«Burglind» und «Lothar»: Zwei Winterstürme im Vergleich

Autor
Ralph Denzel

«Burglind» war kein Orkan wie «Lothar» - zum Glück, vor allem, wenn man die Berichterstattung von damals Revue passieren lässt.

Am Stephanstag 1999 tobte ein Sturm, der in den letzten Tagen immer wieder in aller Munde war, auch wegen «Burglind»: Orkantief «Lothar». Mit Windgeschwindigkeiten von 164 km/h in Schaffhausen und einer Rekordgeschwindigkeit von 279 km/h auf dem Hohentwiel bei Singen ist dieser Orkan bis heute einer der stärksten Stürme der Geschichte. Betrachtet man die Berichterstattung der «Schaffhauser Nachrichten» aus dieser Zeit wird jedoch schnell klar: «Burglind» war kein «Lothar» - zum Glück.

 

 

Als «Lothar» kam und Verwüstung brachte

Das Wetter im Dezember 1999 meinte es gut mit der Schweiz. Für jeden schien etwas dabei zu sein. So gab es Anfang Dezember frühlingshafte Temperaturen, später etwas Schnee. Alles in allem normales Wetter.  Nur der häufige Regen wollte irgendwie keine Weihnachstimmung aufkommen lassen. Wenn man bis «Lothar» irgendwas über den letzten Monat des Jahres sagen müsste, dann vielleicht, dass es im Durchschnitt etwas zu mild war.

Bis eben zum 25. Dezember. Danach beherrschte ein anderes Thema das Wetter und die Region.

An diesem Tag zeigte sich vielerorts schon, was noch kommen sollte. Blitz und Donner überzogen das Land und die Windgeschwindigkeiten nahmen immer mehr zu. Es sollte allerdings bis zum 26. Dezember dauern, bis «Lothar» mit voller Kraft auf Schaffhausen traf. Um 11 Uhr am 26. Dezember 1999 war es dann soweit: «Lothar» lies die Muskeln spielen und fegte mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 162 km/h über die Region. Der Krisenstab der Polizei, vorsorglich von drei auf sechs Mitarbeiter aufgestockt, musste hunderte von Notrufen abarbeiten.

Die Wettervorhersage vom 24. Dezember 1999. «Lothar» kündigt sich an. Grafik: SHN 

Schaffhausen ist nicht mehr per Bahn zu erreichen

«Wegen grosser Schäden, durch die fast sämtliche Anlagen in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist ein fahrplanmässiger Betrieb bis auf Weiteres nicht mehr möglich» tönte es den gesamten 26. Dezember über den Schaffhauser Bahnhof. Die «Schaffhauser Nachrichten» vom 27. Dezember 1999 nannten das Kind beim Namen: Schaffhausen war per Bahn nicht mehr erreichbar. Im Weinland fiel der Strom stellenweise aus, weil Oberleitungen beschädigt waren. «Im Abrist-Wald zwischen Benken und Marthalen riss der Sturm meterdicke Eichen um und knickte Dutzende ausgewachsener Bäume auf einer Höhe von drei bis vier Metern wie Zündhölzer», hiess es in der selben Ausgabe. Die Wucht  und schiere Kraft von «Lothar» zeigt sich wohl am besten an einer Beobachtung in Benken: «Auf dem Höhepunkt des Sturmes wirbelten in Benken Ziegel wie Schneeflocken durch die Luft» heisst es in der Zeitung von damals.

 

Unzählige Strassen waren nach «Lothar» nicht mehr passierbar. Bild: Max Baumann

Im Vergleich dazu war «Burglind» noch harmlos: So fiel der Zugverkehr dieses mal nicht in Gänze aus, sondern betraf nur einige Streckenabschnitte. Unter anderem war die Strecke zwischen Schaffhausen und Singen bis zum Betriebsschluss nicht befahrbar. Laut SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi wurden durch den starken Wind «Baunetzte, Plachen oder Tücher an die Fahrleitungen» geweht und verursachten Kurzschlüsse.

 

«Es ist, wie wenn eine Lawine heruntergegangen wäre. Sowas habe ich noch nie gesehen.»

Hans Weber, Förster, am 29. Dezember 1999 über die Zerstörung von «Lothar»

Auch sonst kam die Region mit einem blauen Auge davon: Die Schaffhauser Polizei berichtet von ungefähr 40 umgestürzten Bäumen. Zum Vergleich: «Lothar» entwurzelte ganze Baumbestände. Im Staatswald auf Diessenhofer Gebiet kam es damals zu 3000 Kubikmeter Schadholz. Eine Waldfläche von vier Hektaren erlitt Totalschaden. Mehr noch: Im Buechberg legte der Orkan vom Kundelfingerhof bis zum Hüerbüel auf einer 300 Meter breiten Schneise fast sämtliche Bäume um. Der Förster Hans Weber sagte damals den «Schaffhauser Nachrichten»: «Sowas habe ich noch nie gesehen.»

 

Der Sturm forderte auch hier seinen Tribut. Bild: Bruno Bührer

Hohe Sachschäden in der Region

Aber auch an Gebäuden richtete «Lothar» massiven Schaden an: Fast «1200 Schadensmeldungen haben wir bisher erhalten», erklärte der damalige Leiter der kantonalen Gebäudeversicherung Alfred Schweizer gegenüber unserer Zeitung am 6. Januar 2000. Das neue Jahr begann sehr arbeitsreich für die Behörde, die ihre personellen Kapazitäten nur für die Abarbeitung der Sturmmeldungen fast verdoppeln musste - und im Schnitt trotzdem 14 Stunden im Büro sass um alle Schadensmeldungen zu bearbeiten. Trotzdem schätzte Schweizer damals, dass drei bis vier Monate dauern, bis alle Fälle bearbeitet sind.

Auch jetzt, nachdem «Burglind» sich verzogen hat, kommt wieder Mehrarbeit auf die Behörde zu. Wie der derzeitige Leiter der kantonalen Gebäudeversicherung Andreas Rickenbach schätzt, könnte es ungefähr 300 Schadensmeldungen geben. Die meisten die bisher gemeldet wurden sind allerdings eher klein.

 

Alles in allem war «Lothar» ein «trauriger Rekord» an Verwüstung. Bild: Paul Schudel

Auch dieses Mal wird es wahrscheinlich zu Schadensmeldungen kommen, aber immerhin gab es keine Todesopfer durch «Burglind». Auch wenn der Sturm einige Verletzte zurücklies, offizielle Zahlen sprechen von mindestens 16 Personen, davon keine im Kanton Schaffhausen, kam dieses Mal zum Glück niemand zu Tode. In der Schweiz forderte «Lothar» und die Aufräumarbeiten damals 29 Todesopfer.

Keine so zerstörerische Kraft wie «Lothar»: Der Wintersturm «Burglind». Bild: Daniel Zinser

Wie hoch die gemeldete Schadenssumme letztlich sein wird, ist jetzt noch nicht abzusehen. Sie dürfte aber wahrscheinlich unter dem von Lothar liegen. Dieser verursachte alles in allem einen Schaden von über einer Milliarde Franken in der Schweiz.

Neuen Kommentar schreiben

Diese Funktion steht nur Abonnenten und registrierten Benutzern zur Verfügung.

Registrieren