Als die Neuhauser für ihren Rheinfall kämpften

Autor
Saskia Baumgartner

Vor 80 Jahren gab der Bundesrat sein Einverständnis für die Änderung des Ortsnamens «Neuhausen» in «Neuhausen am Rheinfall». Vorausgegangen waren jahrelange Bemühungen.

1938 wurde der Ortsname in «Neuhausen am Rheinfall» geändert, erst 1978 änderten die SBB jedoch die Stationstafel am Neuhauser Bahnhof. Bild: Bruno und Eric Bührer

Wo befindet sich der Rheinfall? Fragt man einen Süddeutschen, so bekommt man schon mal «Schaffhausen» zur Antwort. Und auch der «Blick» schrieb im März einen grossen Artikel über «den Rheinfall in Schaffhausen».

Ärgerlich, insbesondere für viele Neuhauser. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Gemeinde den Rheinfall nun bereits schon seit 80 Jahren im Namen trägt. Am 16. September 1938 genehmigte der Bundesrat die Ortsnamenänderung von «Neuhausen» in «Neuhausen am Rheinfall». Vorausgegangen waren jahrelange Bestrebungen des Neuhauser Verkehrs- und Verschönerungsvereins. Diese waren jedoch nie von Erfolg gekrönt. So hatte man etwa um die Änderung des Poststempels von Neuhausen/Schaffhausen in «Neuhausen am Rheinfall» gebeten – von der PTT gab es 1934 jedoch eine Absage.

«Eifersüchtige Schaffhauser»

Doch nicht nur die Post konnte sich für die Idee der Namensänderung nicht begeistern. Auch «eifersüchtige Schaffhauser» sowie der Vorstand der Kantonalen Verkehrsvereinigung hatten etwas dagegen. Dies schrieb Gust Widmer, ehemaliger Wirt des Schlössli Wörths, 1976 in einem Artikel für die SN. «Ich erinnere mich an eine Sitzung des Vorstandes der Kantonalen Verkehrsvereinigung in Thayngen, an welcher Stadtpräsident Walther Bringolf und der damalige Direktor der Schifffahrtsgesellschaft, Oettli, sehr mürrisch mit mir umgegangen sind», schrieb Widmer, der damals Delegierter des Neuhauser Verkehrsvereins war. «Sie bombardierten mich mit Vorwürfen und sagten dem Verkehrsverein Neuhausen eine düstere Zukunft voraus, sofern wir nicht von diesem Ziel ablassen würden.» Widmer zeigte in seinem Artikel ein gewisses Verständnis für solche Reaktionen aus der Nachbarstadt. Schliesslich sei damals in jedem Schul- oder Reisebuch im In- und Ausland vom «Rheinfall bei Schaffhausen» die Rede gewesen.

94 Prozent der Stimmberechtigten , die im Mai 1938 in Neuhausen an die Urne gingen, sagten Ja zur Ergänzung des Ortsnamens.

Der Verein liess sich dennoch nicht be­irren. Bei der Generalversammlung im März 1937 beschloss man, einen erneuten Vorstoss zu wagen. Ein knappes Jahr später wurde im Rosenbergschulhaus eine öffentliche Versammlung einberufen, zu der 300 Personen erschienen. Der damalige Postverwalter hielt ein Referat über die Entwicklung der Gemeinde. Infolge der industriellen Revolution hätten sich Weltfirmen angesiedelt, welche heute den Namen der Gemeinde in die Welt hinaustragen. Neben der Industrie spiele der Fremdenverkehr eine grosse Rolle für Neuhausen. Diesen gelte es, weiter zu fördern. Eine Abänderung des Ortsnamens biete eine gute Möglichkeit dazu. Offenbar herrschte im Neuhauser Hotel- und Gastgewerbe damals eine Flaute.

Das Neuhauser Gewerbe stand hinter der Namensänderung. Der Verkehrsverein hatte im Vorfeld der Versammlung Unterschriften der Geschäftsleute eingeholt. 160 Gewerbler bestätigten damit ihre Unterstützung für das Anliegen des Verkehrsvereins. Auch der Neuhauser Gemeindepräsident Ernst Moser-Moser versicherte, dass der Gemeinderat die vom Verkehrsverein beantragte Änderung des Ortsnamens voll und ganz befürworte. Er rechne damit, dass sich auch der Einwohnerrat anschliessen werde.

Deutliches Abstimmungsergebnis

Das Parlament hatte seine Zustimmung eigentlich schon gegeben, wies das Geschäft aber an den Gemeinderat zurück, damit dieser einen konkreten Antrag zuhanden einer Gemeindeabstimmung ausarbeite. Im März 1938 legte der Gemeinderat den Antrag vor, den Ortsnamen «Neuhausen» unter Vorbehalt der Genehmigung durch den Regierungsrat in «Neuhausen am Rheinfall» zu ändern.

Die Abstimmung im Mai 1938 fiel dann sehr deutlich aus: 1339 sagten Ja zur Namensänderung, 83 Nein und 227 legten leer ein. Auch der Regierungsrat genehmigte einige Wochen später die Namensänderung, der Bundesrat folgte im September.

SBB reagieren erst 40 Jahre später

Der erste Poststempel mit der neuen Ortsbezeichnung wurde am 3. September 1938 eingeführt. Dies anlässlich eines Jugendfests zur Einweihung der neuen Turnhalle Rosenberg. Damals wurde ein automobiles Postbüro aufgestellt.

Deutlich länger aber dauerte es, bis die SBB die Stationstafel am Bahnhof änderten. Dies war erst 1978 der Fall. Zwar hatten die SBB bereits zehn Jahre zuvor Schilder von 650 Schweizer Stationen und Bahnhöfen erneuert. Beinamen und andere Bezeichnungen wie «Hauptbahnhof» wurden aus Kostengründen jedoch weggelassen. Die Gemeinde liess in den Folgejahren nicht locker, bis man sich zu einem Kompromiss durchrang. Die Gemeinde und die SBB teilten sich die Anschaffungs- und Montagekosten für die Zusatztafeln «am Rheinfall».

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