Extremausdauersport - gesund oder ungesund?

Autor
Schaffhauser N…

Am Donnerstag startet die Tortour in Schaffhausen. Ist Extremausdauersport eine gesunde Schule der Disziplin oder eine ungesunde Überanstrengung? Zwei Autoren, zwei Meinungen.

Pro

Von Mark Gasser, Redaktor Weinland

Warum läuft der Mensch einen Marathon? Schliesslich sind mindestens die letzten 10 Kilometer alles andere als lustig. Ich bin noch nie einen Marathon gelaufen, aber ich kann es verstehen: Das Gefühl, die 42,2 Kilometer gerannt zu sein, muss unbezahlbar sein. Aber wirklich süchtig machen die Gefühle nicht nach, sondern während des Laufens selber. Die scheinbare Monotonie während eines Rennens ist alles andere als tumbe Tortur (jedenfalls nicht nur).

Leidenschaft kommt von Leiden. Extreme Distanzen zu bewältigen, hat schon ein wenig mit Zerstörung zu tun. Marathonlegende Viktor Röthlin sagte kürzlich: «Marathon ist für Hobbysportler ein Blödsinn.» Trotzdem will jeder ambitionierte Hobbyläufer das einmal gemacht haben. Die Tortour, die am Donnerstag startet, ist sozusagen ein Marathon auf dem Fahrrad – in Etappen. Ich selber kenne bislang nur die Vorbereitung, muss mich selber nach dem abgedroschenen Motto richten: «Ich kann deine Reise erst verstehen, wenn ich in deinen Schuhen gelaufen (oder gefahren) bin.» Die Vorbereitung aber, dazu kann ich etwas sagen: Sie war manchmal grausam, wenn sich der nächste Pass wie eine Wand unbezwingbar vor einem auftürmte. Aber die Ankunft auf einer Passhöhe, neu entdeckte Orte oder vorbeifliegende Landschaften entschädigten immer fürs Leiden.

Dass das Ganze eben Glücksgefühle und Rauschzustände auslösen kann, hat mit simplen chemischen Prozessen zu tun: Das Zauberwort heisst Glücksgefühle auslösende Endorphine. Seltsamerweise schüttet der Körper viel mehr davon in der jeweiligen «Hausdisziplin» des Sportlers aus: Der Läufer also spürt es stärker beim Laufen, weniger auf dem Rad. Das erklärt vielleicht die Verbissenheit einiger Sportler, «ihren» Sport mit Rauschpotenzial ins Extreme zu treiben.

Gut, es gibt dann natürlich wieder Abstufungen: Die Jagd nach Rekorden, das Messen mit anderen, das mag beitragen zum Suchtpotenzial. Das ist nicht altersabhängig, aber auffällig oft entdecken Hobbysportler mit dem Älterwerden die Distanzrennen für sich. Andere, wie ich, brauchen es, zur Mentalhygiene einfach zwei-, dreimal in der Woche ans Limit zu gehen, die Wohlfühlzone zu verlassen. Der Weg ist das Ziel, schliesslich ist ein Rennen nur eine kurze Momentaufnahme. Wer zynisch meint, es gehe immer nur um Resultattabellen, Ränge und den Wettkampf zum Selbstzweck, dem entgegne ich gerne: Vielleicht hat die oder der was übersehen. Aber ob die Tortour mehr als nur Leiden ist, kann auch ich erst sagen, wenn ich es mal ausprobiert habe.

Contra

Von Saskia Baumgartner, Redaktorin Neuhausen

Es passierte bei einer Wanderung zu einem Wasserfall auf Korsika: Irgendwie hatten wir vor lauter schöner Natur nicht auf die Beschilderung geachtet und uns womöglich verlaufen. Da kam ein sehniger Mann mit orangen Turnschuhen auf uns zugerannt. Ob wir richtig sind? Der Brite erklärte, nicht lange sprechen zu können, er laufe gerade den Weitwanderweg GR 20 – auf Zeit. Er wolle die Insel in 48 Stunden durchqueren.

Bewegung ist gut. Als ehemalige Leichtathletin habe ich ein paar Wettkämpfe hinter mir und kenne den Reiz, sich mit anderen zu messen. Und auch heute paddle ich im Drachenboot (wer es nicht kennt: bitte ausprobieren, macht viel Spass) und weiss durch das jährliche Trainingslager, was es heisst, an seine Grenzen zu gehen. Irgendwo hört es doch aber auf. Beim Joggen auf dem GR 20 zum Beispiel – ohne Schlaf, vermutlich auch ohne ein einziges Mal den Kopf zu heben, um die Schönheit der Insel mit ihren wilden Bächen und dichten Wäldern zu erleben. Schliesslich muss man bei dem teilweise steinigen und verwurzelten Weg genau auf seine Tritte achten, wenn man so schnell unterwegs ist.

In letzter Zeit habe ich den Verdacht, dass der Ausdauerextremismus eine Art Midlife-Crisis-Folge ist. Ich kenne einige Männer Anfang 40, die plötzlich das Gefühl haben, noch Triathlet, Marathonläufer oder Halbradprofi werden zu müssen. Auf einmal muss man beweisen, was für ein toller Hecht man noch ist. Wenn die Männer dann einigermassen fit geworden sind, macht sich oft ein selbstgefälliger Stolz breit, und es wird abfällig über andere Sportarten geredet. Sehr neidisch scheinen Extremausdauersportler vor allem auf Fussballer zu sein. Die hätten die viele Aufmerksamkeit ja gar nicht verdient, seien sie doch keine «richtigen» Sportler. Aber was ist denn richtiger Sport? Einer, bei dem man als tapferer Triathlet ins Ziel kriecht, weil aufrecht zu gehen vor Erschöpfung nicht mehr klappt? Soll man solche Leistung und Durchhaltewillen bewundern? Ich finde, man sollte eher einen Arzt rufen. Dass dieser Extremismus nicht nur gesund ist, ist schon lange bekannt. Aber negative Folgen für die Gesundheit werden in Kauf genommen. Immer länger müssen die Strecken sein, immer höher die Berge. Der Name des Ultraradrennens Tortour sagt alles. Und warum die ganze Qual? Ironmanmitgründer John Collins gab schon Ende der 1970er die Antwort: «Schwimme 3,8  Kilometer, radle 180 Kilometer, laufe 42,2 Kilometer. Prahle damit für den Rest Deines Lebens!»

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