«Als Gruppenleiter bin ich Übersetzer»

Autor
Rolf Fehlmann

«Als Gruppenleiter bin ich Übersetzer»

Gruppenleiter Kerem Tüzel muss die Verpflichtungen der Stiftung altra als Industriepartner in Einklang bringen mit ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung.

Gruppenleiter Kerem Tüzel (Mitte) gestaltet die Arbeit so, dass sie die Möglichkeiten der Teammitglieder berücksichtigt. Bild: zvg/Peter Schäublin

Aus der Sicht ihrer Industriekunden ist die Stiftung altra schaffhausen ein normaler Zulieferer – es zählen Qualität, Termintreue und Verlässlichkeit. Gleichzeitig erfüllt die Stiftung einen sozialen Auftrag: Menschen mit Beeinträchtigung bietet sie Arbeit, betreutes Wohnen und Ausbildungsplätze – im Mittelpunkt stehen ihre Möglichkeiten, Bedürfnisse und Ansprüche.

Berufserfahrung

In diesem Spannungsfeld bewegt sich Kerem Tüzel jeden Tag. Der gelernte Automatiker und angehende Arbeitsagoge ist einer von rund 50 Gruppenleitern bei der Stiftung altra schaffhausen. Seine Klienten in der Abteilung Elektromontage montieren elektrische Steuerungen, konfektionieren Kabel, setzen LED-Leuchtmittel für Innenräume zusammen oder führen Lötarbeiten an Platinen aus. Die typischen Losgrössen liegen dabei zwischen zwei und zwanzig Stück.

 

«Das Potenzial meiner Klienten zu entwickeln ist wichtig – aber wo fängt der Druck an? Und ab wann wird aus dem ‹Entwickeln› ein ‹Pushen›? Es ist wichtig, diese Grenze zu kennen.»

Kerem Tüzel, Gruppenleiter Elektromontage Stiftung altra Schaffhausen

Positives Menschenbild

Den grössten Unterschied zu einem herkömmlichen Industriebetrieb sieht Tüzel im positiven Menschenbild, das in der Stiftung altra gelebt wird: «Wir gehen davon aus, dass der Mensch grundsätzlich willens ist, etwas zu leisten, und wir lassen ihn diese Haltung durchs Band weg spüren.» Sofern sinnvoll, gebe er seinem Team durchaus einen gewissen Druck der Kundenseite weiter: «Ich erkläre es ihnen und hole sie ins Boot, und sie geben ihr Bestes.» Eine wichtige Voraussetzung für seine Tätigkeit sei, dass er jede und jeden in seinem Team gut kenne: «Insbesondere ihre Stärken, Schwächen und Vorlieben, und natürlich ihre Beeinträchtigung.» Nur so sei er in der Lage, seine Führungsfunktion wahrzunehmen: «Die Menschen fördern, ihnen Stabilität vermitteln und ihre Kompetenzen entwickeln.» Er ist es auch, der die Ausführung der Kundenaufträge in Teilschritte herunterbricht, die für alle zu bewältigen sind: «Dazu verwende ich eine einfache Sprache und oftmals auch Bilder», sagt er. «So gesehen, bin ich eigentlich ein Übersetzer.»

Integrationsbegleiter

Arbeitsagogen begleiten Menschen bei der beruflichen Integration, die einen erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Sie unterstützen Betroffene dabei, ihre Kompetenzen zu erweitern und ihre Eigenständigkeit zu entwickeln. Im geschützten Bereich, wo Menschen mit Beeinträchtigung auf einen betreuten Arbeitsplatz angewiesen sind, konzipieren Arbeitsagogen die Unterstützung so, dass begleitete Personen ihre Arbeit möglichst eigenständig bewältigen können, dass sie optimal gefördert und in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden. (rf.)

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