Wie der Bergbau Schaffhausen prägte – und unterging

Autor
Ralph Denzel

Der Südranden war lange Zeit ein Ort, an dem der Bergbau florierte. Was den Menschen jedoch lange Wohlstand und Arbeit brachte, hatte schwerwiegende Folgen an anderen Orten.

Blick in einen Stollen. Auch in Schaffhausen wurde viel Bergbau betrieben. Bild: Wikimedia

Gross ist Bohnerz nicht: Im besten Fall kann es eine Grösse von wenigen Zentimetern erreichen. Was es besonders macht, ist der hohe Anteil von Eisenoxid darin: Bis zu 75 Prozent. Quellen von früher berichten, dass in Schaffhausen aus «100 Pfund Bohnerz» letztlich 60 Pfund reines Erz gewonnen werden konnte - Das ist enorm viel und rechtfertigte den Abbau dieses Erzes in der Region.

Bohnerz ist meistens eher klein. Bild: Wikimedia

Daher bestimmte die Suche nach und der Abbau von Erzen das Leben früher in vielen Teilen des Kantons und war auch der Grundstein für die spätere Industrialisierung. Allerdings: Der Abbau kam zu einem sehr hohen Preis, sowohl im sozialen Bereich wie auch für die Umwelt.

Schon vor 3000 Jahren wurden Erze geschürft

Wann die ersten Menschen in der Region nach Bohnerz schürften, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich haben bereits die Germanen und die Römer in den Böden danach gesucht. Urkundlich erwähnt ist die Schürfung das erste Mal im Jahr 1323 in den Merishauser Chroniken. Dort ist von einer «bleie» die Rede. Das Wort stammt aus dem Mittelhochdeutschen und heisst Schmelzofen.

Eisen war ein Grundstein und unverzichtbar für die Zeit des Mittelalters. Sei es für die Herstellung von Waffen, Rüstungen und viel später für die Industrie: Das Metall bedeutete Sicherheit, Wohlstand und Fortschritt. Besonders durch seine Härte, aber auch seine Formbarkeit unter Hitze war es besonders beliebt für die Herstellung allerlei Gegenstände.

Die Region Schaffhausen, vor allem der Südranden, hatte dabei den grossen Vorteil, dass dort enorm viel von dem wertvollen Gut zu finden war. Forscher zählen ungefähr 3500 Abbaustellen alleine in diesem Gebiet und gehen von einem Vorkommen von acht Quadratkilometern aus. Daher wurde wohl auch bereits im Jahr 1555 auf Geheiss der Grafen von Sulz in Jestetten ein sogenannter Rennofen errichtet.

Es gibt allerdings auch Anzeichen, dass in der Region schon früher Eisen verarbeitet wurde und nicht erst in Jestetten. So fanden Archäologen im aufgegebenen Ort Berslingen auch Hinweise auf eine Eisenhütte. Hergestellt wurden dort, laut verschiedener Forscher und Funden, wahrscheinlich Alltagsgegenstände wie Nägel oder Messer.

Spezialisierung der Handwerker

Dadurch, dass das Eisen und die Verarbeitung so wichtig waren, wuchs auch die Notwendigkeit für Menschen, die damit umgehen konnten. Schmiede begannen sich zu professionalisieren und suchten sich Fachrichtungen, die benötigt wurden. Das konnte in der Pflugherstellung sein, im Waffenschmieden, oder auch im Bearbeiten von Kupfer.

Schmiede spezialisierten sich. Holzstich aus dem 16. Jahrhundert. Bild: Wikimedia

Bis ein Schmied jedoch genug Material zum Bearbeiten hatte, war es ein langer und vor allem mühsamer Weg. Durch die Steigungen im Randen war es enorm anstrengend, das Bohnerz zu transportieren. Die Wagen drohten öfter zu kippen oder auf den steilen Abfahrten von den Abbaustellen, meistens auf den Hügeln, ausser Kontrolle zu geraten. Dazu war die Arbeit ein Knochenjob: Nur mit Spitzhacken und Schaufeln ausgerüstet wurde das kostbare Erz abgetragen. Dabei wurde nichtmal wirklich tief gegraben: Der professionelle Stollenbau wurde erst ab dem 19. Jahrhundert betrieben. Damals wurde das Erz so gut es ging an der «Oberfläche» abgetragen – ohne grosse technische Hilfsmittel.

Die Weiterverarbeitung fand, zumindest für eine relativ kurze Zeit, direkt in der Region statt. Bereits im 13. Jahrhundert begannen man das Erz zu verschiffen. So verkehrten immer wieder von Rheinau aus Weidlinge mit Erzen in Richtung Albbruck. Zwar gab es auch noch die Schmelzen in Eberfingen, an der Wutach und im Laufen am Rheinfall, allerdings verloren diese über die Jahrhunderte immer mehr an Bedeutung. Nach der Chronik von Johann Jakob Rüeger wurde in der Region am Ende des 16. Jahrhunderts kein Erz mehr verhüttet.

Schwerwiegende Folgen für die Natur

Der Preis für diese Mühen war ein hoher, zumindest für die Natur: So hatte der Erzabbau verheerende Folgen für den Wald auf dem Randen. Der Grund: Das gewonnene Bohnerz musste immer zuerst auch gereinigt und gewaschen werden, um Verunreinigungen aus dem Berg zu entfernen. Das Problem war, dass das dabei verwendete Wasser sich mit Ton anreicherte und auf den Waldboden kam. Dabei verdichtete es diesen und machte es unmöglich, dass sich Vegetation bilden konnte. Das führte zu einem teilweisen Waldsterben, denn auch Wasser drang irgendwann nicht mehr in den Boden.

Bewusst war man sich dieser Probleme schon sehr früh: So schloss Schaffhausen im 17. Jahrhundert einen Vertrag mit dem Eisenwerk in Eberfingen ab. Eberfingen schürfte in Zukunft das Eisen, musste Schaffhausen aber neben dem Preis für das gewonnene Metall auch einen bestimmten Betrag für die angerichteten Schäden in der Natur begleichen.

Die Folgen für die Natur waren auch der vermeindliche Todesstoss für die Industrie - wenn auch über Umwege: Durch die Zerstörung des Bodens und die fehlenden Bäume, war man angewiesen, Holz aus dem Schwarzwald zu importieren. Dies war nicht nur langwierig, sondern auch sehr teuer. So kam es, dass langsam aber sicher immer weniger von diesem Rohstoff abgebaut wurde – bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Erzabbau zum ersten Mal eingestellt wurde. Die Folgen für die Leute der Region war katastrophal: Viele verloren ihre Lebensgrundlage, Gemeinden, die mit dem Erzbau zu einem gewissen Wohlstand gekommen waren, eine wichtige Einnahmequelle.

Trotzdem wurde Eisen weiterhin gebraucht - und in der Region gab es davon noch eine ganze Menge.

Zweiter Frühling für den Bergbau

Daher war der Bergbau in Schaffhausen noch nicht tot, sondern machte eher eine Pause von einigen Jahren.

So war im 19. Jahrhundert die Nachfrage nach Eisen grösser als zuvor und der Bergbau wurde folglich wieder forciert. Untrennbar mit diesem verbunden ist dabei natürlich Johann Conrad Fischer, Gründer der Mühlentalwerke GF.

Conrad Fischer. Bild: Stadtarchiv Schaffhausen

Er professionalisierte den Bergbau und zog ausländische Fachleute zur Beratung im Stollenbau herbei. Jetzt drang man auch in die tiefsten Schichten vor, um an das Eisen zu kommen, welches teilweise mehrere 100 Meter unter der Erde zu finden war.

Zudem veranlasste Fischer eine geometrische Aufnahme der Gruben und Holzfuhrwege und eröffnete neue Gruben, unter anderem im Reiat bei Lohn und bei Herblingen.

Ein Bild von Angestellten von Georg Fischer. Man beachte den Bergbauspruch «Glück auf» hinter den Männern. Bild: Stadtarchiv SH

Der Abbau war so massiv, dass irgendwann die ursprünglichen Werke - mittlerweile wieder in Betrieb - nicht mehr ausreichten um die Menge zu verarbeiten, die gefördert wurde. So wich man immer weiter aus und das Bohnerz wurde bis nach Basel geliefert, um weiterverarbeitet zu werden.

Dieses Mal war es jedoch der Fortschritt, der dem Bergbau in Schaffhausen endgültig den Todesstoss versetzte: Der Abbau von Erzen gab es andernorts billiger. Daher wurden diese immer öfter aus dem Ausland importiert um die Nachfrage auch in Schaffhausen zu decken. In Folge dessen kam es zu immer mehr Schliessungen von Eisenwerken und Hütten. Viele Menschen verloren ihre Arbeit, als die Eisen-Industrie unterging und wanderten aus. Ein Grossteil davon nach Amerika.

Trotzdem ist die Geschichte des Bohnerzes in der Region noch spürbar: Auf Wanderwegen in der Region kann man diese nachverfolgen. Dort erzählen viele Stationen die Geschichte, die den Kanton massgeblich prägte. In vielen Museen in der Region kann man sich in die Zeit der Schmiede und des Erzabbaus zurückversetzen lassen. Auch das Museum zu Allerheiligen bietet ab Donnerstag, 2. Mai, eine Sonderausstellung rund um das Thema Bodenschätze – auch mit einem Blick auf den Abbau in der Region.

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