Auf Facebook in zwei Tagen zwei Tonnen Kartoffeln verkauft

Autor
Daniel Zinser

Schädlinge beeinträchtigten die Kartoffelernte von Roland Weber und mehrere Tonnen der Ernte sind fast nichts mehr wert. Doch es kommt unerwartete Hilfe aus den sozialen Medien.

Daniela Furter mit den Kartoffeln aus der Ernte von Roland Weber. Bild: daz

Die Natur ist schwer einzuschätzen und unmöglich zu kontrollieren. Besonders problematisch kann dies für Landwirte sein, deren Jahresertrag 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche auf den Feldern der Natur völlig ausgesetzt ist. Gewitter mit Hagel können ganze Ernten zerstören, Hitze und Trockenheit Pflanzen verkümmern lassen und Insekten oder andere Tiere auf den Feldern ernsthaften Schaden verursachen. So erlebte das dieses Jahr auch Landwirt Roland Weber auf seinem Hof im Neuhauser Chlaffental. Sogenannte Drahtwürmer - ansonsten für den Boden nützliche Lebewesen - haben seine Kartoffeln aufgrund der Trockenheit als Wasserquelle benutzt. Das Resultat: Ein Grossteil der Knollen weist kleine Flecken und Löcher auf. Für den Verzehr der Kartoffeln ist das grundsätzlich unproblematisch. «Es fällt einfach mehr Rüstabfall an, schneidet man die befallenen Stellen weg, ist die Kartoffel aber wie jede andere», erklärt Roland Weber.

«Bei dem Preis kann ich nicht mal die Maschine bezahlen»

Etwas anders sieht das aber der Grossverteiler, der die leicht beschädigten Kartoffeln nicht annimmt. Für Roland Weber ist das vor allem finanziell ein Debakel. 15 Tonnen Kartoffeln, die er in den letzten Wochen aus der Erde geholt hat, kann er nun nur noch als Tierfutter verkaufen. Fünf Franken bekommt der Landwirt so nur noch für 100 Kilogramm der Knollen. Im Grosshandel erhält der Endverbraucher für diesen Preis ein einziges Kilo der Bio-Kartoffeln aus Demeter-Anbau. «Die Ernte muss aus dem Boden, aber bei diesem Preis kann ich nicht mal die Maschine, geschweige denn die Helfer bezahlen», erklärt Weber das Problem.

Andere Absatzwege gefunden

Und hier kommt Daniela Furter ins Spiel. Zusammen mit ihren Kollegen der Gemüsekooperative Bioloca ist sie auf einem Feld von Landwirt Weber eingemietet. Als grosse Gegnerin des «Food Waste» ärgerte sie sich über die Verschwendung der Kartoffeln als Lebensmittel. «Rund 30 Prozent der Lebensmittel in der Schweiz kommen nie auf den Tisch. Da wollte ich aktiv etwas dagegen tun». In Buchthalen besitzt sie einen eigenen Hofladen, in welchem sie Produkte vom Hof ihrer Eltern verkauft. Genau dort verkaufte sie bereits die ersten 400 Kilogramm von Webers Ernte. «Die Idee, die Kartoffeln trotzdem als Lebensmittel zu nutzen, stiess in meinem Umfeld auf grosses Interesse», erklärt die angehende Bäuerin. Die 400 Kilogramm seien sehr schnell weg gewesen. Gerne hätte sie in ihrem Hofladen auch viele weitere Kartoffeln verkauft. Dafür fehle Daniela Furter aber leider die Zeit. Sie versprach Roland Weber aber, auf Facebook Werbung für die «Zweitklass-Kartoffeln» zu machen. 

«Ich war extrem überrascht»

Und das tat sie auch. Angeboten werden die Kartoffeln auf der Social-Media-Plattform in Säcken zu fünf, zehn oder zwanzig Kilogramm und zu sehr fairen Preisen, die deutlich unter denjenigen im Detailhandel liegen. In nur zwei Tagen wird Daniela Furter von Bestellungen überhäuft. «Ich war extrem überrascht, in wenigen Stunden sind 200 Bestellungen mit einem Gesamtgewicht von über zweiTonnen eingegangen», erklärt sie und ergänzt: «Es ist schon beeindruckend, wie viele Menschen man über die sozialen Medien in solch kurzer Zeit erreicht». Schaut man sich die Kommentarspalten auf Facebook genauer an, sieht man auch, welch grosse Kreise die Aktion bereits gezogen hat.

Kartoffeln aus der Ernte von Roland Weber.

Die Solidarität gegenüber dem Landwirt zeigt sich fast in jedem Kommentar. So bedauern User aus der Region Thun die zu grosse Distanz nach Schaffhausen. «Ich wäre gerne gekommen, aber leider wohne ich zu weit weg», steht da geschrieben. Nach Winterthur wird ein Sammeltransport angeboten. Sogar eineinhalb Stunden wäre der Inhaber einer grossen Metzgerei gefahren. Diese Anfrage lehnte Daniela Furter jedoch ab. «Die Kartoffeln sind aus der Region und sollen auch hier verzehrt werden.»

«Jeder Franken hilft»

Auch Roland Weber zeigt sich überrascht und vor allem glücklich über die vielen Kartoffel-Bestellungen. «Klar sind noch jede Menge Kartoffeln übrig, aber wenn man ein Defizit decken muss, ist jeder Franken hilfreich», zeigt er sich dankbar über die Solidaritätswelle aus der Bevölkerung. Der Direktverkauf bedeutet für ihn zwar mehr Arbeit, diese nimmt er aber gerne in Kauf. «Natürlich sortieren wir die ganz schlimmen Knollen noch aus». Dann wird die Ernte abgewogen und verpackt. Abholen können die Kunden ihre Kartoffeln dann auf dem Hof von Roland Weber im Chlaffental oder beim Hofladen von Daniela Furter in Buchthalen. Wie der Verkauf genau stattfinden soll, haben die beiden noch nicht geklärt. «Der grosse Ansturm hat uns etwas überrumpelt», schmunzelt Daniela Furter. Man werde jedoch zeitnah informieren.

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