Schaffhauser Zahnärzte kritisieren Behandlungen an der Schulzahnklinik

Autor
Zeno Geisseler

Die Zahnärzte sprechen von Befunden, die sie nicht nachvollziehen können, von unwissenschaftlichen Methoden und von Mauscheleien.

Die Patienten der Schulzahnklinik werden nach Ansicht der Schaffhauser Zahnärzte nicht immer angemessen behandelt. Symbolbild: Key

Wie gut ist eigentlich die Schaffhauser Schulzahnklinik? Diese Frage hat in den letzten Tagen eine Diskussion auf Facebook beherrscht. Neben Lob wurde auch viel Kritik laut: Löcher würden gefunden, wo es keine gebe, und es gehe um Geld­macherei. Sind das bloss Stimmen von frustrierten Eltern? Nein. Auch unter den Schaffhauser Zahnärzten sind viele gar nicht gut auf die Schulzahnklinik zu sprechen. Ende August 2017 führte die hiesige Sektion der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) sogar eine ausserordentliche Mitgliederversammlung zur Schulzahnklinik durch. Über zwei Stunden diskutierten die Ärzte die Zustände an der Klinik, die beim kantonalen Erziehungsdepartement angesiedelt ist.

«Die Schulzahnklinik müsste sich an die Vorgaben von Universitäten halten. Dies tut sie aber nicht.»

Dr. Alexander Egger, Kieferorthopäde

Im Fokus der Kritik steht eine neuartige Spange für die Behandlung von Schluckstörungen und Platzmangel, der sogenannte Myobrace-Trainer – ein Stück Plastik, welches Kinder ab fünf Jahren tragen sollen und das rund 1000 Franken kostet. Für die Kinder ist die Behandlung unangenehm. Sie müssen das Plastikteil bis zu zwei Jahre lang jede Nacht tragen und mindestens eine Stunde auch am Tag. Seit 2016 arbeitet die Schulzahnklinik mit Myobrace. Schaffhauser Kieferorthopäden wie Marcel Cucu, Harald Funke und Alexander Egger kennen Myobrace auch – aber nur, weil verunsicherte Eltern, deren Kinder zuvor in den Schulzahnklinik waren, sie um eine Zweitmeinung baten. Ihr Urteil ist eindeutig: Die Behandlung sei oft unnötig, sagen die drei. «Klar, gibt es Schluckstörungen oder offene Gebisse, aber das korrigiert sich in vielen Fällen von selbst.» Es habe Patienten gegeben, bei denen man die Diagnose nicht habe nachvollziehen können. «Bei ihnen war alles in Ordnung. Trotzdem wurde ihnen Myobrace verschrieben», sagt Egger. Dies stört die Kieferorthopäden umso mehr, weil wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit von Myobrace fehlten. «Die Schulzahnklinik müsste sich an die Vorgaben von Universitäten halten. Das tut sie aber nicht.»

Strahlenbelastung wegen Röntgen

Die SN fragten beim Lehrstuhl für Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin der Universität Zürich nach. Unsere Frage, wie wirksam Myobrace sei, konnte der verantwortliche Professor nicht beantworten. Er habe, schrieb die Medienstelle, «kaum Erfahrung mit Myobrace oder ähnlichen herausnehmbaren Spangen».

Umstritten ist Myobrace auch, weil zur Behandlung ein Panoramaröntgenbild gehört – mit entsprechender Strahlenbelastung. «Solche Bilder sollte man so wenig wie möglich und so spät wie möglich durchführen», sagt Funke. «Das Risiko für Mutationen ist bei kleinen Kindern viel grösser als bei Erwachsenen.» Doch seit die Schulzahnklinik Myobrace anbiete, hätten in gewissen Kindergartenklassen plötzlich über 50 Prozent der Kinder angeblich myofunktionelle Störungen, die eine solche Behandlung notwendig machten.

Rainer Feddern ist Präsident der Schaffhauser Sektion der Schweizer Zahnärzte-Gesellschaft (SSO). Er betont, dass die ­niedergelassenen Zahnärzte die Schulzahnklinik nicht grundsätzlich infrage stellen. «Wir stehen hinter der Institution. Die Schulzahnklinik ist wichtig und macht insgesamt eine gute Arbeit. Wir sehen zwanzigjährige Patienten, die fast keine Probleme mit ihren Zähnen haben.» Das sei auch ein Verdienst der Schulzahnklinik. «Aber aus der Sicht meiner Kolleginnen und Kollegen ist die Behandlung mit Myobrace nicht sehr wissenschaftlich», sagt Feddern. «Und die Werbung ist aufdringlich.» Man erhalte den Eindruck, dass die grosse Mehrheit der Kinder Pro­bleme mit der Zahnstellung hätte und dass Myobrace fast alle Probleme lösen könne. «Aber die Frage ist doch, was wäre ohne Myobrace passiert?», sagt Feddern. «Es ist überhaupt nicht aussergewöhnlich, dass Zähne schief durchbrechen. Fast jedes Kind macht eine Phase durch, bei der die Zähne schief stehen.»

Arzt weist sich selbst Patienten zu

Bei der Kritik der Zahnärzte geht es nicht nur um Myobrace. Gross ist der Unmut auch über personelle Verflechtungen. So arbeitet ein Kieferorthopäde sowohl bei der Schulzahnklinik als auch bei einer privaten Zahnklinik in der Stadt Schaffhausen. Der Vorwurf: Der Arzt weise sich als Schulzahnarzt selbst Patienten zu, die er dann privat weiterbehandle. Damit erhalte er einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den übrigen Kieferorthopäden in der Region. Zudem könnten der Kanton und auch die Patienten so finanziell geschädigt werden. Denn wenn eine Behandlung grundsätzlich an der Schulzahnklinik ausgeführt werden kann, die Parteien aber an eine Privatpraxis überwiesen werden, dann entgehen dem Kanton Einnahmen. Die Patienten beziehungsweise deren Eltern bezahlen privat unter Umständen ebenfalls mehr als in der Schulzahnklinik, wo gewisse Behandlungen staatlich subventioniert sind. «Wir fordern den Kanton auf, hier genau hinzuschauen», sagt Feddern.

Die Kieferorthopäden, mit denen wir sprachen, betonen, dass es ihnen nicht ums Geschäft gehe: «Wir alle haben genug zu tun», sagt Egger. Aber es könne doch nicht sein, dass ein Arzt Patienten einfach in seine Privatpraxis mitnehme.

Die Schulzahnklinik selbst will zu den Vorwürfen nicht Stellung nehmen. Und für das Erziehungsdepartement, siehe Statement unten, ist alles in bester Ordnung.

Kantonale Erziehungsdirektion: «Zwei Drittel der Kunden sind sehr zufrieden mit der Schulzahnklinik»

Die Schulzahnklinik geniesse einen guten Ruf, sagt Thomas Schwarb Méroz, Dienststellenleiter der Primar- und der Sekundarschule 1 im Schaffhauser Erziehungsdepartement. Bei der letzten Umfrage aus dem Jahr 2016 bezeichneten sich 65 Prozent der Kunden als «sehr zufrieden» 34 Prozent als «zufrieden». Ein Prozent habe die Behandlung als «in Ordnung» oder mit «nicht zufrieden» beurteilt. 1000 Kunden seien befragt worden, die Rücklaufquote betrug rund 20 Prozent. Beschwerden über die Klinik seien «sehr selten». Jede Beschwerde werde in erster In­stanz vom behandelnden Zahnarzt bearbeitet. «In jedem Fall erfolgt eine Infor­mation des Klinikleiters, der spätestens zweitinstanzlich seine Stellungnahme abgibt und gegebenenfalls Massnahmen trifft.»

Zur Myobrace-Behandlung sagt er: «Unsere Mitarbeiter sind auf dem neusten Stand der Forschung.» Die myofunktionelle Therapie könne die Entwicklung im Kiefer- und Zahn­bereich im frühen Alter positiv ­be­einflussen. Deshalb hätten einige Universitäten die myofunktionelle Therapie in ihr Lehr- und Forschungsprogramm aufgenommen. «Logopädinnen führten schon im Jahr 2000 im Auftrag der Schulzahnklinik die myofunktionelle Therapie an bestimmten Patienten durch», so Schwarb ­Méroz. «Seit 2015 unterstützt die Schulzahnklinik diese Arbeit auch mit Apparaturen, die insbesondere bei jüngeren Patienten sehr wirksam sind.» Der Erfolg sei aber zu einem grossen Mass von der Mitarbeit der Patienten abhängig. Darum werde die myofunktionelle Therapie nur bei einem bestimmten Teil der Patienten eingesetzt, und die Eltern würden ausführlich informiert. «Die Schulzahnklinik hat festgestellt, dass bei etwa 10 Prozent der Patienten die Behandlung wegen mangelnder Kooperation und aus anderen Gründen nicht zum Erfolg führt.»

Für eine Myobrace-Anwendung müssen gemäss Herstellerangaben Röntgenbilder angefertigt werden, teilweise für Kinder im Kindergartenalter. Es gebe keine vergleichende ­Statistik, die den Umgang mit Röntgenbildern in den verschiedenen Kliniken und Praxen dokumentiere. «Die Schulzahnklinik ist in Anbetracht des Alters der Patienten sehr zurückhaltend mit dem Einsatz von Röntgenbildern und setzt sie nur ein, wenn sie klinisch indiziert sind.»

«Keine Fälle bekannt»

Dass einer der Kieferorthopäden der Schulzahnklinik gleichzeitig eine Privatpraxis betreibt, führt aus Schwarb Méroz’ Sicht nicht zu einem Interessenkonflikt. Er verweist auf die Personalverordnung: Darin ist festgehalten, dass ein Nebenerwerb gemeldet werden muss. Ihm seien keine Fälle bekannt, wonach der besagte Kieferorthopäde Patienten aus der Schulzahnklinik in seiner Privatpraxis behandelt habe. Und Überweisungen von Patienten an eine Klinik in Wallisellen, wo der Kieferorthopäde ebenfalls tätig ist, fanden seines Wissens nach nicht statt. Andere Schaffhauser Kieferorthopäden seien durch die Doppelfunktion ihres Berufskollegen nicht benachteiligt: «Es spielt die freie Marktwirtschaft. Die Eltern sind frei in der Entscheidung, ob sie ihre Kinder nach einem Befund in der Schulzahnklinik behandeln lassen oder ob sie lieber zu einem privaten Zahnarzt gehen wollen.»

Es komme sehr selten vor, dass ­Patienten nicht in der Schulzahnklinik behandelt werden können. Dabei handelt es sich um chirurgische Eingriffe oder Krebsfälle: «Wir sprechen von 8 bis 15 Fällen jährlich.» Dann würden die Patienten an eine andere, spezialisierte Klinik überwiesen. «Die Zuweisung erfolgt aufgrund der ­medizinischen Fragestellung, und es handelt sich zumeist um chirurgische Eingriffe, die nur von wenigen, spezialisierten Kliniken ausgeführt werden können.» Alle externen Zuweisungen müssen von der Klinikleitung bewilligt werden. (heu)

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