Die Ehe: Fundament eines glücklichen Lebens oder Relikt des Patriarchats?

Autor
Schaffhauser N…

Die Hochzeitssaison 2018 läuft ­bereits auf Hochtouren. Deshalb wenden wir uns heute einer sehr grundsätzlichen Frage zu: Soll man heiraten, oder ist diese Form der Beziehung heute überholt?

Pro

Von Alfred Wüger, Redaktor

Ich bin verheiratet. Und zwar schon zum zweiten Mal. Hätte ich es nicht besser wissen müssen? Hände weg von der Ehe! Habe ich zweimal denselben Fehler gemacht? Zweimal ­alles, was ich an Gefühlen für eine Frau haben kann, auf eine Karte gesetzt? Als ein unverbesserlicher Spieler im Casino des Lebens?

Nun, letztlich habe ich tatsächlich nicht aus rationalen Erwägungen heraus geheiratet. Es käme mir also auch nicht in den Sinn, aus rationalen Erwägungen heraus nicht zu heiraten. Obwohl das, was man nicht tut, oft leichter zu begründen ist als das, was man getan hat.

Wer aus rationalen Erwägungen ­heraus nicht heiratet, errichtet im Grunde eine Barriere zwischen sich und dem anderen Menschen. Es gibt etwas, was wichtiger ist, als den sogenannten Bund des Lebens zu schliessen. Der Gründe können viele sein. Finanzielle Interessen etwa, ein gewisses Misstrauen gegenüber sich selbst, zum Beispiel Unsicherheit und Angst davor, sich explizit festzulegen. Es könnte ja sein, dass man sich, kaum verheiratet, frisch verliebt. Ist man nicht verheiratet, kann ein fliegender Wechsel ohne bürokratisches Brimborium vorgenommen werden.

Wenn ich also nicht aus Vernunftgründen geheiratet habe, war es dann unvernünftig, meiner Frau das Ja-Wort zu geben? Natürlich nicht. Es war ein Gefühl von Richtigkeit, das mich getragen hat. Es hat sich einfach richtig angefühlt. Und das Schönste am Ganzen: Es hat sich auch für meine Frau richtig angefühlt. Denn sie hat mir ja auch ihr Ja-Wort gegeben. Wir waren uns also einig. Und dann kam doch noch die eine oder andere Überlegung hinzu. Wir wollten unserer damals neugeborenen Tochter einen Boden geben, der nicht nur auf einer mündlichen Abmachung zwischen den Eltern beruht. Wir wollten unsere Lebensgemeinschaft in den gewachsenen und lebendigen Traditionsrahmen von Kirche und Staat einbetten. Das klingt bestimmt total antiquiert und konservativ. Allerdings habe ich keinerlei Angst vor Struktur, denn ich weiss, dass meine individualistisch-anarchisch-archaische Ader so stark ist, dass sie Struktur ertragen und im kreativen Zusammenhang von Arbeit und Familie auch selber hervorbringen und gestalten kann. Unsere mittlerweile zwei Kinder wären vermutlich nicht unglücklicher, wenn ihre Eltern nicht verheiratet wären. Aber wir wollten ein Zeichen unserer Einheit setzen und dem starken Gefühl Ausdruck verleihen, das uns von der ersten Sekunde an beflügelt hatte: Wir sind eine Gemeinschaft und gehören zusammen.

Contra

Von Maria Gerhard, Redaktion

«Wie, du willst nicht heiraten?» So entsetzt habe ich meine Freundin Kathi nur selten gesehen. Das Glas, das sie gerade zum Mund führen wollte, bleibt in der Luft hängen, als sie nachschiebt: «Mariiiaa!» Und mir ist klar, im Geiste hat sie die Hochzeit auf dem Land schon vorbereitet: Kränze im Haar, die dreistöckige Hochzeitstorte, das weisse Brautkleid. Das ist ihre Vorstellung, meine ist das nicht. Wenn man die 30 erreicht hat, häuft sich die Ehe-Frage. Das nervt. Deshalb einmal klar und deutlich: Ich für meinen Teil muss nicht heiraten!

Es ist bestimmt nicht so, dass mein Umfeld schlechte Erfahrungen damit gemacht hätte: Meine Eltern sind 43 Jahre, meine Schwester ist seit 20 Jahren verheiratet. Und sie erscheinen mir alles in allem zufrieden damit zu sein. So gesehen bin ich vielleicht einfach privilegiert und konnte mich in einer überaus glücklichen Kindheit, wie ein Schwamm, so mit Liebe vollsaugen, das es mir gar nicht in den Sinn kommt, dass man die Liebe noch institutionalisieren muss. Dass das dar­an liegt, dass meine Eltern irgendwann Ja vor einem Priester gesagt oder etwas unterzeichnet ­haben, bezweifle ich jedoch. Kinder brauchen in erster Linie die zärt­liche Zuwendung ihrer Eltern, ob diese nun einen Ehering tragen oder nicht.

Früher, zur Zeit von Jane Austens «Stolz und Vorurteil», hatte die Ehe durchaus ihre Berechtigung: Töchter hatten so gut wie kein Erbrecht. Unverheiratet zu bleiben, hätte für sie bedeutet, den Gang ins Armenhaus anzutreten oder von der Mildtätigkeit anderer zu leben. Nicht selten kam es zu arrangierten Ehen.

Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir unseren Partner frei wählen können. Und wir können frei wählen, ob wir bei ihm bleiben oder nicht. Denn ja, es kommt vor, dass einer stehen bleibt und der andere weitergeht. So traurig das ist. Natürlich steht uns dieser Weg auch nach einer Eheschliessung offen. Scheidungen sind schliesslich so gut wie alltäglich geworden. Ist das nicht allein schon Beweis genug, dass das Konzept Ehe nicht ganz stimmig ist? Vielleicht sollten wir lieber mehr dar­an arbeiten, unser Gegenüber ganz als Individuum zu begreifen und zu respektieren: Du und ich auf gleichem Weg, statt wir.

Dass meine Freundin eine Hochzeit in Weiss will, ist ihr gutes Recht. Und für sie ziehe ich sogar ein zart­rosa Brautjungfernkleid an. Aber ich persönlich brauche keine Eheschliessung, um das Zusammensein mit einem besonderen Menschen, ja, die Liebe, zu feiern – auch, bis der Tod uns scheidet.

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