Kindsmord im Schaffhauser Mittelalter

Autor
Ralph Denzel

Es ist das 15. Jahrhundert. Eine Frau soll ihr Kind getötet haben - dafür wird sie zum Tode durch lebendig begraben verurteilt. Was trieb sie an?

Eine Mutter tötet ihr Kind. Bild: Wikimedia/PD-alt-100

Die Leute schreien und spucken ihre Verachtung wütend heraus, während Adelheit Payer ihren letzten Gang antritt. Sie hat schreckliche Angst, denn sie weiss, was sie am Ende dieses Weges erwartet. Sie befindet sich auf dem Galgenbuck. Das Letzte, was sie von ihrer Heimat sehen wird, ist der Blick über das mittelalterliche Schaffhausen. An diesem Ort sollen noch bis zum Jahr 1822 Menschen ihr Leben lassen. Am Galgen baumelnd – es wäre ein gnädigerer Tod für die Frau.

Es ist ein kühler Tag, im Jahr 1487, aber das spürt sie nicht. Ihr Blick richtet sich starr auf das Loch, welches man für sie ausgehoben hat. Es ist ihr Grab.

Eine mittelalterliche Ansicht von Schaffhausen. Bild: Stadtarchiv

Adelheit Payer wird Kindestötung vorgeworfen - eine der schlimmsten Sünden, die man begehen kann. Daher wird über sie auch eine der schlimmsten Strafen gesprochen, die man sich vorstellen kann: Sie soll bei lebendigem Leib begraben werden.

Ob sie wirklich schuldig ist, ist nicht sicher. Aber die Richter haben ein Geständnis von ihr – alles andere ist egal. Ihr Ende ist besiegelt. Sie wird es hier, in kalter Schaffhauser Erde finden.

Warum tötet man sein eigenes Kind?

Kindstötungen waren im Mittelalter keine Seltenheit – und sind es auch heute nicht. Immer wieder schockieren Berichte über solche Vorkommnisse unsere Gesellschaft. Es ist eine Art Tabubruch: Kinder sind etwas Beschützensswertes und Kostbares – und ein Mord an ihnen ist mit nichts zu rechtfertigen. Was bringt also Menschen dazu, den eigenen Nachwuchs zu ermorden?

Ein Motiv, zumindest in früheren Zeiten, waren unter anderem Krisen und Krankheiten. So kann man vielleicht ein bisschen Sinn in eine sonst unvorstellbare Tat bringen: Die Eltern wollten ihren Sprösslingen mehr Leid ersparen.

Vor allem unter Bauern war dieses Problem allgegenwärtig. Kinder waren damals eine Belastung, die man erst durchbringen musste. Dahinter kann auch eine perverse Rechnung stehen: Welches Kind überlebt eher, um später dafür zu sorgen, dass wir alle überleben? Oder anders: Welches Kind hat mal einen Nutzen? Mit dieser Vorstellung im Kopf, ist es nicht verwunderlich, dass auch Missbildungen ein Grund sein konnten, den eigenen Nachwuchs zu töten.

Das war dabei lange sogar gesellschaftlich akzeptiert: So befürworteten grosse Philosophen wie Platon die Sitte, misstgestaltete Kinder auszusetzen. Auch im alten Rom fand diese Sitte durchaus Anwendung.

Oft war ein Todesurteil für ein Kind aber auch die Tatsache, dass es der falschen Mutter geboren wurde: So finden sich immer wieder in der Nähe von alten Bordellen Kinderskelette – meisten sind diese männlich. Der Grund ist dabei wohl ebenso traurig wie erschreckend, aber folgt ebenso der perversen Rechnung: Männliche Nachkommen konnten später nicht in die Fussstapfen der Mutter treten und waren folglich nur Ballast.

Einen besonders brutalen Fall gibt es auch in Schaffhausen: So wurde bei Grabungen in einer alten Latrinengrube aus dem Mittelalter der Kopf eines Mädchens gefunden. An der Schädelkalotte fand sich ein Loch. Wahrscheinlich war dieses direkt nach der Niederkunft, mit einer Schere oder einem ähnlichen Gegenstand beigebracht worden. Warum das Mädchen sterben musste und wer es tötete? Diese Frage wird wohl nie geklärt werden.

Schaffhausen im Jahr 1545. Bild: Stadtarchiv

Das Problem von Kindstötungen blieb aber auch Herrschern nicht verborgen, welche drakonische Strafen dafür bestimmten. 1516 wurde unter Kaiser Karl V. bestimmt, dass als übliche Bestrafung für die Tat «Kindsmord» unter anderem Pfählen in Frage kam. Dabei wird dem Verurteilten ein Pfahl durch den Körper getrieben. Weitere mögliche Hinrichtungsarten waren Ausseinanderreissen des Körpers mit glühenden Zangen – oder eben das Schicksal, welches Adelheit Payer erwartet: Lebendig begraben werden.

Die Strafe für Kindstötung konnte damals nicht grausam genug sein, denn sie sollte vor allem der Abschreckung dienen – sicher wusste auch Adelheit, welche grausamen Strafen auf den sogenannten Infantizid steht, aber das konnte sie jetzt auch nicht mehr retten.

Eine der möglichen Hinrichtungsarten bei Kindstötung: Pfählen. Bild: Wikimedia

Der Historiker Oliver Landolt hat die Geschichte der Frau aus Quellen im Stadtarchiv gut nachgezeichnet. Nachzulesen sind seine Recherchen in den «Schaffhauser Nachrichten» hier.

Adelheit Payer: Eine Rekonstruktion ihrer Tat

Adelheit gehört zu den unteren Schichten der Stadt. Ihr Leben ist hart. Ihr Mann verdient sein Geld als «Karrer», ist also Angestellter bei einem Transportunternehmen in der Stadt. Das Verhältnis der beiden ist angespannt, um nicht zu sagen schwer: Gerichtsunterlagen und vor allem auch das Geständnis, welches im Stadtarchiv zu finden ist, zeigen das. Ihr Mann sitzt mehrmals im Gefängnis, wird gefoltert – auch wegen Adelheit. Diese wirft ihm vor, dass er neben ihr mit einer weiteren Frau verheiratet sein soll. Bigamie ist eine schwere Straftat im mittelalterlichen Schaffhausen. Laut Landolt ist diese Strafe hochgradig verachtet und kann sogar mit dem Tod bestraft werden.

Sie hat ihn dieser Tat beschuldigt.

Auch dies wird ihr zum Verhängnis, als sie an der Anklagebank steht und sich wegen Kindstötung verantworten muss, aber dazu später mehr. Wie muss das Leben für Adelheit gewesen sein? An der Seite eines Mannes, gegen den sie solch einen Groll hegt, dass sie sogar bereit ist, dafür zu sorgen, dass er solche eine Strafe auferlegt bekommt? Mit dem Wissen, dass er gefoltert und vielleicht sogar getötet wird.

Ein Holzschnitt aus dem Jahr 1508: Eine Magd versucht sich ihrem Kind zu entledigen. Bild: Die Welt der Schweizer Bildchroniken

Es ergibt sich das Bild einer Frau, die laut Gerichtsunterlagen in der 15 Woche bemerkt, dass sie schwanger ist. Es muss für sie schrecklich sein. Sie ist Witwe, über einen anderen Mann finden sich keine Aufzeichnungen. Das Kind muss also unehelich sein. Ein Stigmata für eine Frau, die es ohnehin nicht einfach hatte in ihrem Leben.

Das würde ihre Handlungen erklären, die ebenfalls gegen sie vorgebracht werden, während sie vor der Richterbank steht. So gesteht sie, dass sie, nachdem sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, versucht hat, das Kind abzutreiben. Dazu soll sie verschiedene Tränke eingenommen haben – alles, um das Kind loszuwerden. Aber Adelheit bringt es zur Welt. Ob der Vater, wer auch immer es war, davon wusste, ist nicht klar.

Adelheit ist eine Frau, von der man weiss, was sie ihrem Mann angetan hat.

Schaffhausen ist damals nach heutigem Massstab ein Dorf, aber der Klatsch wandert auch damals so schnell von Mund zu Mund wie heute in Zeiten von WhatsApp und Facebook – und die Geschichte, dass ein Mann ein Bigamist sei – das ist Wasser auf die Mühlen der Menschen, die sich nach einer Abwechslung von dem schweren Alltag sehen. Gerüchte und Skandale, das Leid anderer – all das ist herzlich willkommen, denn es lenkt ab. Die gleichen Menschen, die sich damals wahrscheinlich über die angebliche Bigamie von Steffan, Adelheits Mann, das Maul zerrissen, stehen ein paar Jahre später am Galgenbuck und beobachten, wie Adelheit ihren letzten Gang antritt.

Laut den Gerichtsunterlagen bringt Adelheit das Kind selbst zur Welt. Kurze Zeit später will sie es selbst getauft haben. Ob dies stimmt, kann weder damals noch heute nachgeprüft werden, aber dient ihrer Verteidigung.

Der Säugling lebt anscheinend noch bei der Geburt. Die Frage ist nur, wie lange? Hat Adelheit letztlich doch geschafft, was sie bereits in der 15. Woche mit Kräutern und anderen Mitteln erzwingen will? Ist das Kind so geschädigt, dass es nicht lebensfähig ist? Oder ist sie eine Kindsmörderin? Beides bleibt unklar. Es ist auch nicht klar, wann das Kind genau starb. Die Gerichtsunterlagen geben darüber keine Auskunft.

Sicher ist hingegen, dass sie ihr Kind danach in einem «Trog» versteckt und ungefähr acht Tage später im Keller vergraben hat. Wie es gefunden wurde, ist ebenso unklar wie ihre genauen Motive. 

Was könnte Adelheit angetrieben haben?

Ihr Geständnis legte die Frau aus freien Stücken ab, denn in den Gerichtsunterlagen wird klar, dass sie nicht gefoltert worden ist. Daraus ergibt sich dann die Frage: Sagte sie, was die Leute hören wollen, damit ihr die Folter erspart bleibt? Diese war damals ein gängiges Mittel und eine Aussage unter Folter war kein bisschen weniger Wert als die, die aus freien Stücken geäussert wurde.

Für den Historiker Landolt wollte Adelheit vor allem eines: Sich in einem guten Licht präsentieren. Sie weiss, was für eine Strafe sie im Falle einer Verurteilung erwartet.

Fiktive Darstellung des angeblichen mehrfachen Ritualmords an sechs Regensburger Knaben im Jahr 1476. Bild: Wikimedia

Dafür lässt sie nichts unversucht: So wideruft sie vor Gericht auch die Bigamie-Anschuldigungen gegen ihren Mann. Aber das bringt ihr nichts. Wenn sie damals schon gelogen hat – wieso sollte sie jetzt die Wahrheit sagen? Alles, was sie für sich und ihre Verteidigung vorbringt, verhallt ungehört oder wird gegen sie verwendet. So wie die Taufe, die sie für sich beansprucht. Für Landolt ein geschickter Schachzug, der ins Leere geht. Durch die Taufe hat Adelheit «nur» den Körper des Kindes getötet. Die Seele hingegen muss nicht in den Limbo, die Zwischenhölle, in den ungetaufte Kinder nach ihrem Tod gehen. Ein Gnadenakt, der zeigen soll, dass Adelheit eben kein Monster ist – aber es bringt nichts.

Das Urteil wird gesprochen, mit all der Härte, die man für eine Kindsmörderin aufbringen kann.

Adelheits letzter Gang

Adelheits Beine sind gefesselt, während man sie grob in die Grube wirft. Ihre Henker beginnen, die Erde auf sie zu werfen. Sie spürt den kalten Dreck an ihren nackten Knöcheln, die Kälte, die langsam ihren Körper nach oben zieht. Sie strampelt immer noch, versucht sich zu wehren, aber der Druck auf ihre Gliedmassen wird immer stärker und stärker – irgendwann kann sie sich nicht mehr bewegen.

Sie schaut noch einmal in den Himmel. Ein letztes Mal sieht sie eine Wolke über sich vorbeiziehen und das Blau, welches sie so oft in ihrem harten Leben nicht wahrgenommen hat. Jemand steckt ihr ein Rohr in den Mund. Sie umklammert es mit ihren Zähnen. Das ist die letzte Möglichkeit, mit der sie sich noch ans Leben klammern kann.

Illustration zu E.A. Poes «Das vorzeitige Begräbnis» von Harry Clarke. Bild: Wikimedia

Sie wird nicht sofort ersticken – das wäre zu einfach. Stattdessen wird sie langsam verhungern und verdursten, während sie nichts weiter machen kann, als etwas Luft durch das Rohr in ihrem Mund zu saugen. Die Stimmen der Leute um sie herum verstummen langsam, während der kalte Druck auf ihrem Körper immer grösser wird.

Adelheit liegt lebendig in ihrem Grab - ob schuldig oder nicht.

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