Was der Blick aufs Handy anrichten kann

Autor
Isabel Heusser

Ablenkung durch Handys, Tablets oder Navigationsgeräte: Die Unaufmerksamkeit im Strassenverkehr habe zugenommen, sagt die Schaffhauser Verkehrspolizei. Und spricht damit nicht nur Autofahrer an.

Diese Fahrzeuge kollidierten im März 2017 auf der Rafzerstrasse in Rüdlingen. Beide Autofahrer wurden dabei verletzt. Bilder: Schaffhauser Polizei

Es gibt Fälle, die bringen selbst den Chef der Verkehrspolizei zum Staunen. Letztes Jahr wurde ein Mann erwischt, der beim Autofahren auf der Schrägseilbrücke zwischen Schaffhausen und Flurlingen Zeitung las – und erst noch statt der erlaubten 60 Kilometer je Stunde mit 77 km/h unterwegs war. Auf dem Radarfoto macht er einen ziemlich entspannten Eindruck. «So etwas zu sehen, ist unglaublich», sagte Martin Tanner gestern an der Medienkonferenz zur Verkehrsunfallstatistik 2017 in Schaffhausen. «Der Mann durfte die Zeitung dann zu Hause weiterlesen, Autofahren war gestrichen.»

Ja, Sie sehen richtig: Der Mann liest wirklich Zeitung während dem Autofahren! Bild: Schaffhauser Polizei

Nach Missachtung des Vortrittsrechts (80) waren Unaufmerksamkeit und Ablenkung (65) die häufigsten Ursachen der insgesamt 516 Verkehrsunfälle, die im letzten Jahr polizeilich bearbeitet wurden. Tanners Appell: «Nicht nur die Autofahrer, sondern alle Verkehrsteilnehmer müssen aufmerksam sein.» Dass jemand im Auto die Zeitung liest, ist allein schon wegen der fortschreitenden Digitalisierung ungewöhnlich. «Die Leute lassen sich gern von Handys, Tablets und Navigationsgeräten ablenken», sagte Tanner. Generell nehme die Unaufmerksamkeit im Strassenverkehr zu. Und viele Fussgänger seien mit gesenktem Kopf, Ohrstöpseln und Blick aufs Handy unterwegs. «Inzwischen gibt es andernorts sogenannte Bodenampeln, die den Verkehr regeln sollen. Ich sage jetzt nicht, was ich davon halte, das kann man sich denken.»

Weniger Unfälle mit Fussgängern

Leicht zugenommen hat die Zahl der Verkehrsunfälle aufgrund von Fahren in nicht fahrfähigem Zustand. Auch die Zahl der Verzeigungen ohne Unfälle ist laut Tanner angestiegen. Insgesamt wurden 252 Lenker verzeigt, weil sie unter Alkohol-, Medikamenten- oder Drogeneinfluss standen. 125 Personen hatten eine zu hohe Alkoholkonzentration im Atem oder im Blut – deutlich mehr als im Jahr 2016.

«Wir zeigen den Leuten, wo sie die Scheibenwischer anstellen ­müssen.»

Martin Tanner, Chef Verkehrspolizei, Schaffhausen

Ungefähr konstant bleibt die Zahl der Unfälle mit Zweirädern (81). Die Fahrrad­unfälle ereigneten sich hauptsächlich in den städtischen Gebieten Schaffhausen und Neuhausen am Rheinfall. An 10 der 47 Fahrradunfälle waren E-Bikes beteiligt. Einen deutlichen Rückgang gab es bei den Unfällen mit Fussgängern: 2016 verunfallten 27, letztes Jahr waren es 15. Eine Person starb, als sie beim Überqueren eines Fussgängerstreifens von einem Autolenker angefahren wurde.

Mehr Männer als Frauen

Wer glaubt, dass die meisten Unfälle am Montag passieren, weil man nach dem Ausschlafen am Wochenende wieder früh aufstehen muss, irrt sich: Spitzenreiter ist der Freitag, gefolgt von Dienstag und Donnerstag. Und noch ein paar statistische Einzelheiten: Zwei Drittel der registrierten Verkehrsunfälle wurden von Männern verursacht, doch aus den Zahlen geht nicht hervor, welches Geschlecht mehr Kilometer am Steuer zurücklegt. 20- bis 24-jährige Lenker verursachen die meisten Unfälle, dann nimmt die Unfallhäufigkeit ab und steigt ab den Fünfzigjährigen wieder an. Die Polizei verweist darauf, dass auch hier Kilometerzahl und Verkehrsmittel der Altersgruppen nicht berücksichtigt sind.

Ziel der Verkehrspolizei sei es, die Zahl der Unfälle weiter zu senken Erfreulich sei, dass es im Kanton keine Unfallschwerpunkte gebe. Massnahmen müssten deshalb keine getroffen werden. «Und falls doch, sitzen wir mit den anderen Ämtern zusammen, um diese Schwerpunkte zu entschärfen. Die Wege in unserem kleinen Kanton sind zum Glück kurz.»

Eine gute Nachricht zum Schluss: Laut Polizei hat sich die Situation im Fäsen­staubtunnel, in dem es in den letzten Jahren immer wieder zu Unfällen kam, entspannt. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit im Tunnel beschlug oftmals die Windschutzscheibe. Im Frühling 2017 hatte das Bundesamt für Strassen ein Messsystem, das bei erhöhten Feuchtigkeitswerten Warnblinker betätigt, installiert. Blinkt es, wird die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 80 auf 60 km/h gesenkt.

Darüber seien die Autofahrer zwar nicht sonderlich begeistert, so Tanner. Aber: «Seither gab es keinen Unfall mehr, der auf beschlagene Scheiben zurückzuführen ist.» Bald sollen ausserdem die Wände im Tunnel weiss gestrichen und die Beleuchtung verbessert werden. Nicht zu vergessen die Schulung der Autofahrer: «Wir zeigen ihnen ganz einfach, wo sie die Scheiben­wischer anstellen müssen.»

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