«Die Vorfreude ist riesengross»

Autor
Mark Gasser

Vom Kurzurlauber über die Städtereisenden bis zum Last-minute-Velotouristen: Sie wollen alle an die WM. Irgendwie.

Andy Jucker mit Tasche, aber noch ohne Velo, Die Gebrüder Wipf mit Fan-IDs und Fan-Ikone Sigi Michel in Langwiesen mit seiner Sammlung WM-Trompeten. Bilder: Mark Gasser/zvg

«Das grösste Land der Welt hat vielleicht auch die besten Dashcam-Videos der Welt.» Das Fun Fact bezog sich auf die aus Fahrzeugen aufgenommenen wilden Manöver und Unfälle auf Russlands Strassen, die auf Youtube zirkulieren. Ich hatte es auf einem App auf dem Handy gelesen, und das ermunterte mich nicht gerade, wie ursprünglich geplant, mit dem Auto nach Russland zu fahren. Das war vor rund zwei Monaten.

Zudem war zu bedenken, dass bei der Einreise mit dem Pkw oder mit dem Reisebus an den Grenzübergangsstellen zur Russischen Föderation mehrstündige Wartezeiten entstehen können. Auch Papierkrieg mit temporären Einfuhrdokumenten, speziellem Visumseintrag für Fahrzeughalter sowie einer eigenen Haftpflichtversicherung erwarten einen – die hiesige Versicherung decke keine Schäden in Russland.

Mit der Fan-ID, die auch für die Einreise gültig ist und die man in Kombination mit dem WM-Ticket erhält, kann man aber zu den jeweiligen Spielstätten auch Tausende Kilometer durchs weite Russlands in den sogenannten Fanzügen reisen. Und als Nebeneffekt noch mit den Fans aus aller Welt feiern, bis die Biervorräte zur Neige gehen. Doch die Fan-Züge waren bereits ausgebucht, und es fahren nur wenige weitere von Moskau nach Kaliningrad, meinem Reiseziel, wo die Schweiz am 22. Juni gegen Serbien spielt. Die Zeit wurde knapp.

So geht es nun mit dem Velo von Danzig nach Kaliningrad – ein Road Trip en miniature, 160 bis 180 Kilometer. Denn nach Kaliningrad zu fliegen war umständlich, und ab Danzig sind die Busse ausgebucht. Immerhin sind wir nun zu zweit. Andy Jucker, der ehemalige Chefredaktor von Radio Munot, hat vor wenigen Tagen kurz entschlossen zugesagt. Denn er hatte gerade Ferien, war etwas lethargisch, und ich hatte zwei Tickets – und diesen vermeintlich genialen Plan, mit dem Velo auf einer der schönsten Routen Polens entlang nach Kaliningrad zu fahren. Kollegen haben schon Wetten dar­über abgeschlossen, ob wir es schaffen oder nicht. Ein Himmelfahrtskommando auf den von Rowdys dominierten Strassen? Das ist sicher nur ein Klischee. 160 Kilometer, das würde doch auch mit einem Kinderdreirad irgendwie machbar sein.

So wird es nun keine Bahnreise, keine Billigfluglinie, kein Traktor oder Auto sein, die uns von der Westgrenze der EU ans Ziel bringen, sondern zwei Fahrräder – welche, ist noch offen. Ich grase seit Tagen eine polnische Onlinebörse nach Velos ab. Das ist gar nicht so einfach, vor allem, wenn die polnischen Velobesitzer stets glauben, wegen der vielen Grammatikfehler sei man ein spammender Roboter. Ein Velo haben wir noch nicht, dank dem Schweizer Portal Ricardo aber immerhin eine Gepäcktasche.

Ein Visum in 30 Sekunden

Doch Juckers Last-minute-Zusage brachte dann einige Überraschungen mit sich. Sein Glück ist, dass Russland sich im Sommer ein wenig zu öffnen scheint. Zwar braucht man für die Einreise trotz allem einen gültigen Reisepass – das musste er nachholen. «Das wurde eng», sagte er am Dienstag, als er stolz den druckfrischen Pass zückte. Doch als er dann gleich mit der neuen Passnummer online eine Fan-ID beantragte, staunte er nicht schlecht: Es dauerte buchstäblich Sekunden zur Erstellung des Visums. Innert zehn Sekunden kam die Bestätigung per E-Mail, dass die Daten eingetroffen sind. Eine halbe Minute später wurde ihm die fertige Fan-ID elektronisch zugestellt per PDF: Diese erlaubt unbegrenzte Einreise ins Land während und kurz vor und nach der WM. Fast undenkbar, dass das nicht automatisiert (angesichts all der Last-minute-Anfragen) möglich war. Auch wenn der Kreml Druck macht, ist kein Mensch so schnell.

Was ihn auf der Velotour nach Kaliningrad erwartet, weiss er aber noch nicht. «Es gibt zwei Unbekannte: Erstens bin ich noch nie 160 Kilometer am Stück gefahren. Zweitens wissen wir ja immer noch nicht, wie die Velos genau aussehen, die wir in Danzig kaufen.» Immerhin: Wenn wir es nach Russland schaffen, sollten wir uns kaum verfahren, dort gibt es praktisch nur eine Strasse nach Kaliningrad. «Und ich muss ja nicht arbeiten, kann dort auch ein paar Bier trinken. So habe ich mir das dann auch wirklich verdient», lacht er. Denn der Weg ist das Ziel. «Die Vorfreude ist riesengross.»

«Sechsmal wurde ich 1994 im Silverdome eingeblendet, Alain Sutter nur fünfmal.»

Sigi Michel, Fan-Ikone aus , Stein am Rhein/Langwiesen

Sigi Michels zwei WM-Kurzbesuche

«Wie hiess das noch mal? Kastaningrad? Kastinistan? Ach weisst du, die Namen interessieren mich nicht so.» Die Fan-Ikone Sigi Michel aus Stein am Rhein hat schon über 500 Auswärtsspiele der Schweizer Nationalmannschaft besucht. «Ich kann die gar nicht alle behalten.» Aber die schönsten Erlebnisse sind ins Gedächtnis eingebrannt: der Silverdome in Detroit (USA), wo die Schweiz 1994 an der WM gegen Rumänien 4:1 gewann. «Sechsmal wurde ich eingeblendet, Alain Sutter nur fünfmal.» Sein Gesicht habe er danach plötzlich auf einer Pepsi-Cola-Werbung entdeckt. «Ich habe einen Juristen eingeschaltet. Das nützte nichts. Gegen Pepsi hast du keine Chance.»

Doch, doch, er fahre schon zur WM, nur das erste Spiel werde er in Wattwil in einem Zelt auf einer Minigolfanlage mitverfolgen. Mit seinem Sponsor habe er ausgemacht, dort auch brav Trompete zu spielen und sich an einem Wettbewerb zu beteiligen. Dass er fürs erste Spiel in der Schweiz bleibt, trifft sich für ihn gut: «Ich war gar nicht interessiert, das Spiel gegen Brasilien zu sehen. Die Brasilianer haben mich an der WM 2014 recht geplagt.» Seine Trompete wurde an ein Schloss gehängt und er «durchs halbe Stadion geschleppt», weil er auf der falschen Seite ins Stadion wollte, wo man von seiner Bewilligung nichts wusste. Das traumatische Erlebnis hat Wunden hinterlassen. Die brasilianischen Spieler könnten ja nichts dafür, aber er sagte sich: «Dieses erste Spiel werde ich zu Hause schauen.»

Mit einem Reiseunternehmen fliegt er per Charterflug an die letzten beiden Gruppenspiele der Schweizer. Nach der jeweiligen Partie geht es in der Nacht noch zurück in die Schweiz. Der Preis spielte beim Entscheid mit: Er hatte ausgerechnet, für drei Spiele mit Übernachtungen 8000 Franken ausgeben zu müssen. Mit Hotels will er sich diesmal nicht herumschlagen. In San Francisco, an der WM 1994, sei eines überbucht gewesen, erinnert er sich. «Da schlief ein anderer in meinem Bett, als ich dort ankam.»

Vertraglich ist er bis Ende August an den Elektronikdiscounter, der ihn sponsort, gebunden. Er erhalte einen «tiefen, fünfstelligen Betrag» für seine Vermarktung, die Prospekte, Fernseh- und Kinoaufnahmen im Rahmen der WM-Werbekampagne seines Sponsors beinhaltet. Dafür darf er in dieser Zeit keine anderen Elektronikgeschäfte betreten. Aber eigentlich wolle er ja gar keine Sponsoren, sagt er mit seiner gewohnt schnellen Zunge, die sich stets überschlägt. «Wenn ich betteln würde, hiesse es wieder: Schau mal, der Sigi … Von tausend gibt es sicher Hunderte, die das nicht vertragen, wenn ich eingeblendet werde, oder dann gibt es die, die sagen: Der fliegt wieder gratis hin.»

Fan-ID statt Visum

Generell benötigen Schweizer ein Visum, wenn sie nach Russland reisen wollen. Diese Regel wurde für die WM jedoch aufgeweicht: «Ich musste 50 Fotos machen, bis es endlich klappte», sagt Sigi Michel in der Wohnung seiner Lebensgefährtin in Langwiesen. «Nun habe ich meine russische ID». Er meint damit die Fan-ID, die als Visum für den Grenzübertritt gültig ist, aber vor allem für den Stadioneintritt neben dem Ticket zwingend ist. Aber organisiert habe die Reise ein Freund aus Windisch. Und Sigis Einzug in die beiden Stadien mit Trompetenfanfaren dürfte nichts mehr im Wege stehen: Ein Vertreter des Schweizer Konsulats hat für ihn in Moskau angerufen und mitgeteilt, dass er ihm eine Bewilligung besorge, seine Trompete in den Stadien spielen zu dürfen. Und in einem Bus des Schweizer Konsulats werde er vorspielen – dafür hat er extra den russischen Ohrwurm «Kalinka» einstudiert.

Gebrüder Wipf auf Achtelfinalkurs

Die Schaffhauser Brüder Matthias (45) und Hannes Wipf (41) nehmen es gemächlicher. Sie möchten doch die Stimmung ein wenig aufsaugen – und zwar vom 1. bis zum 4. Juli in Sankt Petersburg. Die beiden freuen sich, «wieder mal einen gemütlichen ‹Jungsausflug› zu unternehmen wie früher». Dabei werden sie das WM-Achtelfinale am 3. Juli live im Stadion erleben. An Spielen der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft im Ausland seien sie zwar schon gewesen, aber noch nie an einer Weltmeisterschaft. «Das Spiel, das wir besuchen werden, könnte der ‹Knaller› Schweiz gegen Deutschland sein, falls in der Vorrunde alles optimal läuft», hofft Finanzspezialist Hannes Wipf. «Und sonst», ergänzt Publizist und Kommunikationsberater Matthias Wipf, «schauen wir dann halt Schweden gegen Costa Rica oder so – und werden dort mit den Fans feiern und die Atmosphäre geniessen.» Auch kulturell biete Sankt Petersburg viel.

Matthias bereist Russland nicht zum ersten Mal, sondern war schon während seines Studiums für einen dreiwöchigen Sprachaufenthalt in Moskau. Er wohnte damals in einem Studentenheim. Über einen spezialisierten Reiseanbieter haben die Gebrüder Wipf Flug und Hotel gebucht. Wie sie glaubt auch Sigi Michel, dass dieses Jahr aber nicht so viele Schweizer wie an anderen Weltmeisterschaften anreisen werden. Ein Fussballfan aus Feuerthalen erklärt, warum er und seine Kollegen Russland fernbleiben. «Wegen der Hools.» Aber er vermutet, starke Polizeipräsenz werde Ausschreitungen unterbinden. Dass während ihres Aufenthalts in Russland nicht immer alles ganz reibungslos ablaufen könnte, schreckt die Gebrüder Wipf nicht ab. «Das gehört doch dazu und trägt zum Erlebnis bei», findet Matthias. Getreu seinem Reisemotto: «Lieber einmal mit eigenen ­Augen sehen als tausendmal davon hören.»

Weinland-Redaktor Mark Gasser wird für die SN Eindrücke aus Kaliningrad einfangen. Sofern er mit Andy Jucker und dem Velo ankommt.

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