Als sich die Neuhauser über ihr Gemeindewappen stritten

Autor
Saskia Baumgartner

Vor 70 Jahren entbrannte in Neuhausen ein Streit über das Gemeindewappen. Der Gemeinderat wollte zum früheren Wappen zurückzukehren. Einige Bürgerliche waren von dieser Idee nicht begeistert.

Die selbst genähte Fahne wurde viele Jahre in der Gartenstrasse gehisst. Bild: zvg

Neuhausen ist schon lange keine Rebbaugemeinde mehr. 1965 entschied der letzte Rebbauer der Gemeinde, Albert Erni, voller Frust, seinen Rebberg aufzuheben. Zuvor war ihm die gesamte Ernte gestohlen worden. An den einstigen Wirtschaftszweig erinnert jedoch noch heute das Neuhauser Gemeindewappen: Es zeigt seit 1822 ein Rebmesser.

Vor 70 Jahren wurde heftig über Sinn und Unsinn dieses Wappens gestritten – am Ende wurde gar eine Gemeindeabstimmung abgehalten.

Wappenwirrwarr im Kanton

Ausgelöst hatte die Diskussion eine sogenannte Bereinigung der Gemeindewappen im ganzen Kanton Schaffhausen. Bereits Ende der 1940er-Jahre hatte sich die Schaffhauser Heraldikerin Berty Bruckner darangemacht, eine Übersicht über die Gemeindewappen des Kantons Schaffhausen zusammenzustellen. Bruckner und der damalige Staatsarchivar Hans Werner waren der Ansicht, dass eine Übersicht nicht ausreichte. Dem damaligen Wappenwirrwarr sollte ein Ende gemacht werden. Viele Wappen waren im Laufe der Zeit offenbar willkürlich abgewandelt worden, zudem zeigten viele Gemeindewappen dieselben Symbole. So hatten von den damals 36 Schaffhauser Gemeinden elf die Pflugschar im Wappen, fünf das Rebmesser und vier die Lilie.

Das einstige Wappen von Neuhausen am Rheinfall zeigt einen Salm.

Auch der Regierungsrat erkannte Handlungsbedarf. Im März 1949 versandte der Kanton ein Kreisschreiben. Die Gemeindebehörden wurden ersucht, im Interesse der einheitlichen Regelung die kommunalen Wappen endgültig festzulegen und rechtskräftig zu beschliessen.

Für Neuhausen hatte Berty Bruckner vorgeschlagen, zu dem früheren Gemeindewappen aus dem 16. Jahrhundert zurückzukehren: einem Salm in Silber auf rotem Grund. In ihrem Buch «Die Hoheitszeichen des Standes Schaffhausen und seiner Gemeinden» begründet Bruckner dies in der grossen historischen Bedeutung des Fischfangs für Neuhausen während Jahrhunderten. «Bis zum Aufkommen der Industrie war Neuhausen ein ausgesprochenes Fischer- und Schifferdorf.» Darin, so Bruckner, unterscheide sich Neuhausen von den anderen Gemeinden des Kantons.

Das Rebmesser im Wappen, wie im 19. und 20. Jahrhundert angewandt, ergebe für Neuhausen hingegen weniger Sinn. «Mit dem Rebmesser ist nichts für Neuhausen Typisches, sondern ein allgemeiner, fast in jedem Schaffhauser Dorf verbreiteter Wirtschaftszweig versinnbildlicht», schreibt Bruckner. Die Heraldikerin vermutet, dass dieses Wappen auf den Vorschlag eines Graveurs von Gailingen hin entstanden sei. Überhaupt seien die jüngeren Gemeindewappen des Kantons mit den vielen gleichen Symbolen wohl den Stempelschneidern zuzuschreiben, die sich nicht die Mühe machten, nach den älteren Gemeindewappen zu forschen. Neben dem Rebmesser zeigt das neuere Neuhauser Wappen auch ein Kleeblatt, das Bruckner als Symbol für Wiesland interpretierte.

Bürgerliche ergreifen Referendum

Der Neuhauser Gemeinderat war von Bruckners Darlegung überzeugt und beantragte dem Einwohnerrat im Mai 1949 die Wiedereinführung des alten Wappens mit Salm. Das Parlament stimmte bei zwei Gegenstimmen zu. Nicht zuletzt passe der Salm auch besser zu der seit 1938 geltenden Ortsbezeichnung «Neuhausen am Rheinfall», so der Tenor. Doch auf bürgerlicher Seite regte sich der Widerstand. Es wurden Unterschriften für ein Referendum gesammelt, das zustande kam.

Das aktuelle Gemeindewappen mit Rebmesser und Kleeblatt.

Die Freisinnig-Demokratische Partei gab für die Abstimmung im November 1949 offiziell zwar die Nein-Parole heraus. Allerdings waren die Meinungen bei den Freisinnigen gespalten – was sich auch in Leserbriefen und Anzeigen niederschlug. Jene für die Beibehaltung des Rebmessers argumentierten damit, dass der Salmfang lange kein freies Gewerbe gewesen war, das von der Einwohnerschaft betrieben werden konnte. Der Fischfang sei ein Vorrecht des Klosters Allerheiligen gewesen. Landwirtschaft und den damit verbundenen Rebbau hingegen hätten in Neuhausen viele Einwohner ausgeübt. Einige Gegner bezeichneten das Wappen mit Rebmesser zudem schlicht als schön und schmuck.

Alteingesessene gegen Zuzüger

Offenbar war in dieser Frage auch ein Streit zwischen den Alteingesessenen und den Zuzügern entbrannt. Der Architekt Ar­thur Moser, ehemaliger Neuhauser Kantons- und Nationalrat, zumindest schrieb am 12. November 1949 in den SN: «Geht man der Sache auf den Grund, ist es vielleicht weniger der Widerstand gegen das alte Wappen selbst, als der Groll darüber, dass die Bürgergemeinde zur ganzen Frage nicht mehr zu sagen hat als jeder Niedergelassene.»

Berty Bruckner schreibt in ihrem Buch: «In keiner Gemeinde hat die Bereinigung des Gemeindewappens soviel Staub aufgewirbelt wie in Neuhausen.» Den Ausgang der Abstimmung am 13. November 1949 bedauerte die Heraldikerin. Nur 667 Personen stimmten für die Wiedereinführung des alten Salmwappens, 995 wollten das Rebmesser beibehalten. Aktuell gewinnen beide Themen in Neuhausen wieder an Bedeutung. Der Rebbauverein hat 2015 einen kleinen Weinberg angelegt und will nach über 50 Jahren wieder eigenen Neuhauser Wein keltern. Und: In der Fischzuchtanstalt werden derzeit Lachse aufgezogen, um die Wiederansiedlung im Rhein voranzutreiben.

Warum im Unterdorf die «falsche» Fahne wehte

Auch wenn das Wappen von Neuhausen am Rheinfall seit fast zwei Jahrhunderten Rebmesser und Kleeblatt zeigt, gibt es doch auch heute noch Einwohner, welche das frühere Wappen mit Salm bevorzugen. Unter ihnen ist Gertrud Sommer, die mit ihrer Familie lange Zeit an der Gartenstras­se lebte. Am Fahnenmast wehte jahrzehntelang ein Fahne mit Salm auf rotem Grund. Gehisst wurde diese jeweils am 1. August, aber «manchmal auch einfach, wenn das Wetter schön war», sagt Sommer.

Handgenäht von der Nichte

Die Fahne, zwei mal zwei Meter gross, war eine Eigenkreation. Sie war von Gertrud Sommers Bruder gezeichnet und von der Nichte genäht worden. Im Gegensatz zum Originalwappen aus dem 16. und 17. Jahrhundert habe der Salm auf der Fahne «etwas mehr Schwung» gehabt, findet Sommer. Leider habe die Fahne sich vor einigen Jahren bei einem Sturm um den Mast gewickelt und sei beim Herunterholen gerissen. Flicken habe nichts mehr genützt. Immerhin existieren noch einige Fotos davon.

Auf die Idee einer Fahne war Sommer durch ihren Vater gekommen, Otto Beutel. Der einstige freisinnige Gemeinderat habe das frühere Gemeindewappen dem jüngeren vorgezogen. Sommer erinnert sich, dass ihr Vater den Salmfang als bedeutender für die Gemeinde empfand als den Rebbau. Vielleicht habe der Vater den Fisch im Wappen aber auch präferiert, weil er eine enge Beziehung zur Fischzuchtanstalt am Rheinfallbecken gehabt habe. Sommer erinnert sich, dass der Vater, der Malermeister war, einst Arbeiten an der Fischzuchtanstalt durchführte.

Möglicherweise hatten aber auch die Abstimmung über das Gemeindewappen 1949 und der damit verbundene parteiinterne Streit der Freisinnigen dazu geführt, dass Otto Beutel seine Verbundenheit mit dem alten Wappen nach aussen trug. Zumindest kann sich Sommer nicht daran erinnern, dass der Vater vor der Abstimmung eine Fahne hisste. Dies tat er erst als Exilneuhauser. Anfang der 1950er-Jahre zog Beutel zusammen mit seiner Frau nach Steckborn. Dort hisste er dann bald eine Fahne mit Salm auf rotem Grund. Gertrud Sommer tat es ihm in Neuhausen an der Gartenstrasse gleich. Das alte Neuhauser Wappen wurde zu einer Art Familienwappen. (sba)

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