grippe einen von den Beinen und fesselt einen ans Bett.
Das «Hau-mich-um»-Fieber schwappte später nach Spanien, wo es knapp acht Millionen Menschen erwischt. Erst dann wurde auch langsam den anderen Ländern in Europa bewusst, dass sich hinter dieser Infektion wohl mehr versteckt. Da viele davon ausgingen, dass Spanien der Ursprung dieser Infektion war, nennt man die Influenza-Infektion «Spanische Grippe» (siehe Gedicht).

Drei Wellen von Tod

Man unterscheidet bei der spanischen Grippe drei Wellen. Die erste ist, im Vergleich zu dem was folgen wird, relativ harmlos, aber dennoch nicht weniger aggressiv. Dadurch, dass der Virusstamm über das Jahr 1918 mutiert, nimmt auch seine Heftigkeit zu.

Inserat vom 13. August 1918 im «Schaffhauser Intelligenzblatt» – den meisten dürfte der Staubsauger allerdings zu teuer gewesen sein.
Karl infiziert sich schon am Anfang mit dem Virus.
Binnen kurzer Zeit leidet er unter heftigem Fieber, starken Gliederschmerzen und Schüttelfrost, welcher trotz mehrerer Decken nicht verschwinden will. Ein Kamerad versucht ihn zu beruhigen und sagt, dass die Grippe in wenigen Tagen verschwunden sei. Karl müsse sich nur schonen. Aber er merkt, dass etwas anders ist. Es ist nicht die Art Grippe, wie sie saisonal immer wieder auftritt – dieses Mal ist es heftiger. Karls Fieber steigt schnell über die 40 Grad Marke und verharrt dort. Alles, was die Kameraden machen können ist ihm regelmässig den feuchten Waschlappen auf der Stirn zu wechseln - und hoffen.

Als die Grippe nach Schaffhausen kam

Auch Schaffhausen wird von der ersten Welle der Grippe getroffen, allerdings gibt es kaum Aufzeichnungen, vor allem, da dieses Ereignis in die typische Grippezeit fiel. Die alltägliche Sorge um das Essen auf dem Tisch und die Kohle im Ofen überdecken auch damals die Angst vor einen Erreger, den man nicht sehen kann.
Das wird sich später jedoch ändern.

Der Bahnhofsplatz, ca. 1914. Bild: Schaffhauser Stadtarchiv

Karl hingegen erholt sich.
Nach vier Tagen, er ist noch wacklig auf den Beinen, kann er wieder aufstehen. Er weiss es noch nicht, aber er hat sehr viel Glück gehabt. Die Grippe fällt teils so heftig aus, dass manche Infizierte selbst nach der Genesung noch Jahre und teils ein Leben lang an den Folgen leiden müssen. Schwäche, geschädigte Lungen - alles grausame Andenken an eine Pandemie, die in ihrer Heftigkeit wohl am ehesten mit der Pest vergleichbar ist. Auch Karl wird diese Form der Grippe noch zu Gesicht bekommen, so wie Millionen von anderen Menschen.
Es ist Frühjahr 1918. Bald kann Karl wieder nach Hause und seine Familie in Schaffhausen sehen. Er zählt die Tage, wie seine Kameraden auch.
Seine Frau hat inzwischen andere Sorgen. Gerade erst hat sie erfahren, dass «der Kanton Schaffhausen dieses Jahr 125 Hektaren Land mehr mit Kartoffeln anzubauen hat» als im Vorjahr. Das bedeutet eine massive Mehrbelastung für die Bauern in der Region. Aber nicht nur für die, denn es soll nun jegliches Grundstück genutzt werden um den Bedarf zu decken.

Der Ernst der Zeit verlangt, daß alle diese Grundstücke, wenn sie sich einigermaßen eignen, in den Dienst der Lebensmittelproduktion gestellt werden.

aus den «Schaffhauser Nachrichten» März 1918.

Alternative wäre eine weitere Lebensmittelverknappung – darunter würden alle leiden. Sie muss nun ihren Garten umgraben um dort Kartoffeln anzupflanzen. 

Was die spanische Grippe zu gefährlich machte

Es ist die Mischung der Umstände, die die spanische Grippe damals so gefährlich macht. Einerseits ist der Erreger vom Typ A/H1N1 äusserst aggressiv, andererseits trifft er aber auch auf geschwächte Menschen, die lange Entbehrungen und Belastungen ertragen mussten. Ausserdem fatal: Diesen Stamm haben die meisten Menschen zwischen 20 und 40 Jahren noch nie erlebt. Dadurch haben ihre Körper keinerlei Antigene gebildet. Daher trifft es vor allem die Menschen, die eigentlich während einer normalen Grippesaison am besten damit umgehen können: Junge Menschen.
Karl kommt im August 1918 wieder nach Hause.
Die zweite Welle rollte gerade mit aller zerstörerischen Kraft über die Schweiz - und auch über Schaffhausen. Zuhause erwartet ihn ein schreckliches Bild. Seine Frau hat sich infiziert. Sie gehört leider auch zu der Personengruppe, die noch keine Antikörper gebildet haben. Das wird ihr nun zum Verhängnis. Die Mangelernährung, die Angst und der Stress der vergangenen Monate - alles spielt jetzt gegen sie und hilft einem Gegner, der keine Kompromisse eingeht.

Allerlei Mittel wurden angepriesen – Inserat vom 20. Juli 1918.
Ihr Kissen ist blutig, an ihrer Nase ist das Blut geronnen. Karl weiss zu diesem Zeitpunkt nicht, dass in manchen Fällen auch das ein Symptom der tödlichen Grippe sein kann. Er hört ihr schweres Röcheln, während ihr heisse Schweissperlen die Stirn hinabrennen. Ihre Haut ist bläulich verfärbt.
Sie hat eine blutige Lungenentzündung und bellt mit jedem Hustenanfall einige Tropfen Blut auf das durchnässte Laken über ihrem Körper. Ein hinzugerufener Arzt stellt die Diagnose «Spanische Grippe».

Die zweite Welle in Schaffhausen

Die zweite Welle der Grippe fällt teilweise um einiges heftiger aus als die erste. Manche Menschen sterben binnen weniger Stunden, andere erholen sich nach wenigen Tagen wieder vollständig. Wieder andere blieben ein Leben lang gezeichnet von der Krankheit, leiden an neurologischen Ausfällen, Schwäche und plagen sich mit geschädigten Lungen.
Im Kanton Schaffhausen kommt es beim zweiten Anstieg ebenfalls zu mehren Grippefällen. In den Zeitungen wird nun gross über die grassierende Krankheit berichtet. Fachmänner kommen zu Wort und geben Stellungnahmen. Manche vermuten Streptokokken als Auslöser des Leidens - andere sprechen von einer Art neuer Pest.

Geschäftemacher versuchten mit dem Leid Profit zu machen. Inserat von 1918.
Das öffentliche Leben kommt immer mehr zum Erliegen - und auch das militärische. Im Juli 1918 werden zum Beispiel vom Armeearzt sämtliche Einberufungen ausgesetzt. «Es wurde beschlossen, die beginnenden Rekrutenschulen zu entlassen, ebenso die Instruktionskurse, Unteroffizierschulen u. s. w.» heisst es in den «Schaffhauser Nachrichten» vom 18. Juli 1918. Veranstaltungen, öffentliche Sitzungen – praktisch alles, wo viele Menschen zusammenkamen, wird nacheinander abgesagt oder verboten. So auch die Feierlichkeiten zum 1. August 1918 in Feuerthalen.

Nur ungern hat sich das Organisationskomitee zu diesem Schritte entschlossen, denn die Vorbereitungen waren im vollen Gange: Männerchor und Töchterchor hatten ihre schönsten Melodien eingeübt, von den Turnern waren arbenprächtige lebende Bilder in Aussicht gestellt und das Dekorationskomitee hatte für eine stimmungsvolle Ausschmückung des Saales Vorsorge getroffen. Diese spanische Grippe ist indessen zu ernst und zu heimtückisch, als daß sie eine Feier größeren Umfanges zugelassen hätte, und die Verantwortung, welche auf den Veranstaltern lag, war zu groß.

aus den «Schaffhauser Nachrichten» erschienen am 27. Juli 1918.

Wie viele Menschen letztlich im Kanton Schaffhausen an der Krankheit zum Opfer fallen, ist schwierig zu bestimmen. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. In den «Schaffhauser Nachrichten» von damals heisst es:

In der Woche vom 4. bis 10. August hatte man im ganzen Kanton 117 Grippefälle, darunter waren 38 Militärpersonen. Die Woche vom 18. bis 24. August weist nun nach einer Mitteilung der kantonalen Sanitätsdirektion 233 Fälle auf, darunter 21 Militärpersonen. Um mehr als 100 Fälle hat also die spanische Krankheit zugenommen. In 15 Gemeinden des Kantons hat die Grippe Einzug gehalten. In 4 Fällen hatte sie einen tötlichen Ausgang.

aus den «Schaffhauser Nachrichten» erschienen am 27. Juli 1918.

Die dritte und letzte Welle der Grippe 

Karl steht auf einem Friedhof.
Es ist ein warmer Sommertag. Die Sonne scheint, aber irgendwie wirkt alles tot. Auf den Strassen sieht man nur wenige Menschen und die, die man sieht haben ihr Gesicht meistens unter einem Mundschutz versteckt - aus Angst vor einer Infektion.
Zwei Tage nach Ausbruch der Krankheit ist seine Frau gestorben. Nicht friedlich, sondern keuchend und hustend, wie Millionen andere auf der Welt, die ebenfalls an der Grippe litten.
Das Einzige, was Karl ihr jetzt noch bieten kann, ist ein anständiges Begräbnis. Aber leider wird auch daraus nichts. Er steht letztlich alleine am Grab. Um ihn herum, zwischen vielen neu gesetzten Kreuzen, ist die Erde noch frisch ausgehoben. Nirgendwo sieht man die Verheerung der Grippe so deutlich wie auf dem Friedhof.

Betrachtet man die Todesanzeigen der damaligen Zeit fällt auf: Die meisten Toten waren unter 30. Bild: Stadtarchiv Schaffhausen
Zur Beerdigung seiner Frau wollten keine Freunde oder Bekannte kommen. Nicht, weil sie die Verstorbene verachtet hätten, sondern einfach aus dem Grund, weil sie Angst vor einer Ansteckung haben. Damit folgen sie auch der Aufforderung der Stadt. Diese erlässt im Oktober die Weisung:

Von nun an haben sich Grippeerkrankte (auch leicht Erkrankte), Grippeverdächtige und Genesende (bis mindestens eine Woche nach Fieberanfall), ferner Personen, in deren Familie die Grippe herrscht, sowie Krankenpfleger vom Besuch von Märkten, Läden, Geschäften, Fabriken, Tram- und Eisenbahnwagen und anderen Versammlungsorten fernzuhalten. Der Besuch von Grippeerkrankten ist.

aus den Schaffhauser Nachrichten, erschienen am 16. Oktober 1918

Am Ende schlägt die Spanische Grippe noch ein letztes Mal zu. Ende 1918, Anfang 1919 folgt die dritte Welle. Allerdings wird darüber in Europa kaum mehr berichtet. Zu frisch war die Erleichterung, dass der grausame Krieg endlich ein Ende gefunden hatte.Bis heute gilt die Spanische Grippe als eine der schlimmsten Pandemien der Weltgeschichte. Knapp 50 Prozent der Schweizer Bevölkerung infizierte sich – knapp 0,62 Prozent der Gesamtbevölkerung starb – was 24'449 Menschen entspricht.
Wer überlebte, trug oft schwerwiegende neurologische Folgen davon.
Karl überlebt die Grippe. Ohne Schäden und schwerwiegende Folgen.
Er hat Glück gehabt.

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