Wenn der Sport das Leben bestimmt: Die Suche nach dem «perfekten» Körper

Autor
Ralph Denzel

Für viele Menschen ist es ein vorgelebtes Ideal: Ein gestählter, definierter Körper. Wer so einen will, braucht eiserne Disziplin. Wenn diese fehlt, kann eine gefährliche Spirale entstehen.

Für manche abstossend, für andere ein Schönheitsideal: Bodybuilding. Wer den Sport richtig betreiben will, braucht viel Disziplin - und viel Geduld. Bild: Pixabay

Auf der Social-Media-Plattform Instagram findet man sie überall: Menschen, die mit Selfies ihre Körper präsentieren, garniert mit aussagekräftigen Hashtags wie zum Beispiel «nopainnogain», übersetzt so viel wie «ohne Schweiss, kein Preis».

Krafttraining und der Versuch einer Selbstverwirklichung in einem bestimmten Aussehen gehört zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen. Die Jagd nach einem Schönheitsideal, welches von Werbung und sozialen Medien vorgelebt wird, ist dabei oft Motivator und Fluch gleichermassen.

Wer dabei nicht die nötige Geduld und Disziplin mitbringt, erreicht nicht viel – oder greift zu gefährlichen Mitteln.

Kraftsport: Doping in der Spitze gehört oft dazu

Wer tiefer in die Szene rund um den Körperkult eintauchen will, beisst meistens auf Granit: Jedes angefragte Fitnessstudio in Schaffhausen behauptete entweder, dass bei ihnen keiner Bodybuilding machen würde, blockte sofort ab, wenn die Frage nach illegalen Substanzen aufkam, oder reagierte gar nicht erst auf Anfragen.

Inwiefern dies ein «bekanntes Problem», ist dabei schwer zu beantworten.

Dennis Fröhlich, ein Fitnesscoach und Therapeut aus Dachsen, arbeitete selbst viele Jahre in Fitnessstudios und kennt das Umfeld. 2016 war er zusammen Stephan Sigg Co-Autor beim Jugendbuch «Fitnessjunkies». Ob und wie oft demnach in Fitnessstudios leistungssteigernde Mittel konsumiert werden, kann er nicht mit Sicherheit beantworten: «Jedes Fitnesscenter, welches rentabel sein will, hat mehrere 100, wenn nicht tausende Mitglieder», so Fröhlich. Er vermutet aber, dass «in jedem Fitnesscenter Menschen gibt, die leistungssteigernde Substanzen einnehmen».

Diese Aussage kann auch Angelina Müller bestätigen. Die 27-jährige betreibt sogenanntes «natural bodybuilding» und ist damit äusserst erfolgreich: So wurde sie erst kürzlich Schweizer Meisterin in der Kategorie Bikini. In einem früheren Gespräch beschrieb Müller ihre Trainingsziele wie folgt: «Das Schöne an unserem Sport ist die Ästhetik, sodass in unseren Kategorien nicht zu viel Muskelmasse aufgebaut wird.» Ziel sei es vielmehr, sich eine Figur vergleichbar einer Sanduhr anzutrainieren.

In anderen Klassen, in denen es auf Muskelmasse und Definition geht, kämen leistungssteigernde Mittel immer wieder vor. «Wenn ein Athlet Wettkämpfe bestreitet, werden diese Art von Supplementen auch eingesetzt, um die Chancen auf eine gute Platzierung zu erhöhen.» Vor allem bei «nicht getesteten Verbänden» käme dies auch vor, um «auf einem anderen Niveau mithalten zu können - schliesslich ist auch dies ein Leistungssport», so Müller.

Das unterschreibt auch Sebastian Stitz. Stitz, der in Beringen ein eigenes Physiotherapiestudio betreibt, ist Amateur-Weltmeister in «natural bodybuilding» und seit 2014 Profi. Vor allem bei Verbänden, die nicht auf «natural», also das natürliche Bodybuilding (Definition siehe Kasten) setzen, glaubt er, dass eine Einnahme von solchen Substanzen «sehr verbreitet» sei. «Das gehört leider zu diesem Sport und den Verbänden dazu, die kein ‹natural› im Namen haben oder ihren Dopingumgang nicht in der Verbandssatzung stehen haben», so Sitz. Doping sei dabei allerdings kein Problem, welches nur in seinem Sport vorkommt: «Im Bodybuilding ist es vielleicht sogar am offensichtlichsten, da es optisch am meisten auffällt.»

Sehnsucht nach dem schnellen Erfolg

Was bei den «Grossen» vorkommt, kann aber auch im «Kleinen» geschehen. «Erschreckender ist, dass die Menschen, die kein Geld mit Sport verdienen und ein paar Mal in der Woche ins Gym gehen um besser auszusehen, zu solchen Substanzen greifen und ihre Gesundheit aufs Spiel setzten», sagt Sebastian Stitz.

Die Gründe dafür können vielschichtig sein, vor allem bei Jugendlichen: «Dank der Digitalisierung und der ständigen Vernetzung wird es uns Menschen leicht gemacht Vergleiche mit anderen Menschen zu ziehen», so Dennis Fröhlich. «Die Gesellschaft, gerade unter den Jugendlichen, hat sich schnell verändert und Vergleiche, das Streben um Anerkennung und der Gewinn von Aufmerksamkeit, lassen labile oder nicht sehr selbstsichere Jugendliche schnell zu leistungssteigernden Substanzen greifen.»

Dort spielt meistens auch ein entscheidender Faktor bei jedem Krafttraining mit rein: Diszplin. Wer die nicht hat, kommt nicht weit. Als Bespiel Angelina Müller: «In meiner Vorbereitung habe ich 7 Monate lang jeden Tag 100 Prozent beim Essen auf die Kalorien geschaut und genau kontrolliert.» Dazu kamen ihre regelmässigen Trainings und die Ernährungsergänzungsmittel, die sie ebenfalls jeden Tag essen musste. Für so ein Leben ist nicht jeder gemacht: «Ich denke, dass einem ein diszipliniertes Verhalten grundsätzlich bereits gegeben sein muss, sonst wird die ganze Vorbereitung mehr zu einem Müssen als Dürfen, was schade wäre», so Müller.

Wer dabei nicht direkt zu «harten» Stoffen greift, geht erstmal den Weg über Nahrungsergänzungsmitteln, welche mittlerweile in jedem Discounter in der Auslage liegen: Dort findet man Yoghurt mit Proteinen, Eiweisshakes, manchmal auch Substitutionstabletten, deren Wirkung mindestens fraglich ist. «Viele Ergänzungen sind durch Studien bestätigt, andere hingegen laufen eher unter ‹hilft’s nix, schadet’s nix›», kommentiert Sebastian Stitz diesen Trend.

Dabei dürfte man laut ihm auch nicht vergessen: «Es sind NahrungsERGÄNZUNGSmittel.»

Wenn der Erfolg ausbleibt

Diese können allerdings auch nur in einem gewissen Masse, mit einer gegebenen Disziplin und sogar einer schon vorhandenen genetischen Veranlagung zum gewünschten Erfolg führen. Wenn dies nicht da ist, bleibt der Traumbody erstmal ein Traum – mit teils schwerwiegenden Folgen: Wer dann sein selbstgesetztes Ziel und die damit einhergehende gewünschte Anerkennung nicht erreicht, sei laut dem Experten Dennis Fröhlich öfter anfällig für Depressionen, Angst oder Panikattacken. «In Zeiten von Vernetzung, Digitalisierung, gefilterten Fotos und gekünstelten Videos ist die Gefahr des ständigen Vergleichens allgegenwärtig.» Dadurch würden sich Menschen auch immer wieder in Extremen verlieren.

Diese führe dann zu der gefährlichen Spirale: «Im direkten Fotovergleich ziehe ich immer den kürzeren, da ich zu jederzeit selbstkritischer mit mir umgehe, statt mit anderen», erklärt Dennis Fröhlich. Die Folge: Diese Vergleiche würden oft zu mehr Sport, krassere Ernährungsformen oder die Einnahme von Substanzen führen.

«Die Sucht nach mehr Muskulatur und Leistung steht bei manchen im Vordergrund und natürlich auch die Ungeduld», ergänzt Sebastian Stitz. «Mit illegalen Substanzen geht das natürlich alles bedeutend schneller.»

Sucht nach Sport

Dabei ist allerdings nicht nur die Gefahr von leistungssteigernden Mitteln ein Problem: Der Sport kann auch selbst süchtig machen. Mehre Studien belegen eine positive Wirkung des Sports auf das Wohlbefinden und die Psyche. Welche Hormone diese Stimmung auslösen, ist derweil umstritten.

Die schweizweite «Arbeitsgemeinschaft Essstörrungen» hat sich mit diesem Krankheitsbild ausführlich beschäftigt: Demnach könne, auch durch die Ausschüttung von Hormonen, beim Sport ein «rauschähnlicher Zustand» entstehen. «Während des Trainings konzentriert man sich nur auf das Hier und Jetzt - der Körper und die eigene Leistung stehen im Vordergrund und Stress und Alltagssorgen scheinen vergessen», so die Arbeitsgemeinschaft auf ihrer Website. «Diesen positiven, sorglosen Zustand strebt der Betroffene dann immer häufiger an und so entwickelt sich ein Suchtverhalten. »

Auch bei Profis kann so ein Verhalten auftreten, wie zum Beispiel Sebastian Stitz zugibt: «Ich denke, dass das Suchtpotential bei Kraftsport sehr hoch ist.» Die Gründe: «Man möchte auch seine Fortschritte nicht wieder verschenken, weshalb man automatisch immer wieder ins Training geht, auch wenn man an manchen Tagen vielleicht auch mal etwas lustlos ist.»

In extremen Fällen würde dann aber die «Eigenkontrolle» bei einem selbst nicht mehr funktionieren, denn auch mit zu viel Training macht man sich keinen Gefallen: «Manche übertreiben es mit der Häufigkeit des Trainings. Andere treiben Sport, obwohl sie krank sind. Wieder andere trainieren auch im Urlaub. Das alles führt in der Regel zu wenig Regenration», so Stitz.

Die sei aber essentiell für einen Muskelaufbau. So sagt Stitz, dass es ohne Regeneration oft zu «keinem Fortschritt im Training, Verletzungen bis hin zu Stoffwechselstörungen und psychischen Belastungen» kommen könnte. «Der Körper braucht immer Erholungsphasen.»

Das Ziel: Genusssport

Ein anderer wichtiger Faktor um den Sport «geniessen» zu können, sei laut Angelina Müller auch das eigene Selbstbild: «Ich kann mir mein Leben nicht mehr vorstellen ohne Sport und will nicht darauf verzichten, da er mir so viel mehr gibt, als nur eine gute Form.» Trotzdem könne sie sich selbst auch in der «Offseason-Form» gut leiden und akzeptieren, sprich mit «ein paar Kilos mehr drauf». «Wenn man ausserhalb der Wettkampfdiät wieder ohne Probleme diese Lebensqualität geniessen kann, ist der Sport für mich auch auf Wettkampfvorbereitung eine Bereicherung und keine Sucht.»

Dieser schmale Grad, bzw. das Trainiere um des Selbstbilds willen, ist es aber auch, welchen Freizeitsportler immer wieder überschreiten: «Nur wenn ich heutzutage einen ansehenswürdigen Körper habe, bin ich jemand und habe die Aufmerksamkeit von anderen», beschreibt Dennis Fröhlich das Dilemma vieler Jugendlicher. Influencer, die einem die perfekte Illusion vorleben, würden den Trend nur noch weiter verschärfen.

Wenn der Sport nicht des Sportswillen getrieben werde, würde es kritisch werden, sagte zum Beispiel die Zürcher Psychologin Antonia Blum gegenüber dem «Blick»: «Wer den Sport nutzt, um etwas zu verhindern oder zu erreichen, anstatt ihn einfach nur auszuüben, der braucht ihn schon.»

Je nach eigener Konstitution kann dies dann eher schaden als nützen.

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