Glacepreise am Rheinfall «zum Fremdschämen»

Autor
Schaffhauser N…

Eine Kugel Glace für 4.50 Franken: Schaffhauser ärgern sich, dass die Touristen am Rheinfall ausgenommen würden. Marco Pezzetta, Chef der Rheinfall Gastronomie AG, verteidigt den Preis.

So wurde Guido Stauber das Glace am Rheinfall serviert. Bild: zvg

von Elena Stojkova

Sonnenschein, Boote, die zum Rheinfallfelsen fahren, fotoknipsende und staunende Touristen: Dieses Bild bietet sich am Rheinfall oft. So auch am letzten Osterwochenende. Etwas aber trübte das Bild: das Glace. Was normalerweise für zusätzlichen Genuss sorgt, bereitete manchen Rheinfallbesuchern Ärger.

So auch dem Schaffhauser Guido Stauber, Leiter Marketing bei der Ferroflex Stierlin AG. Mit seinen Enkeln spazierte er am Wochenende zum Rheinfall. Den Kleinen hatte er ein Eis versprochen, also stellten sie sich in die lange Menschenschlange vor dem Glacestand. Vor ihm, so erzählt er, hätten vier Holländer gewartet, die je zwei Kugeln Eis bestellt hatten. «Als den Touristen vor mir der Preis genannt wurde, haben sie die Welt nicht mehr verstanden, und ich konnte nur den Kopf schütteln.» 36 Franken war der Preis – 4.50 Franken pro Kugel. Wahrscheinlich hätten die Touristen vorher nicht genau auf den Preis geachtet, ausserdem sehe man das Preisschild, wenn man hinter vielen Leuten Schlange stehe, schlecht.

Über 100 Kommentare

Es habe auch Touristen gegeben, die kurz vor dem Ziel – nach 15- bis 30-minütigem Anstehen – die Schlange verliessen, als sie die Preise sahen, sagt Stauber. «Es ärgert mich und ich schäme mich fremd, dass man die Touristen am Rheinfall ausnimmt.» Auch wenn es Touristen seien, die den Rheinfall nach dem Ausflug jahrelang nicht mehr besuchen würden, seien die Preise unverhältnismässig. «Man müsste etwas dagegen machen – sich überlegen, ob man an der Preispolitik am Rheinfall nicht etwas ändern will.» Als ehemaliger Organisator der Frühlingsshow in Herblingen wollte Stauber solch hohe Preise an diesem Anlass nie sehen. «Wir wollten immer familienfreundliche Preise haben.»

Was Stauber ebenfalls ärgert: Die Kugel Eis wurde seinen Enkeln in einem übergrossen Eisbecher serviert, dazu bekamen sie grosse Plastiklöffel, die in Plastikfolie verpackt waren, und Ser-vietten. Der teure Glacegenuss habe so auch viel Abfall hinterlassen. Seinem Ärger machte Stauber auf Facebook Luft und lud ein Bild vom Glace, das er für seine Enkel gekauft hatte, hoch. Innert kürzester Zeit fanden sich darunter über 100 Kommentare. Einige Schaffhauser merkten an, dass der Glacekauf freiwillig sei, die meisten davon ärgerten sich aber. «Abzocker, das geht gar nicht! Was denken die Touristen über uns?», schreibt eine Nutzerin. Und ein Nutzer kommentiert: «Der Rheinfall ist nur noch ein Reinfall für die Gäste.» Die Kombination von hohem Preis, liebloser Präsentation des Glaces und Plastikmüll gehe in der heutigen Zeit gar nicht, kritisiert ein weiterer Schaffhauser.

«Wir wurden überrannt»

Marco Pezzetta, Geschäftsführer der Rheinfall Gastronomie AG, hat Verständnis für diesen Ärger. Er erklärt aber auch, dass die Ostertage sämtliche Rekorde brachen. Mit einem Grossandrang habe man zwar gerechnet und entsprechend für mehr Personal und Material gesorgt. «Aber wir wurden von Besuchern regelrecht überrannt.» Deswegen seien die Warteschlangen besonders lang gewesen. «Die mobilen Glace-stände hatten wir zum ersten Mal im Einsatz.» Es zeigte sich, dass noch einiges angepasst werden müsste. «Aufgrund der grossen Nachfragen gingen die Cornets aus und so mussten wir das Glace in zu grossen Bechern verkaufen und Kaffeelöffel dazugeben, weil wir keine Eisspaten mehr hatten», so Pezzetta. Das Glace habe so weniger attraktiv gewirkt als üblich. «Das ist sehr ärgerlich und tut uns leid.»

Die Preisgestaltung machen die Rheinfallgastronomen in Absprache mit den Lieferanten, welche breite Erfahrungen mit Preisen an anderen, vergleichbaren Destinationen haben. «Der Rheinfall ist ein touristisches Erlebnis von europäischem Rang», sagt Pezzetta. Nicht nur das Erlebnis, sondern auch die Anforderungen an den Betrieb seien speziell. «Das wirkt sich auch auf die Preise aus.» Pezzetta selbst war an Ostern ebenfalls am Rheinfall. Negative Reaktionen habe er direkt keine erhalten. «Im Gegenteil – wir bekamen Lob für unsere Arbeit von Gästen, die gesehen haben, wie wir überrannt wurden.»

Neuen Kommentar schreiben

Diese Funktion steht nur Abonnenten und registrierten Benutzern zur Verfügung.

Registrieren