Reden wir (nicht) über Sex: So verklemmt war die Region im 19. Jahrhundert

Autor
Ralph Denzel

Ein «skandalöser» Vorfall in Flurlingen im Jahr 1896: Jugendliche, nur in der Badehose, laufen über die Strassen – dürfen die das? Das war damals eine schwerwiegende Frage in der Region.

Jugendliche und Erwachsene beim Baden, ungefähr um das 19. Jahrhundert. Bild: Stadtarchiv Schaffhausen

Wir schreiben das ausklingende 19. Jahrhundert. Schaffhausen ist eine blühende Stadt, die Schaffhauser Nachrichten, welche damals noch den Namen Schaffhauser Intelligenzblatt trägt, ist noch eine junge Zeitung, die erst seit wenigen Jahren existiert. Aber auch damals schon haben die Menschen das Bedürfnis nach der schönsten Nebensache der Welt – und leben diese auch aus, wenn es auch damals etwas verpönter war als heute. Bestes Beispiel: Hundert Jahre zuvor bringt der Lausanner Arztes Auguste Tissot sein Werk «L'Onanisme» auf den Markt – ein Buch, dass die schwerwiegenden und laut dem Mediziner auch tödlichen Folgen des Onanierens anprangert. Ein Hirngespinst, welches nicht lange Bestand hatte? Mitnichten. Noch knapp 100 Jahre später wurde das Buch gelesen, ja mehr noch, es wurde nochmal aufgelegt: Dieses Mal mit Illustrationen, welche grauenhaften Folgen solch ein Verhalten für die Männer haben könnte.

«Endstadium» eines Mannes, der regelmässig onaniert - zumindest laut dem Buch «L'Onanisme». Bild: Wikimedia

Aber auch in Schaffhausen kommt es immer mehr zu einer Verschiebung der Sexualität – sehr zum Missfallen mancher, die dahinter einen moralischen Sittenverfall sehen. Die Menschen werden aufgeklärter, lernen auch über Geburtenkontrolle – und experimentieren. Prüde Vorstellungen werden gedehnt und man versucht, diese aufzuweichen. Das passt nicht jedem. Nirgends ist das so deutlich, wie in einem Artikel, der am 24. Juli 1896 in den Schaffhauser Nachrichten erschienen ist – und in dem sich der Verfasser versucht zu erklären, was denn nun sittsam ist – und was nicht.

«Tatort» Flurlingen

Auslöser ist damals ein Verhalten, welches heute niemanden auch nur im Geringsten mokieren würde: Ein paar Jugendliche zeigten sich in Flurlingen nur in den Badehosen. Oder wie es ein aufgebrachter Feuerthaler in einem Leserbrief schreibt: «Die Hauptmoral einer gefunden Volksentwicklung bildet vor allen Dingen die Pflege und Erhaltung der Ehrbarkeit.» Soweit, so gut. Aber: «Wie stimmt aber dieser Grundsatz damit überein, wenn tagtäglich 14 bis 15 jährige Burschen in Adamskostüm, bloss mit den Badehosen angetan, am Bord einer von vielen Menschen beiderlei Geschlechts begangenen Strasse, umherstehen und dabei Zoten reissen, die das Schamgefühl jedes ehrbar denkenden Menschen höchst unangenehm berühren müssen.» Für den Schreiber des Leserbriefes ist aber noch fast schlimmer: «Dieses Schauspiel kann man Tag für Tag gratis mit ansehen in Flurlingen, beim Übergang über den Fabrikbach. Massenweis stehen da die badelustigen Jünglinge fast nackend auf der Straße, halten sich am Brückengeländer oder promenieren die Gasse auf und ab, dabei führen sie vor den vorübergehenden Personen oft eine Sprache, die tief blicken lässt in die Erziehungsweise unserer modernen Kinder.»

Der Kleidungsstil ungefähr um 1900. Bild: Stadtarchiv Schaffhausen

Daher sollten «Eltern und Lehrer […] dafür sorgen, dass diesem öffentlichen Ärgernisse so schnell als möglich vorgebeugt wird; wer gebadet hat, soll sich nicht nackend auf der Straße oder in unmittelbarer Nähe derselben aufhalten, sondern sich in das nahe Wäldchen zurückziehen.» Denn, diese Frage muss dann wohl in dieser Zeit gestellt werden: «Darf man ohne Scham auf einer offenen Straße nackend herumlaufen, dann kann man die Kinder auch nackend in die Schule schicken. Nicht nur in der Schule sollen die Kinder ehrbar tun, sondern auch im Freien.»

Dieser Brief schlug so hohe Wellen, dass die SN sich zwei Tage später dazu genötigt sah, darauf einzugehen – und mal eine Definition über «Nudität», Sittsamkeit und überhaupt Verhalten in der Öffentlichkeit abzugeben. Heute möchte man den Kopf über manche Passagen schütteln, damals war diese Auffassung zeitgemäss.

Über die «Nudität»

Welche Meinung vertreten die SN in diesem Fall? Sie ist sich etwas unsicher. So bekommt vor allem die Kleidung, die die damalige Zeit «vorschreibt» ihr Fett weg: «Unsere abscheuliche Kleidung, namentlich die Männerkleidung, ist ein Hohn und Spott auf die menschliche Gestalt, eine jammerhafte Karrikatur derselben.» Die SN sind damals überzeugt, dass «unsere Männerhosen spätern Generationen unglaublich vorkommen werden.» Da ist auch nicht überraschend, dass die SN den Zylinder, damals oft ein unverzichtbares Accessoire, spöttisch als «würdige Krone dieses Gebäudes» bezeichnet. Daher sei es nicht überraschend, dass die «körperlich wohlgebildete Jugend, das Bestreben hat, sich dieser entsetzlichen Entstellung durch eine abgeschmackte Kleidermode zu entledigen.»

Warten Sie auf ein grosses «aber»? Das folgt nun.

Denn, «der Zweck jeder Kleidung ist allerdings zunächst der — zu bekleiden.» So gelte kein Volk als Kulturvolk, «welches der Kleidung entbehrt.» Es sei nicht weiter tragisch, wenn Kleinkinder keine Scham kennen, das sei sogar «sondern ergötzlich». Anders sei die Sache aber «bei halberwachsenen Kindern und Erwachsenen», denn diese würden durch ein ähnliches «Gebahren nicht Naivität sondern Schamlosigkeit oder ungezügelte Lüsternheit verraten.»

Badende Kinder, auch nur in Badehosen, sind in Ordnung laut Moralvorstellung der damaligen Zeit. Bild: Stadtarchiv Schaffhausen

Heisst das jetzt, dass man immer hochgeschlossen in der Öffentlichkeit auftreten muss? Nein, stellt die SN damals klar, aber: « Ein Ballkostüm gehört auf den Ball, ein Badekostüm in das Bad.»

Was ist Moral?

Dieser Satz zeigt auch die Zerissenheit der damaligen Zeit und die Unsicherheit, was denn jetzt moralisch vertretbar ist und was nicht. Die Menschen emanzipieren sich, Sex ist kein Tabuthema mehr, auch wenn es immer noch nur in der Ehe und zur Fortpflanzung wirklich akzeptiert ist. In der Schweiz herrschte damals auch ein starkes Bewusstsein über übertragbare Geschlechtskrankheiten und ein tiefes Misstrauen gegen Prostituierte: Sittlichkeitsbewegungen, meistens angeführt von Frauen, haben immer mehr Zulauf. Das historische Lexikon der Schweiz beschreibt es so: «Die Deutschschweizer Frauenvereine verlangten […] repressive Massnahmen gegen Prostituierte. Bis 1912 wurden sie «zur grössten Frauenorganisation der Schweiz mit 25'772 Mitgliedern.»

Das zeigt, die stark der Wunsch nach einer Moralvorstellung damals verankert war im Bewusstsein der Schweiz – und wie schwammig diese gleichzeitig waren. Was anstössig sein könnte, solle doch bitte dort bleiben, wo es hingehört. «Wir können kurze Hosen, kurze Röcke und kurze Aermel an den Tiroler und Tirolerinnen und anderen Menschen, die ein paar gesunde Waden und Arm: aufzuweisen haben, sehr wohl ertragen», aber ein zur Schau stellen der «Nacktheit» oder den fast nackten Körper, das gehe zu weit. Problematisch seien zum Beispiel auch bei Turnern oder anderen Sportarten. «So geht es auch weiter mit den Turn-, Ruder- und Fahr-Kostümen.» Diese seien besonders verwerflich, denn «das Turnen, Rudern, Fahren bildet oft bloss den Vorwand, sich in frivolen Kostümen zu produzieren.» Besonders verwerflich sei dabei das frisch erfundene Spiel Fussball: «Es ist dies ein Spiel, das weder Kraft, noch Geschicklichkeit, noch irgend eine andere turnerische Eigenschaft erfordert oder ausbildet, das aber Herren und Damen Vorwand bietet zu wildem Durcheinanderrenken in den gewagtesten und fantastischsten Kostümen.» Damit sind übrigens kurze Hosen und knappe Hemden gemeint.

Moralisch damals fraglich: Fussball. Bild: Stadtarchiv Schaffhausen

Aber auch an den Turngeräten, welche die Stadt damals aufstellen lies, sei eine Art Sittenverfall zu beobachten: «An diesen Turngeräten, namentlich den Recken,[…] treiben nun jeden Tag bis tief in die Nacht hinein junge Burschen aller Art Turnerei.» Dabei «belästigen sie vorkommenden Falls etwa vorübergehende Frauenzimmer, von denen es kaum alle hieraus abgesehen haben dürften, mit Zudringlichkeiten.» Welcher Art diese sind, wird nicht erklärt.

Letztlich unterstützen die SN jedoch die Aussage des Leserbriefes, wenn auch mit Einschränkungen: So sei nichts dagegen einzuwenden, wenn die «unreife Jugend» in Freibäder gehe. Ganz anders sei es aber, «wenn diese sexuell provozierenden Nuditäten oder auch Halbnacktheiten sich auf öffentlichen Plätzen, öffentlichen Straßen ausstellen, und am Ende noch persönlich zudringlich werden.» Da verlange «die öffentliche Ordnung entschiedenes Einschreiten.»

Die Zeiten änderten sich, ebenso wie die Moralvorstellungen. Sieht man heute Jugendliche in Flurlingen in Badehosen über die Strasse laufen, stört das niemanden – nur an der «derben Sprache» kann es wohl noch ab und an zu Reibungspunkten kommen.

Manche Dinge bleiben wohl doch immer gleich.

Wie viel Nacktheit ist in Schaffhausen heute eigentlich legal? Hier finden Sie die Antwort.

 

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