«Das ist schon eine extreme Erfahrung»

Autor
Alfred Wüger

Der Schaffhauser Musiker Urs Vögeli hat den Förderbeitrag, den er von Stadt und Kanton Schaffhausen bekommen hat, in ein Projekt gesteckt, das die Depression thematisiert.

Der Gitarrist und Komponist Urs Vögeli berichtet in seinem Proberaum von seinem neusten Projekt «Songs for the Low», das am 13. September zum ersten Mal im TapTab erklingt. Bild: Selwyn Hoffmann

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Betroffener über seine Depression redet, und auch Urs Vögeli brauchte Mut, mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit zu treten. Er tut es nun auf eine aussergewöhnliche Art und Weise, nämlich musikalisch. Er hat einen Songzyklus, bestehend aus 13 Kompositionen, geschrieben und dem Ganzen den Titel «Songs for the Low» – Lieder für die Erniedrigten – gegeben.

Im Jahre 2016 verbrachte Urs Vögeli einen Monat in der Klinik Breitenau, in der geschlossenen Abteilung, und als es ihm wieder besser ging, begann er, musikalische Ideen zu skizzieren, Notizen für das, was jetzt zu den «Songs for the Low» geworden ist. «Ich hatte schon fünf Depressionen», sagt Urs Vögeli, «aber auf der geschlossenen Abteilung war ich noch nie gewesen. Das ist schon eine extreme Erfahrung.»

«Technik zum Beispiel muss ich nicht mehr üben. Ich habe 15 000 Stunden geübt, das sind siebeneinhalb Arbeitsjahre.»

«Es gibt auch den Wahnsinn, die Verlorenheit und den Aberwitz der Existenz. Alles Themen, die mich schon lange umtreiben.»

Nach seiner Entlassung nahm er die Skizzen, die er während der Rekonvaleszenz gemacht hatte, hervor und sah: «Diese Musik, das ist eine Reflexion über meine verschiedenen Seelenzustände, das sind eben ‹Songs for the Low›, und zwar nicht nur die, die selbst betroffen sind, sondern auch für ihre Angehörigen. Schliesslich hat jeder Phasen, wo er nicht gut drauf ist.»

Den Entstehungsprozess zeigen

Urs Vögeli geht es aber nicht nur um die Erfahrung der psychischen Depression, sondern er schrieb die Musik auch für Menschen, die im Kapitalismus auf der Strecke bleiben. «Einmal sass ich im A-Train, der von New York ans Meer fährt, durch den Stadtteil Queens, wo arme Leute leben.» Und da sei ihm ein älterer Schwarzer gegenübergesessen und habe mit einem ganz leeren Blick vor sich hingesehen. «Dann habe ich das Stück ‹Blues for the Tired› geschrieben. Aus solchen Gedanken heraus sind die neuen Songs entstanden.»

Gespielt werden die Songs von einer Band, die den Namen «Fly Out» trägt. Schon einmal trat Urs Vögeli unter diesem Namen an die Öffentlichkeit, vor zehn Jahren, mit der CD «Not All Birds Play Be-Bop». Diese Scheibe war sein Debüt nach dem Abschluss der Jazzschule. Fly Out ist nicht die einzige Formation, in der der Gitarrist mitwirkt. Viel unterwegs, auch international, ist er mit Ghost Town, und in der Gruppe Grünes Blatt spielt er auf der Basis von rumänischer Volksmusik.

«Immer wenn die Gruppe ‹Fly Out› heisst, dann stammt die Musik ausschliesslich von mir.» Das ist also jetzt auch bei «Songs for the Low» der Fall. «Ich gebe den Musikern die Noten, sodass sie sehen, das ist die Melodie, das sind die Akkorde. Wie wir das interpretieren, diese Frage lösen wir dann gemeinsam.»

Stilistisch ist Urs Vögeli offen, auch und gerade in seinen Kompositionen. Allerdings ist ihm wichtig, dass bei «Songs for the Low» seine Klangvorstellungen umgesetzt werden. «Und zwar auswendig», fügt er hinzu: «Ohne Notenblätter auf der Bühne.»

Die Musiker, mit denen er zusammenarbeitet, sind für ihn – und für Kenner der Jazzszene – keine Unbekannten. Mit dem Trompeter und Flügelhornisten Mats Spillmann sowie mit Dominique Girod spielt Vögeli im «Grünen Blatt», und dem Schlagzeuger Marius Peyer ist er einmal ein Jahr lang in der Werkstatt für improvisierte Musik in Zürich aufgetreten.

Die Arbeit im Quartett geht nun so vor sich, dass die Musiker nach wenigen ersten Proben am 13. September im TapTab in Schaffhausen öffentlich spielen. «Dann folgen wieder Proben, und dann treten wir im November, im März und im Mai wieder im TapTab auf.» Das Ziel dabei ist, den Entstehungsprozess der Musik sehr früh dem Publikum zu zeigen. «Die Zuhörer können», so Urs Vögeli, «mitverfolgen, wie sich die Musik entwickelt und wie die Band zusammenwächst.» Und wenn der Komponist dann irgendwann findet, «so, jetzt klingt es gut», dann gehe man ins Studio. Eine Live-Aufnahme wäre zwar auch denkbar, aber Urs Vögeli winkt ab: «Ich will ins Studio, da haben wir mehr Möglichkeiten. Ein Studio ist wie ein eigenes Instrument, und in Schaffhausen gibt es mit David Bollinger einen sehr guten Tontechniker.» Und erst dann, wenn die CD dann vorliegt, macht sich «Fly Out» daran, Konzerte zu buchen. «Gut möglich, dass ich dann auch die Breitenau anfrage, ob sie an einem Konzert Interesse hat.»

«Songs for the Low» ohne Worte

Schon früh im Schreibprozess für «Songs for the Low» hat Urs Vögeli gemerkt, dass da etwas Intimes mit kammermusikalischen Ansätzen, etwas Jazziges entsteht. «Wie man es schon länger nicht mehr von mir gehört hat», sagt der Gitarrist, der sich mit seiner Formation «Ghost Town» der Bearbeitung und Interpretation von bekannten und weniger bekannten Songs vornehmlich aus Amerika annimmt.

«Alle Musik, die ich selber schreibe, ist nachdenklich und in Moll.» Bei den ‹Songs for the Low› handle es sich aber nicht ausschliesslich um Balladen. «Es gibt ja auch den Wahnsinn, die Aggressivität, die Verlorenheit und den Aberwitz der Existenz. All das kommt auch vor, alles Themen, die mich schon lange umtreiben.» Der Ausdruck von diesen Zuständen führe meist zu schwererer Musik als die reine Fröhlichkeit, sagt der Komponist und fügt hinzu: «Ich hoffe, die ‹Songs for the Low› werden so schön und so gut, dass die Musik einem guttut.» Übrigens, und das wurde bis jetzt noch gar nicht gesagt: Es sind Songs ohne Worte, Kompositionen, die einfach in der Form von Liedern gehalten sind.

Trotzdem ist Urs Vögeli nicht einfach freischaffender Künstler, sondern er ist angewiesen auf einen Brotjob. Er unterrichtet montags und dienstags an der Musikschule Schaffhausen. «Da kommen Kinder und Jugendliche. Und hier im Proberaum gebe ich Privatunterricht für Erwachsene, Gitarre, Banjo, Westerngitarre. Hauptsächlich Popmusik, Jazz interessiert fast keinen.» Dennoch ist der Gitarrist seit einiger Zeit Mitglied des Organisationskomitees des Schaffhauser Jazzfestivals, das nächstes Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiern kann. «Das Verhältnis zwischen Brotjob und künstlerischer Arbeit ist etwa fifty-fifty.» Zur künstlerischen Arbeit rechnet er neben dem Schreiben von Musik und dem Proben auch das Spielen von Konzerten, das Organisieren von Auftrittsmöglichkeiten, das Auftreiben von Geld. «Es ist ein Riesenjob, aber nicht vergütet.» Und dann kommt noch etwas dazu: das Üben. Wie übt ein Routinier? Urs Vögeli: «Es ist nicht mehr ein systematisches Üben so wie früher. Technik zum Beispiel muss ich nicht mehr üben. Ich habe 15 000 Stunden geübt, das sind siebeneinhalb Arbeitsjahre.» Heute gehe es vor allem um das Entwickeln von neuen Ideen.

Urs Vögeli ist ein vielseitiger Musiker. Im Dezember gibt er sein erstes Solokonzert. In Baden. «Ich spiele dort mit sieben oder acht Gitarren. Alle sind verstimmt, sodass ich auf jeder zuerst herausfinden muss, was bringe ich wie zusammen, damit es gut klingt. Das ist ein improvisatorischer Ansatz, da kann ich nichts aufschreiben. Ich muss nur wissen, wie es geht.»

 

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