«Das Unmögliche möglich machen»

Autor
Daniel F. Koch

Die Rückrundenkonstellation der Challenge League ist besonders. Weil der FC Wohlen sich zurückzieht, steigt kein Club ab. Leader Neuenburg hat einen grossen Vorsprung. «Egal», sagt FCS-Trainer Smiljanic, «wir greifen an.»

Wohin führt der Weg? FCS-Trainer Boris Smiljanic schaut ganz genau hin, was in der Rückrunde so läuft. Bild: Key

Auf dem altehrwürdigen Brüggli­feld in Aarau startet der FC Schaffhausen heute um 20 Uhr in die Rückrunde. Der Ta­bellendritte FC Schaffhausen möchte die gute Ausgangslage aus der Vorrunde nutzen, als Boris Smiljanic nach dem Abgang von Murat Yakin zum Grass­hopper Club in der Super League den FCS in der Spitzengruppe halten konnte. Auch wenn durch den freiwilligen Ausstieg des FC Wohlen kein Absteiger sportlich bestimmt wird: Schaffhausens Trainer Smiljanic lässt nicht zu, dass der Rest der Meisterschaft als Hobbyfussball für sein Team angesehen wird.

Boris Smiljanic, heute beginnt die Rückrunde in der Challenge League mit dem Auswärtsspiel beim FC Aarau. Nach dem freiwilligen Rückzug des FC Wohlen aus der Liga haben Sie mit Ihrem Team 18 Trainingsspiele mit Wettkampf­charakter zu absolvieren. Oder?

Boris Smijanic: Nein, ich sehe das anders. Denn für uns geht es um einiges. Wir wollen mit allen Mitteln den zweiten beziehungsweise den dritten Tabellenplatz verteidigen. Unser zweites Ziel für die Rückrunde ist, Druck auf den Leader Neuenburg aufzubauen. Wir versuchen das Unmögliche möglich zu machen.

Ihr Team mischt oben mit, Neuenburg gilt als Aufstiegskandidat Nummer 1. Hat der FCS die Qualität und den Willen, Xamax ernsthaft herauszufordern?

«Ernsthaft» ist das entscheidende Wort, das im Raum steht. Meiner Meinung nach verfügen wir über die Qualität, die Neuenburger herauszufordern. Das haben auch die Vorbereitungsspiele gezeigt. Auch bei den Direktvergleichen in der Liga konnten wir mit Xamax mithalten. Und der Wille, die Neuenburger herauszufordern, ist bei mir und bei unseren Spielern vorhanden. Die sind heiss.

Wie stufen Sie den Verlauf der Vorrunde ein? Sechs Siege stehen sechs Niederlagen gegenüber.

Es sind ja nicht nur sechs Siege und sechs Niederlagen da, sondern auch noch sechs Siege, die mein Vorgänger Murat Yakin mit der Mannschaft geholt hat. Meine Bilanz muss man als durchwachsen einstufen. Schaut man aber etwas genauer hin, dann sieht man, dass punktmässig nur Servette und Xamax im gleichen Zeitraum besser waren als wir. Und eine solch gute Bilanz ist für einen Club wie den FC Schaffhausen nicht gerade alltäglich.

Sie haben immer gesagt, dass Sie das Spielsystem ändern wollten. Bei der diesjährigen Konstellation in der Liga hätten Sie die Chance dazu. Es gibt keinen ­Absteiger, und der Aufsteiger scheint ­festzustehen. Werden Sie wechseln?

Da dürfen sich die Zuschauer überraschen lassen. Das Spielsystem hängt natürlich immer davon ab, welches Spielermaterial man zur Verfügung hat. Da muss man als Trainer flexibel bleiben. Bei uns geht es darum, in der zentralen Defensive noch einen kreativen Chef zu finden, wie wir das mit Neitzke oder zuletzt Rhyner hatten. Doch die sind weg, weshalb wir nach neuen Lösungen suchen müssen. Ich kann mir aufgrund der Leistungen in den Testspielen gut vorstellen, dass unser Nachwuchsmann Asllan Demhasaj in diese Rolle hineinwachsen und die entstandene Lücke füllen könnte.

Andererseits verlieren Sie immer wieder Ihre auffälligsten Spieler. Die Beispiele Rhyner und Lika müssten Ihnen als Trainer die Zornesröte ins Gesicht getrieben haben. Jetzt scheint auch noch mit Cicek Ihr bester Stürmer vor dem Absprung zu stehen. Wie gehen Sie persönlich mit ­solchen Rückschlägen um?

Ich nehme solche Veränderungen relativ locker. Die Betonung liegt auf «relativ». Denn ich gehe immer davon aus, dass jede Änderung durch den Verein mit einem mindestens gleichwertigen Ersatz oder einem noch besseren Spieler ausgeglichen wird. Ausserdem kenne ich das von meiner Tätigkeit als U-21-Trainer, als man die Aufgabe hatte, die grössten Talente noch besser zu machen, und wenn das geschafft war, den Spieler an das Profiteam abgeben musste. Damit muss ich als Trainer klarkommen.

Jeder, der schon einmal eine Fussballmannschaft trainiert hat, weiss, dass Spannung und Engagement bei den ­Spielern nachlassen, wenn es um nichts mehr geht. Wie werden Sie Ihre Spieler ­unter Dampf halten?

Da gibt es bei uns Ansatzpunkte, die alle mit dem Charakter der Spieler zu tun haben. Erstens herrscht in unserer Mannschaft ein guter Geist. Alle Spieler suchen den Wettbewerb. Zweitens ist der Siegeswillen stark ausgeprägt. Drittens geht es um die persönliche Weiterentwicklung jedes einzelnen Spielers. Und viertens sind das Profis, die ihren grossen Einsatz nicht gratis abliefern. Bei Erfolg zahlt der Verein Siegprämien. Und dieses ganze Paket sorgt dafür, dass die Spieler nicht abhängen, sondern sich voll reinhängen werden.

Die restlichen Spiele könnte man auch als Vorbereitungsphase für die nächste Spielzeit bewerten. Haben Sie schon mit ­FCS-Geschäftsführer Marco Truckenbrod Fontana über die Personalplanung ­gesprochen?

Wir tauschen uns täglich aus. Bei einigen Spielern laufen die Verträge ja noch bis 2019. Mit anderen, deren Verträge nach der Saison auslaufen, werden Gespräche geführt. Wen wollen wir halten? Wer passt von der Persönlichkeit her am besten in die bestehende Gruppe? Diese Beratungen finden immer in den ersten drei Monaten eines Jahres statt. Bei einem Challenge-League-Club ist es immer so, dass in der Winterpause regelmässig vier bis fünf Spieler den Club verlassen und für diese andere kommen, die es zu integrieren gilt. Das ist ein ganz natürlicher Prozess im Fussball.

Als ehemaliger U-21-Trainer des FCS-Partnervereins Grasshoppers Zürich kennen Sie die Situation und die Spieler, die dort auf dem Sprung nach oben sind. Haben Sie schon eine Idee, wen man aus diesem Fundus verpflichten könnte?

Da haben wir ja schon reagiert und mit dem Mittelfeldspieler Yannick ­Helbling (von Rapperswil-Jona), den Leihspielern Charles Pickel und Verteidiger ­Arijan Qollaku vielversprechende Talente erhalten. Die beiden Letzteren haben mehr Super-League-Spiele absolviert als der Rest der Mannschaft zusammen. Das bringt auch wieder Qualität ins Team. Weil ich beim Grasshoppers Club als U-Trainer gearbeitet habe, kenne ich alle Spieler, die seit der U 14 da sind. Da gibt es einige interessante Talente. Allerdings sind die momentan noch nicht so weit, dass sie den Sprung in die Challenge League auf Anhieb schaffen. Allerdings sollten wir auch versuchen, Spieler aus dem eigenen Nachwuchs ans Profiteam heranzuführen, um in einer zweiten Phase Transfererlöse zu generieren.

Ist die Zusammenarbeit mit GC für Sie als Trainer eine Erleichterung oder ein ­Ärgernis?

Das tangiert mich persönlich nicht direkt. Ich bin nicht da, um Clubpolitik zu betreiben. Ich arbeite mit den Spielern, die mir der Verein zur Verfügung stellt. Und dafür bin ich sehr dankbar, weil mir das sehr viel Spass macht.

Wie werden die anderen Clubs mit der ­speziellen Konstellation in dieser ­Saison umgehen? Glauben Sie, dass die Zuschauer animierte Duelle erleben werden oder nur schales Alibigekicke?

Ich kann nicht beurteilen, wie die Konkurrenz mit dieser Situation umgehen wird. Das erlebt man, wenn die Meisterschaft wieder läuft. Ich für meinen Teil kann versprechen, dass wir versuchen werden, den Zuschauern im Lipo-Park Spektakel zu bieten, damit sie immer wieder gern zu unseren Spielen kommen. Dass das möglich ist, haben mir die Testspiele gezeigt. Der Charakter der Mannschaft ist positiv, alle sind willig und ehrgeizig und wollen etwas erreichen. Die Belastungen in der Vorbereitung haben alle gut weggesteckt. Die Dosierung hat gestimmt. Jetzt geht es darum, Frische in Körper und Köpfe zu bekommen.

 

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