«Die Fische kämpfen ums Überleben»

Autor
Isabel Heusser

Der Rhein ist in den letzten Wochen so warm geworden, dass insbesondere der ohnehin schon tiefe Äschenbestand akut gefährdet ist. Auch die Abkühlung am Wochenende hilft kaum.

Eine tote Barbe im Rhein: 10 bis 15 Exemplare täglich treiben derzeit beim Kraftwerk im Wasser. Sie ertragen die hohen Temperaturen nicht. Bild: Selwyn Hoffmann

Die böse Erinnerung an den Hitzesommer 2003 ist noch immer präsent: Weil der Rhein damals bis zu 27 Grad Celsius warm wurde, verendeten rund 97 Prozent der Äschen oberhalb des Rheinfalls. Nun drohe ein ähnliches Szenario. Seit Wochen hat es kaum geregnet, die Temperaturen sind anhaltend hoch, und die Abflussmenge im Rhein ist ungewöhnlich tief.

Das hat Folgen. Schon eine Wassertemperatur über 20 Grad stresse Fischarten wie Äschen oder Forellen, teilt der Fischereiverein Schaffhausen mit. Dieser Wert ist schon längst überschritten: Aktuell misst der Rhein 24 Grad, und langsam werde es kritisch für die Äschen, sagt der kantonale Fischereiaufseher Patrick Wasem. Er ist wegen der lang anhaltenden Hitze und der Trockenheit im Dauereinsatz. Wasem prüft den Zustand der Gewässer im Kanton und sucht sie nach toten Fischen ab. Gestern Morgen war er an der Durach im Einsatz, um in einer Rettungsaktion einen Flussabschnitt abzufischen und die Fische in einem weniger gefährdeten Gebiet wieder auszusetzen.

Äschen seien besonders gefährdet, weil sich der Bestand seit 2003 nie mehr richtig erholt habe, sagt Wasem. Die hiesige Äschenpopulation ist die wichtigste der Schweiz. Doch nicht nur den Äschen ist es momentan zu warm. Zurzeit beobachtet der Fischereiaufseher täglich 10 bis 15 Kadaver von grossen Barben, die beim Schaffhauser Kraftwerk angeschwemmt werden. Viele Fische seien so akut bedroht, dass keinerlei Störungen mehr drinlägen, sagt Wasem. «Jegliches Fehlverhalten, etwa wenn Gülle in einen Bach gelangt, führt zu einem sofortigen Fischsterben.»

Badende stressen die Fische

Die Möglichkeiten, Fische vor dem Hitzetod zu bewahren, sind begrenzt. Wenn nötig werden die Zuflüsse in den Rhein mit Baumaschinen vertieft, weil die Bäche kühleres Wasser führen und so Erholung für die Fische bringen. An ausgewählten Stellen werden ausserdem sogenannte Kaltwasserzonen geschaffen. «Dort sollte man aber nicht baden gehen, das stresst die Fische massiv, und sie kämpfen ohnehin schon ums Überleben», sagt der Fischereiaufseher. Vor Ort werden deshalb Plakate aufgestellt, um darauf aufmerksam zu machen, und die Zonen werden zum Teil mit Ölsperren markiert und abgesperrt. «Leider halten sich viele Leute nicht daran», sagt Fischereivereinspräsident Samuel Gründler.

Linderung bringe auch kaltes Grundwasser, das an diversen Stellen aus der Rheinsohle trete. Allerdings würden die Fische an diesen Orten durch den teilweise massiven Boots- und Schiffsverkehr gestört. Viele Fischer würden sich wünschen, dass der Schiffsverkehr auf dem Rhein an Tagen, wenn es besonders heiss sei, eingeschränkt werde, heisst es vonseiten des Fischereivereins. Remo Rey, Geschäftsführer der Schweizerischen Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein AG (URh), reagiert erstaunt auf diese Nachricht: «Uns ist nicht bekannt, dass die Schifffahrt einen direkten Einfluss auf die Gesundheit der Fische haben könnte.» Den Betrieb zu reduzieren, ist bei der URh aktuell kein Thema. «Die Fischer haben diesbezüglich auch keinen Kontakt mit uns aufgenommen.»

Wels fühlt sich wohl

Am Wochenende soll es zwar deutlich kühler werden, Regen und Gewitter sind angesagt. Selbst wenn sich die Wassertemperatur im Rhein dadurch senkt: «Das entschärft die Lage nur kurzfristig», sagt Wasem. Die Situation nachhaltig entspannen könne nur eine lang anhaltende Regenperiode von mindestens einer Woche. «Und die ist nicht in Sicht, bereits in den nächsten Tagen soll es wieder warm und trocken sein.»

Nicht alle Fische leiden unter der Hitze. Manchen Arten kommt sie sogar entgegen. Gemäss Fischereiverein häufen sich die Meldungen von Welsen im Rhein. Eine gute Nachricht ist das allerdings nicht: Welse sind ein weiterer Konkurrent für die bestehende Fischpopulation.

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