Was, wenn der eigene Tod niemanden interessiert?

Autor
Ralph Denzel

Was passiert, wenn jemand ohne Familie und Freunde stirbt? Wir haben nachgefragt und herausgefunden, wie einsam das Ende eines Menschen sein kann.

Was passiert, wenn jemand stirbt und es keinen interessiert? Bild: Pixabay

Martin Keller* ist 81 Jahre alt. Seine Frau ist seit 30 Jahren tot. Kinder haben die beiden nie gehabt. Ebenso wenig hat er Brüder oder Schwestern. Auch seine verstorbene Frau ist ein Einzelkind gewesen und hatte nur wenig bis gar keinen Kontakt zu den wenigen Verwandten, die sie hatte. 

Mit anderen Worten: Martin Keller ist alleine auf der Welt.

Seine kleine Einzimmerwohnung in Schaffhausen hat er schon lange nicht mehr verlassen. Wenn, dann nur damit er ein paar Lebensmittel einkaufen kann.

Warum denn auch sonst? Ausserhalb seiner vier Wände gibt es nichts für ihn. Ausserdem ist ihm die hügelige Stadt zu anstrengend. Vor einigen Jahren ist er mit seinem Rollator noch öfter in die Innenstadt gegangen. Dort hat er sich mit einem Freund aus Kindertagen zu einem Kaffee getroffen. Dieser ist aber auch schon seit fast zehn Jahren tot - Martins letzte Verbindung zur Aussenwelt.

Heute steht seine Gehhilfe im Flur – dünne Spinnweben zeugen davon, wie lange sie nicht mehr bewegt wurde.

Daher verbringt er die meiste Zeit damit, in seinem Sessel zu sitzen und seinen Gedanken nachzuhängen. Ab und an hört er Radio, aber die Musik gefällt ihm meistens nicht und die Moderatoren sprechen ihm viel zu schnell.

Seine Wände sind leer. Nur ein altes Bild seiner Frau hängt an der Wand – das einzige, was ihm noch Gesellschaft leistet. Es ist der 23. Februar, als Martin Keller sich wieder mal seufzend auf seinen Sessel fallen lässt. Der Weg von seinem Bett zu diesem wird für ihn immer länger.

Martin Keller wird sich nie wieder in seinen Sessel setzen - was geschieht nun mit ihm? Bild: Pixabay

Er blickt nochmal zum Bild seiner Frau und muss unbewusst leicht lächeln. Er ist heute besonders müde. Seufzend lehnt er sich zurück und schliesst die Augen. Er denkt an seine Frau. Das Lächeln friert auf seinem Gesicht ein, während sein Herz seinen letzten Schlag macht. Martin Keller stirbt an diesem Tag – komplett alleine auf dieser Welt.

Im Tod und im Leben alleine - wie geht es weiter mit solchen Menschen?

Es ist Zufall, dass eine Nachbarin ausgerechnet an diesem Tag an Kellers Wohnungstüre klopft. Sie hat die Handwerker im Haus und will den alten Mann, der zwar immer distanziert aber doch höflich ist, vorwarnen. Sie klopft mehrmals – als er nicht aufmacht, denkt sie zuerst nichts dabei, trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl bei ihr. Am nächsten Tag probiert sie es wieder. Ohne Erfolg. Am dritten Tag dann ruft sie die Polizei.

«In der Regel wird eine verstorbene Person durch Dritte aufgefunden», weiss Leo Müller. Er ist Abteilungsleiter vom städtischen Bestattungsamt. Im Fall vom Martin Keller übernimmt jetzt erst einmal die Polizei die Ermittlungen – schliesslich ist nicht klar, ob er vielleicht Opfer eines Verbrechens war.

Martin Keller ist zu diesem Zeitpunkt seit etwas mehr als drei Tagen tot. Sein Körper ist schlapp und er beginnt leicht nach Verwesung zu riechen. An manchen Stellen hat er dunkle Flecken – die sogenannten Leichenflecken. Ein herbeigerufener Arzt stellt nach einer Leichenschau jedoch keine Anzeichen für ein Verbrechen fest, so dass ihm der Weg in die Gerichtsmedizin erspart bleibt.

Nun beginnt die Arbeit des Bestattungsunternehmens. «Das Bestattungsamt rückt nach der Meldung eines Sterbefalls aus und macht eine Überführung je nach Angaben der Polizei oder Staatsanwaltschaft», so Müller. Martin Keller kommt direkt auf den Waldfriedhof.

Der Waldfriedhof. Bild: Janosch Tröhler

Aber Martin Kellers Weg ist hier noch nicht fertig. Seine sterblichen Überreste werden jetzt beim Waldfriedhof aufgebahrt. Währenddessen läuft im Hintergrund eine ganze Maschinerie von behördlichen Vorgängen..

So versucht jetzt Polizei wie auch Erbschaftsamt mögliche Verwandte von Martin Keller zu finden. Meistens sind sie damit erfolgreich, wie Yvonne Hirt vom Erbschaftsamt bestätigt. «Es kommt höchst selten vor, dass keine Erben da sind.» Aber im Falle von Martin Keller ist das leider so.

Es werden Anzeigen in Tageszeitungen geschaltet, auch im Heimatkanton von Martin Keller. Dieser kommt ursprünglich aus Zürich – aber auch dort gibt es niemanden, der sich an einen Martin Keller, geboren am 11. Januar 1937, gestorben am 23. Februar 2018, erinnert. «Je nach Vermögen wird bis zu einem Jahr ausgeschrieben», erklärt Hirt. Martin Keller hatte im Leben nicht viel. Sein Konto weisst ein leichtes Plus von 700 Franken auf. Seine Wohnung war zur Miete. «Verfahrenstechnisch ist es schwierig, genau zu bestimmen, wie lange gesucht wird», so Hirt. Bei einem solch geringen Vermögen werde wahrscheinlich weniger lange ausgeschrieben.

Auf jeden Fall wird ein Erbschaftsverwalter eingesetzt, der sich um die Angelegenheiten kümmert. Das kann ein Mann von der Stadt, aber auch ein Treuhänder sein. Erfolgreich wird er bei Martin Keller nicht sein, aber dass weiss er in diesem Moment noch nicht.

Nach sieben Tagen muss beerdigt werden

Während die Ämter nach Verwandten von Martin suchen, sind mittlerweile sieben Tage vergangen. Leo Müller vom Bestattungsamt: «Eine Bestattung sollte von Gesetzeswegen immer innerhalb von sieben Tagen ab dem Sterbedatum stattfinden.» Im Normalfall sind dann auch die nächsten Angehörigen informiert, was passiert ist. Bei Martin Keller  ist aber niemand mehr da. «Sollten in dieser Zeit trotz intensiver Suche durch das Erbschaftsamt keine Angehörigen gefunden werden, wird eine Not-Kremation in die Wege geleitet.»

So wird Martin Keller ins Krematorium gebracht und eingeäschert. Der Krematoriumsmitarbeiter ist die einzige Person, die in diesem Moment bei ihm ist.

Aber selbst jetzt ist sein Weg noch nicht vorbei. Kein Mensch soll alleine bestattet werden, ausser es ist unumgänglich. Nach dem Kremieren wird die Urne mit Martin Kellers Asche ins Depot des Bestattungsamtes überführt. «Dort kann die Urne bis zu drei Jahre bleiben», sagt Müller. Aber auch in diesen drei Jahren wird sich niemand melden. 

Drei Jahre später

Martin Keller wartet nun schon seit drei Jahren in seiner Urne auf seine letzte Ruhe. Immer wieder wurde nach Verwandten von ihm gesucht, aber niemand gefunden. Am 5. März 2018 ist er eingeäschert worden - am 5. März 2021 läuft die Frist ab. Bis zu diesem Tag hätte sich irgendjemand melden können – das tat aber niemand.

Martin Kellers langer Weg ist nun fast vorbei. «Sollte sich auch in den drei Jahren keine Verwandtschaft bei uns melden, wird die Asche im Gemeinschaftsgrab beigesetz», so Leo Müller vom Bestattungsamt.

Es ist ein sonniger Tag, als ein Friedhofsmitarbeiter langsam mit der Asche von Martin Keller über den Waldfriedhof geht. Im Gemeinschaftsgrab ist schon ein kleines Loch ausgehoben. Dort wird er die letzte Ruhe finden.

Er wird ohne Namen und ohne Priester beigesetzt. «Eine anonyme Bestattung läuft sehr formlos ab», erklärt Müller. «Es gibt keine Glocken, keinen Pfarrer – schliesslich weiss man oft nicht, wie die Wünsche des Verstorbenen waren.» Aus diesem Grund sollen bei anonymen Bestattungen «alle gleich behandelt werden.»

Ein Testament hätte das ändern können, wie das Erbschaftsamt weiss. «Oft sind dort auch Wünsche des Verstorbenen hinterlegt.» Aber nicht so bei Martin Keller. Er hatte niemanden und sah daher auch keinen Anlass, jemals ein Testament aufzusetzen. Für wen denn auch?

Der Friedhofsmitarbeiter setzt Martin Kellers Urne in das ausgehobene Loch. Es gibt keine Abschiedsworte. Auch hier ist er wieder alleine: «Diese Bestattungen finden immer einzeln statt.»

Bild: Selwyn Hoffmann

In der Zwischenzeit ist das Vermögen von Martin Keller an die Stadt gegangen. «Das ist die absolute Ausnahme», erklärt Yvonne Hirt vom Erbschaftsamt. Sowas komme nur vor, wenn selbst nach langwieriger Recherche und Suche keine Erben gefunden wurden. 

Martin Kellers lange, einsame Reise ist jetzt zu Ende. In seinem Grab gibt es einige weiter Menschen, die ebenso wie er anonym bestattet wurden. Immerhin im Tod ist er irgendwie nicht mehr alleine.

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