Warum in Zürich so viele heiraten und es in Beggingen keine Scheidungen gibt

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Schaffhauser N…

In den Sommermonaten wird gerne geheiratet. In der Gemeindeseite sind wir den Statistiken zur Ehe nachgegangen und haben uns auf die Suche nach der ewigen Liebe gemacht.

 

Im kleinen Wintergarten in Thayngen sitzen Beate und Walter Cattarinetti und beugen sich über ein altes Foto­album mit rotem Einband. Ein Schwarz-Weiss-Foto zeigt das Ehepaar am Tag seiner Hochzeit 1963. Beate Cattarinetti trägt ein schlichtes weisses Hochzeitskleid, und Walter Cattarinetti steht im schwarzen Sakko stramm neben ihr. «Da war ich erst 19 Jahre alt», sagt die heute 74-Jährige mit ruhiger Stimme.

Mit vier Jahren sei sie von Halle in Deutschland in die Schweiz gezogen. Sie lebte 16 Jahre in Beringen, danach zog die Familie nach Thayngen um. Dort war es für sie schwer, Anschluss zu finden, da die Schulzeit zu Ende war. «Das war keine einfache Zeit», erinnert sie sich. Doch der Umzug habe auch etwas Gutes mit sich gebracht. Nämlich? «Die Fasnacht im Dorf», scherzt Walter Cattarinetti. Der 79-Jährige ist in Thayngen geboren und aufgewachsen. «Ja, ich wollte an die Fasnacht gehen», sagt Beate Cattarinetti. Also sei sie mit ihren Eltern ins damalige Restaurant Adler gegangen, in welchem der Turnverein die Schnitzelbank vorgesungen habe. Das sind humorvolle Verse über aktuelle Geschehnisse, die gesanglich vorgetragen werden.

Einer der Männer habe ihr während des Auftritts andauernd zugezwinkert und am Schluss Beate zum Tanzen aufgefordert. Das war Walter Cattarinetti. «Ich ha dir scho uuh gfalle, gell?», sagt er. «Nei, nei, du hesch e mega Freud ah mir gha», erwidert sie, und beide lachen. Zwischen diesem Tanz und heute sind mehr als 20 075 Tage, ganze 55 Jahre, vergangen. Seither sind die beiden unzertrennlich.

55 Jahre verheiratet: Beate und Walter Cattarinetti. Bild: Jasmin Stihl

«Ravioli werden schon reichen»

Walter Cattarinetti arbeitete nach seiner Lehre 41 Jahre lang bei der ehemaligen Knorr in Thayngen. Zuerst als Schlosser, dann wurde er Werkstattchef. «Wir haben immer viel gearbeitet», sagt er. «Aber wir haben uns nie über etwas beschwert.» Als Beate 18 und Walter Cattarinetti 23 Jahre alt waren, verlobten sie sich. Ein Jahr später heiratete das junge Paar und zog in das Elternhaus von Walter Cattarinetti ein. Im Dezember desselben Jahres kam ihre erste Tochter, Beatrice, auf die Welt.

«Ich hatte schon ein wenig Bange, so jung zu heiraten», sagt Beate. «Ich fragte Walter aufgeregt, was ich für die Familie überhaupt kochen solle.» Da ergänzt der Ehemann: «Ich habe ihr gesagt, eine Büchse Ravioli werde schon reichen.» Walter habe sie mit seinen Witzli und Sprüchli immer ermutigt und aus jeder Situation das Beste gemacht. Er sei eben ein echter Optimist, wie auch heute noch.

1965 erblickte ihre zweite Tochter, Irene, das Licht der Welt. «Wir genossen die Zeit mit unseren beiden Töchtern sehr», sagt Beate Cattarinetti.

Berge versetzen

1970 war Beate Cattarinetti mit ihrem dritten Kind, Bettina, schwanger. Das ­Elternhaus wurde zu klein für die Familie. Walter Cattarinetti beschloss, gleich nebenan ein Haus zu bauen. «Wir haben praktisch alles selber gebaut, von den Maurerarbeiten bis zu den Sanitärinstallationen», sagt der 79-Jährige und nickt nachdrücklich.

Auch heute wirkt der ehemalige Kunstturner mit den kräftigen Händen und dem klaren Blick wie einer, der noch Berge versetzen könnte. Zwischen den Schweissarbeiten und der Kindererziehung blieb kaum Zeit für Ferien. «Wir hatten es gut, wir hatten genug zu essen und waren gesund», sagt Beate. «Mehr brauchten wir nicht, gell, Walli?»

Das Zwinkern nicht verlernt

Als die Kinder in der Lehre waren, fuhr die Familie zum ersten Mal nach Italien in den Urlaub. Ansonsten gingen sie nach Braunwald oder Engelberg. Heute macht das fitte Paar gerne Tagesausflüge mit dem Elektrofahrrad oder geniesst lange Spaziergänge und Wanderungen miteinander.

Ein Rezept für die ewige Liebe kennt das Ehepaar nicht. «Man sollte einander schätzen und sich über Kleinigkeiten freuen», sagt er. «Wir leben besonnen und sind zufrieden mit dem, was wir zusammen erreicht haben», ergänzt sie. Das Ehepaar hat drei erwachsene Töchter sowie sieben Enkelkinder. «Das sind alles Jungs», sagt Walter Cattarinetti stolz.

Nächste Woche feiert das Paar seinen 55. Hochzeitstag. Was sich die beiden für die Zukunft wünschen? «Gesundheit und Frieden», sagt Beate Cattarinetti. Ihr Ehemann zwinkert ihr zu und lächelt. (jst)

 

Weisses Kleid, Ring und «bis dass der Tod euch scheidet»: Früher gehörte Heiraten zur Liebe wie das Amen zur Kirche. Heute wird die Ehe gerne als Auslaufmodell bezeichnet, und Scheidungen gehören zum Alltag. Fakt ist: Die Eheschliessungen sind zurückgegangen. Wurden im Jahr 1970 pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner noch acht Ehen geschlossen, waren es 2016 nur noch fünf, schreibt das Bundesamt für Statistik. Zunehmend wird die Ehe durch andere Lebensformen wie eine Lebensgemeinschaft ohne Trauschein, eine eingetragene Partnerschaft oder durch Partnerschaft mit getrennten Haushalten abgelöst. Bedeutet dies das langsame Ende der Institution Ehe? Wir haben Daten des Bundesamtes für Statistik rund ums Heiraten und die Ehe in der Schweiz ausgewertet. Und dabei auch einen genaueren Blick auf die SN-Lesergebiete geworfen.

Schweizer sind heiratsmüde

Im Verlaufe des Jahres 2017 wurden in der Schweiz 39 789 Ehen geschlossen. Das sind 4,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Einzig Paare, bei denen beide Partner aus dem Ausland stammen, feierten häufiger Hochzeit. Dazu ein «Fun Fact»: Gibt man in Google «Ehe, Kanton Zürich» ein, erscheint als erster Treffer die Website des Migrationsamtes Zürich. Betrachtet man die Zahlen der gemischtnationalen Ehen, ist dieser Treffer nicht verwunderlich: 36,3 Prozent aller Eheschliessungen sind ­gemischtnational. Diese Eheschliessungen zeugen von einer multikulturellen Schweiz und lassen darauf schliessen, dass der Integrationsprozess weit fortgeschritten ist, wie das Bundesamt für Statistik schreibt. Die Zahl der eingetragenen Partnerschaften ist leicht gestiegen: 729 gleichgeschlechtliche Paare liessen 2016 ihre Partnerschaft eintragen.

Zürich ist die Heiratshochburg

In Zürich liegt wohl besonders viel Romantik in der Luft: Seit 1994 geben sich prozentual die meisten Paare in Zürich das Ja-Wort. Dafür herrscht lasche Heiratsstimmung im Jura. Auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner wurden 2016 dort 3,8 Ehen geschlossen, in Zürich waren es 5,7 Ehen. Genau im Schweizer Durchschnitt liegt Schaffhausen mit fünf Heiraten pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. 2016 wurden im Kanton 399 Ehen geschlossen, das sind 33 Eheschliessungen mehr als im Vorjahr. In den Kantonen Thurgau und Zürich hat hingegen die Anzahl der Heiraten abgenommen. 2016 durften die Standesämter im Thurgau 1392 Paare zu Mann und Frau erklären, 2015 waren es 1415 Paare. In Zürich gaben sich 87 Paare weniger das Ja-Wort als 2015, nämlich 8493.

Wie sehen die Heiratsziffern in den SN-Lesergemeinden aus? Das kleine Dorf Beggingen scheint ein Liebesrezept zu kennen: 2016 wurden dort prozentual die meisten Ehen geschlossen mit 14,6 Prozent, und ­ seit 2012 gab es keine Scheidungen mehr. Der Gemeinde mit den meisten Heiraten folgen Merishausen (9,3 Prozent) und Lohn (7,9 Prozent). In ­Waltalingen wurde dagegen keine Braut geküsst (siehe Balkendiagramm rechts). In Benken und Kleinandelfingen scheint man ebenfalls heiratsmüde zu sein (vgl. Karte unten).

Zu beachten: Bei den prozentualen Werten handelt es sich um die ­rohen Heiratsziffern. Sie sind stark abhängig von den Einwohnerzahlen und damit mit Vorsicht zu bewerten. Dort kann schon eine Eheschliessung stark ausschlaggebend für den Prozentwert sein.

Vor dreissig gibt’s keine Heirat

Was jedoch nicht mehr so tief wie früher liegt, ist das Heiratsalter. Mit kaum zwanzig Jahren zum Traualtar? Das ist definitiv Vergangenheit. In der Schweiz wird eher später als früher geheiratet. Die Erklärung: Gemäss dem Bundesamt für Statistik haben die längeren Ausbildungszeiten, der spätere Eintritt ins Berufs­leben sowie Veränderungen der ­Lebens- und Verhaltensweisen grossen Einfluss darauf. 1981 betrug das Durchschnittsalter der Frauen bei einer Erstheirat 25,1 Jahre, Männer heirateten mit 27,5 Jahren. Heute liegt das Durchschnittsalter von Frau Schweizer bei 29,8 Jahren, von Herrn Schweizer bei 32 Jahren. In Schaffhausen, Zürich sowie im Thurgau weicht dieses Alter kaum vom Schweizer Altersdurchschnitt ab.

Das verflixte siebte Jahr?

Oft kommt es vor, dass eine Ehe in die Brüche geht. Doch wie lange hält üblicherweise eine Ehe in der Schweiz? Das Ergebnis überrascht: Die Ehedauer hat sich über 50 Jahre hinweg konstant verlängert. 1970 betrug die durchschnittliche Dauer 11,6 Jahre. Heute sind Herr und Frau Schweizer duldsamer: 15 Jahre halten sie es im Schnitt miteinander aus. Dieser Durchschnitt ergab sich aus exakt 17 028 Ehen, die 2016 aufgelöst wurden. Beachtlich: 2017 gingen deutlich weniger Ehen als in den Vorjahren in die Brüche, nämlich «nur» 14 850. Das ist der tiefste Wert seit 18 Jahren. Konkret: 2017 gab es auf 100 Hochzeiten 36 Scheidungen. Vor zehn Jahren kamen auf 49 Scheidungen auch 100 Hochzeiten. Die Anzahl der Scheidungen geht somit zurück, jedoch auch die Zahl der Heiraten. Ob das weisse Kleid in Zukunft noch genauso gerne getragen werden wird wie früher? (jst)

 

70 Prozent der Frauen ­nahmen laut dem Bundesamt für Statistik 2016 den Namen ihres Partners an. 2016 nahm nur ein Mann von 50 (2 Prozent) den Namen der Partnerin an. Fast alle Männer (96 Prozent) führen ihren bisherigen Namen weiter.

207 Tausend Haushalte in der Schweiz sind ­Einfamilienhaushalte. Das schreibt das Bundesamt für Statistik 2017. Bei rund 83 Prozent der Einelternfamilien leben die Kinder hauptsächlich bei der Mutter, 17 Prozent beim Vater. Jeder sechste Teenager lebt bei einem Elternteil.

2007 trat das neue Partnerschaftsgesetz in Kraft. Seitdem können gleich­geschlechtliche Paare ihre Partnerschaft offiziell eintragen lassen. In ­diesem Jahr liessen 2004 Paare ihre Partnerschaft eintragen. 2016 lag die Zahl bei 729 Paaren.

79 Jahre lang waren das Schweizer Paar Hanni und Werner Tschaggelar aus Worb im Kanton Bern miteinander ­verheiratet. Das ist ­gemäss der «NZZ am Sonntag» die längste Ehe schweizweit. Am Hochzeitstag im Jahr 2013 starb Hanni Tschaggelar mit 102 Jahren. Ihr Ehemann schlief 2015 mit 107 Jahren ein.

5212 Eheschliessungen ­wurden im Juni 2016 in der Schweiz vermerkt. Das ist der Monat mit den meisten Heiraten. Darauf folgt der Monat September mit 5055 Vermählungen. Am ­wenigsten Ja gesagt wurde im November, nämlich nur 1942-mal.

Scheidungen auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner vermerkte Schaffhausen im Jahr 2016. Zürich ­notierte 2,2 Scheidungen und Thurgau 1,9 Eheauflösungen auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. Am meisten zu tun hatten die Scheidungsanwälte in Neuenburg.

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