Meine Woche als Asylbewerber

Autor
Daniel Zinser

21.60 Franken pro Tag. Unser Online-Redaktor hat versucht, eine Woche lang mit dem Budget eines Asylbewerbers zu leben und sich zum Schluss von Nudeln und Karotten ernährt.

Auch mit kleinem Budget kann man leckere Dinge kochen, wie dieses Gericht mit Nudeln und Auberginen zeigt. Bild: daz

Ein Asylbewerber erhält in unserem Kanton monatlich 370 Franken, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nimmt er an einem Beschäftigungsprogramm teil, kann er sein monatliches Budget auf 670 Franken aufstocken. In einem Monat mit 31 Tagen sind das 21.61 Franken pro Tag. (Mehr Details dazu finden Sie in der Box). Mit etwas mehr als 20 Franken durch den Tag zu kommen? Das sollte doch möglich sein, dachte ich mir, und machte mich daran, es auszuprobieren. Eine Woche lang sollte mein Test gehen. Das Tagebuch dazu folgt auf den folgenden Zeilen.

Das Handy-Abonnement als erstes Problem

Ein erstes Problem tauchte bereits vor dem Start auf. Mein Handy-Abonnement ist aktuell mit 99 Franken im Monat ziemlich teuer. Runtergerechnet auf meine Versuchswoche, verschlang alleine dieser Kostenpunkt schon 22.35 Franken meines Budgets. Da ein eigenes Handy für viele der Asylbewerber aber fast unverzichtbar ist und Telefongespräche mit den Verwandten in der Heimat nicht unwesentliche Kosten verursachen, will ich diesen Beitrag aber in meinem Versuch nicht aussen vor lassen. So starte ich also bereits mit 3.20 Franken Kosten für mein Handy in den ersten Tag.

Montag: Ziel knapp verfehlt 

So. Ab heute bin ich für sieben Tage mit meinem Portemonnaie auf dem Kriegsfuss. Mit dem Zug geht es am Morgen früh zur Arbeit. Die Kosten für die Zugfahrt sind ja dank der Teilnahme am Beschäftigungsprogramm abgedeckt. Da muss ich mir also die ganze Woche keine Sorgen darüber machen. Da die Ausgabenobergrenze von 151 Franken für diese Woche noch in weiter Ferne liegt, leiste ich mir bei der lokalen Filiale einer grossen Bäckereikette trotz kurzer Bedenken einen teuren Cappuccino zum Mitnehmen. 3.50 Franken sind weg. Zum Mittagessen gibt es Ghackets mit Hörnli und Salat für 13 Franken. Eigentlich nicht wirklich teuer, mit bisher ausgegeben 19.70 Franken liege ich aber bereits bedrohlich nahe an der heutigen Budgetgrenze. Zum Abendessen landen ein Liter Milch, Salat und eine Dose Bohnen in meinem Einkaufskörbchen. 23.65 fehlen nach dem ersten Tag im Portemonnaie. Das Ziel ist zwar knapp verfehlt, die Zuversicht ist aber weiterhin vorhanden.

Dienstag: Das war zu teuer 

Am Bahnhof gibt es für mich heute keinen Kaffee. Den Cappuccino für 3.50 tausche ich gegen einen 90 Rappen teuren Kaffee aus dem Automaten im Büro. Doch schon beim Mittagessen gerate ich wieder etwas in Schieflage. 14.50 Franken lasse ich mich ein feines Schnitzel kosten. Auch das Abendessen kostet heute leider viel zu viel. Auch wenn ich mich mit ein wenig Käse, Aufschnitt und einem Salat auf das Nötigste beschränke, tut es im Portemonnaie weh. Zusammen mit den Haselnüssen, die in den nächsten Tagen gegen Hungerattacken helfen solle, kostet mich der Einkauf 11,80 Franken. Mit den 3.20 Franken für das Handy-Abonnement liege ich heute bei 29.50 Franken. Morgen muss sich was ändern.

Mittwoch: Ziel dank Nudeln erreicht 

Heute will ich mein Ziel endlich erreichen. Ich habe also bewusst auf den Kaffee verzichtet. Während meine Mitarbeiter in einer Raucherpause ihrem Laster frönen, bin ich froh, dass Nikotin keines meiner Grundbedürfnisse ist. Wäre in dieser Woche finanziell wohl kaum tragbar.  Auch beim Mittagessen vom Take-Away komme ich heute etwas günstiger davon. 10.30 Franken. Da gibt es aber noch mehr Sparpotential denke ich und kaufe mir für das Abendessen einen Packung Nudeln und etwas Gemüse für 6.10 Franken. Zuhause angekommen koche ich mir ein Nudelgericht. Die Hälfte davon kommt in ein Mikrowellengeschirr und in den Kühlschrank. Mein Mittagessen für Donnerstag. Mit 19.60 liege ich heute endlich Mal unter der Budgetobergrenze und gehe zufrieden ins Bett.

Donnerstag: Coiffeur-Besuch sorgt für Herausforderung

Den heutigen Tag starte ich gut gelaunt. Da mich für mein Mittagessen keine Zusatzkosten erwarten, gönne ich mir zum Arbeitsbeginn erneut einen Kaffee für 90 Rappen. Im Verlauf des Tages kommt dann jedoch ein völlig unerwarteter Tiefschlag. Ich habe den schon letzte Woche abgemachten, dringend notwendigen Coiffeur-Termin völlig vergessen. Ich sehe meine finanziellen Ziele für diesen Tag in Rauch aufgehen. Mit dem Ziel, zu retten, was es noch zu retten gibt, kaufe ich mir für das Abendessen ein halbes Kilo Karotten, zwei Brötchen und ein Liter Vollmilch. Die Karotten für gerade mal 1.50 Franken das Kilo, sollten gekocht ein sättigendes Abendessen abgeben. Die neue Frisur kostet mich dann 34 Franken. Budget gesprengt. Auch wenn ich weniger als vier Franken für Lebensmittel ausgegeben habe, wird es mit 41.95 Franken mein teuerster Tag bisher.

Freitag: Ohne Hygiene-Artikel geht es nicht 

Ich bin guten Mutes in den restlichen drei Tagen meiner Asylbewerberwoche die gestrigen Mehrkosten wieder einzuholen. Im Büro gibt es am Morgen wieder den günstigen Kaffee für 90 Rappen. Zum Mittagessen gab es eine Lasange vom Take-Away für 8.50 Franken. Nach Feierabend wird ein Arbeitskollege verabschiedet. Der scheidende Kollege hat Sandwichs mitgebracht. Gut für meine Finanzen und meinen hungrigen Magen. Um den Kauf einer Dose Rasierschaum komme ich aber nicht herum. Das Abendessen lasse ich trotz leichten Hungergefühlen aus. Nach dem Training, das aufgrund meiner Vorstandstätigkeit gratis ist,  geht’s noch kurz in die Stammbeiz. Ein günstiger Tee für 3.70 Franken entlastet mein Portemonnaie. 18.30 Franken sind es heute im Total. Wieder mal ein guter Tag für mich.

Samstag: Kein Fleisch auf der Pizza

Zuversichtlich starte ich ins Wochenende. Vorsorglich habe ich meine geplanten Aktivitäten auf ein Minimum reduziert. Ich werde meine zwei freien Tage praktisch auf dem Sofa verbringen. Ohne Essen geht es aber nicht. Am Morgen kaufe ich ein. Zum Mittagessen soll es Pasta mit einer Auberginen-Tomaten-Sauce geben, zum Abendessen selbstgemachte Pizza. Bewusst verzichte ich dabei auf Fleischprodukte als möglichen Pizzabelag. Zu teuer. Es gibt Spargel aus dem Glas für 1.90 Franken. An der Kasse gibt’s dann den Lohn für das budgetbewusste Einkaufen. 14.10 Franken stehen auf dem Kassenzettel. Der Abend vor dem Fernseher bringt keine weiteren Kosten mit sich. Was für ein toller Start ins Wochenende.

Sonntag: Eine Einladung sorgt für Glücksgefühle im Portemonnaie

Heute geht meine Asylbewerberwoche mit einer Kampfansage zu Ende. Da Sonntag sowieso fast alles zu ist, will ich mein Portemonnaie gar nicht anrühren. Da hilft mir die Einladung zum Mittagessen natürlich sehr. Zum erst dritten Mal diese Woche findet sich Fleisch auf meinem Teller. Das Dreigangmenü geniess ich natürlich bis in die letzten Züge. Beim Abendessen folgt dann der Griff in den Kühlschrank. Hier lagern die restlichen Nudeln vom Vortag und noch etwas Tomatensauce. Mit dem zufriedenen Blick in mein Portemonnaie beende ich mein Projekt. Die 3.20 Franken für mein Handyabonnement bleiben die einzigen Kosten heute.

Abrechnung:

Montag:          23.65 Franken

Dienstag:        29.50 Franken

Mittwoch:        19.60 Franken

Donnerstag:    41.95 Franken

Freitag:           18.30 Franken

Samstag:        17.30 Franken

Sonntag:         03.20 Franken

 

Insgesamt bin ich diese Woche an vier von sieben Tagen unter meinem Tagesbudget geblieben. Zum Schluss liege ich mit 153.50 Franken leider knapp über meinem Budget. Übrig geblieben sind in meiner Küche ein halber Pack Nudeln und ein paar Frühlingszwiebeln.

Fazit: Schwerer als gedacht

Nach einer Woche ziehe ich, während ich ohne Bedenken einen 3.50 Franken teuren Cappuccino trinke, mein Fazit. Eine Woche mit 150 Franken Budget zu überstehen ist machbar. Es war aber deutlich schwerer als anfänglich gedacht und hat mich vor die eine oder andere Herausforderung gestellt. Die Ausgaben für Lebensmittel waren deutlich zu hoch. Die Einschränkungen im Speiseplan waren trotzdem schon deutlich spürbar. Fleisch ist viel zu teuer. Auch Käseprodukte liegen eigentlich nicht drin. Von einer feine Flasche Wein ganz zu schweigen.

Müsste ich längerfristig mit einem solchen Budget leben, wären die Einschränkungen wahrscheinlich noch drastischer. Viel Nudeln- und Reisgerichte und ein kompletter Verzicht auf das auswärts Essen würden zu den notwendigen Einsparungen führen.

Glücklicherweise konnte ich diese Woche abgesehen von der einen Doese Rasierschaum auf den Kauf von Hygieneartikel verzichten. Solche Ausgaben hätten mein Budget gesprengt.  Ein Coiffeurbesuch – der einen sonst kaum zum Nachdenken bringt – wird zur finanziellen Herausforderung. Ebenso jegliche Freizeitaktivität. Ein Konzertbesuch wie ich ihm am Tag 1 nach meiner Herausforderung plane, wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Ebenfalls nicht eingerechnet habe ich die Kosten für Internet, Fernsehen u.s.w.

Der tägliche Kampf mit dem Geld, egal ob als Asylbewerber oder Sozialhilfebezüger mit ähnlich kleinem Budget kann beklemmend sein, das habe ich in dieser Woche deutlich gemerkt.

 

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