Das Grenzgänger-Alphabet für die WM

Autor
Ralph Denzel

Wie wird es wohl als Deutscher die WM in der Schweiz schauen zu müssen? Unser Autor hat sich da mal ein paar Gedanken gemacht und sie in einem Alphabet zusammengefasst.

Bild: Pixabay/Bearbeitung RD

Als Deutscher hat man es nicht immer leicht in der Schweiz - aber jetzt, wenn die WM ansteht, wird es nochmal schwieriger. Die Kollegen schmücken das Büro mit Schweizer Flaggen (versehen mit dem neckischen Hinweis, dass keine andere hier geduldet wird), die Spannung vor dem grossen Turnier steigt und es wird schon geplant, wo die Spiele der Schweizer «Nati» geschaut werden - die Fussball-WM kommt mit grossen Schritten. 

Was erwartet einen Deutschen dort? Ich, als «Betroffener», habe versucht, das in einem ABC zusammenzufassen. 

A – Aussenseiter

Als Deutscher sitzte ich meinen gesamten Arbeitstag zwischen Schweizern. Spätestens, wenn es dann um die richtige Aufstellung der «Nati» geht, wird es bei mir schwierig, mitreden zu können. Der Grund: Ich habe keine Ahnung davon. Daher muss ich mich darauf einstellen, dass die meisten Gespräche über Fussball etwas an mir vorbeiziehen werden. Ausser ich schaffe es, das Thema dezent auf die Deutsche Mannschaft lenken…

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B – Bemitleiden

Fussballbegeisterte Landsleute in Deutschland haben meistens nur einen Satz für mich übrig wenn sie erfahren, wo ich meine Brötchen verdiene: «Während der WM in der Schweiz arbeiten?! Als Deutscher?! Du Armer!» Als jemand, der seine erste WM bei den Eidgenossen erleben wird, kein gutes Zeichen. Vielleicht hilft ja vorneweg eine…

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C – Charmeoffensive

Ein probates Mittel um gutes Wetter zu machen. Dazu kann auch gehören, mal ein Bierchen zum Feierabend mitzubringen, oder einfach besonders nett zu sein  – man weiss nie, wann man es während so einem Turnier brauchen kann und wie es ausgehen wird. Das Ziel: Eventuelle Sticheleien etwas abfangen.

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D – Deutschland

Der grosse Nachbar im Norden und natürlich die Mannschaft, für die ich bei der WM jubeln werde. Dabei gibt es aber ein Problem: Schadenfreude. Die letzten Spiele der Deutschen Mannschaft bei WM-Endrunden konnte man immer so beschreiben: «Grossartig», «katastrophal» und «zum Glück ist die Gruppenphase rum». Vor allem, da die Deutsche Mannschaft als Weltmeister ins Turnier geht, ist die Erwartung natürlich sehr hoch. Spitzen gegen den einzigen Deutschen im Team sind da wohl vorprogrammiert, sollte es für Schwarz-Rot-Gold mal nicht so gut laufen - da brauche ich wohl eine... 

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E – Engelsgeduld

Diese wird spätestens dann fällig, sollten die Deutschen die Vorrunde nicht überstehen… Warum? Siehe «H».

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F – Freude

Wir Deutschen sind nicht dafür bekannt, dass wir aus uns herausgehen - wenn es aber um die WM geht, dann ändert sich das. Dann  werden wir zu lauten «Schlaaaaand»-grölend Fussballverrückten – ich weiss, dass auch die Schweizer nicht als sonderlich wild gelten. Daher wird es wohl ein interessantes soziales Experiment.

Vorneweg: Liebe Kollegen, ich entschuldige mich für meinen lauten Jubel!

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G – Goucho-Tanz

«So gehen die Gouchos, die Gouchos die gehen so – so gehen die Gouchos, die Gouchos die gehen so.» Ein kleiner Skandal zum Ende der WM 2014, als die Deutschen Argentinien mit 1:0 schlugen.

Seitdem ist der Tanz, fest verankert im Repertoir vieler Fussballclubs, eben nur noch als «Goucho»-Tanz in Deutschland bekannt. Da ich nicht der einzige Deutsche bei den «Schaffhauser Nachrichten» bin, hätte ich theoretisch Mittänzer, sollte das möglich sein...

So gehen die Schweizer... 

H – Häme

Die grösste Sorge ist bei mir: Was, wenn es wirklich im Achtelfinale zum Spiel Deutschland gegen Schweiz kommt? Und schlimmer: Was passiert, wenn Deutschland verliert? Die WM ist dann in doppelter Hinsicht gelaufen – einmal, weil «mein» Team ausgeschieden ist und zum anderen, weil die Schweizer Kollegen einen das wohl noch eine ganze Weile wissen lassen werden…

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I – Interessenskonflikt

Die Chefin braucht dringend jemand, der zu einem Abendtermin geht. Aber dummerweise spielt an diesem Abend die Deutsche Mannschaft… Das bringt mich in die ungute Lage: Wie kann ich in so einem Fall am effektivsten eine schwere Bronchitis vortäuschen? Denn was ich als Fussballbegeisterter machen will, sollte ja klar sein... 

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J – Jogi Löw

Unser Deutscher Nationaltrainer - der Weltmeistertrainer – und auch mal Spieler in der Schweiz… Wo hat er gleich nochmal gekickt? Nur mal so als kleiner Seitenhieb.

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K - Korso

Sobald die eigene Mannschaft gewonnen hat heisst es ab hinter das Lenkrad und Lärm machen, was die Hupe hergibt. Als Pendler zwischen Deutschland und der Schweiz ist das natürlich nur bedingt möglich. Und der eigene Stolz verbietet es mir, auch wenn es nur als «Ersatz» wäre, mich einem Schweizer Korso anzuschliessen.

Das bedeutet: Wenn möglich bei den Spielen der Deutschen Zuhause sein - oder eben so schnell wie möglich nach Hause kommen. 

L – Lautstärke

Eines kann man uns Deutschen nicht vorwerfen: Spätestens wenn wir vor einer Leinwand sitzen und die DFB-Elf spielt, sind wir vor allem eines: Laut. Da dies meine erste WM bei den Eidgenossen ist, bin ich mal gespannt, wie es sich hier verhält.

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M – Musik

Wir Deutsche sind organisiert. Viele haben schon für den fest geplanten Korso nach dem ersten Deutschen Sieg eine passende Playlist mit Party- und Siegesliedern zusammengestellt. Von «We are the Champions» über «Lu, Lu, Lu, Lukas Podolski» ist dabei alles vertreten – Podolski spielt nicht mehr mit? Egal… Wer gewinnt, hat das Recht die Musik zu wählen!

N – Netzabdeckung

Wie soll man nur auf dem Laufenden bleiben, vor allem, wenn die Deutsche Mannschaft spielt? Als Journalist bin ich nicht unbedingt immer im Büro, wo ich solche Vorzüge wie W-Lan und Highspeed-Internet geniesse. Also muss ich sich auf die Netzabdeckung des eigenen Handyanbieters verlassen. Was aber, wenn ich gerade auf einer Pressekonferenz bin, ein Auge auf dem Vortragend und das andere auf dem Liveticker auf dem Handy – gerade als Kroos einen weiten Ball nach vorne schlägt, aufgenommen von Özil, der passt in die Mitte – dort wartet Müller - Müller schiesst! – und die Verbindung ist weg.

Realer Horror während der WM für einen Deutschen, der keinen Schweizer Handyvertrag hat.

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O – Oh wie ist das schön

Die Schaffhauser Polizei hat mittlerweile ja klare Verhaltensregeln für die WM-Zeit ausgegeben. Ich bin gespannt, ob sich hier konsequenter an diese gehalten wird als jenseits der Grenze, denn: Wenn nach einem Korso sich langsam die Spreu vom Weizen getrennt hat, dann werden diese Zeilen von den Übriggebliebenen Deutschen zu hören sein – das sind dann meistens die, die sich nur als Beifahrer auf die Strasse gewagt haben (zum Glück) und deren Promillewert bereits nach den ersten 20 Minuten bedenkliche Höhen angenommen hatte. 

Dazu muss ich vielleicht auch sagen: Oft genug ist es dann schwer, wirklich da die Worte phonetisch einwandfrei rauszuhören - meistens ist es nur noch eine Aneinanderreihung von hohen und tiefen Gröhllauten. 

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P – Pokal

Den stemmt am Ende Deutschland in die Höhe. Sorry, liebe Schweizer.

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Q – Qualitätsfussball

Dafür sind weder die Deutschen noch die Schweizer sonderlich bekannt. Aber das macht doch niemandem etwas, oder? Ein Tor wird bejubelt, egal ob es durch einen Fallrückzieher zustande kam oder durch puren Zufall. Das wird sicher auch hier nicht anders sein. 

 

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R – Rekordweltmeister

Sollte Deutschland dieses Turnier gewinnen, dann wären wir nicht nur die erste Mannschaft, die zum zweiten Mal hintereinander den Weltmeisterpokal in die Luft stemmen kann, wir würden auch mit Rekordweltmeister Brasilien gleichziehen. Ein Faktum, das man durchaus mal erwähnen darf.

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S – Schweiz

Ich muss es ja zugeben: Auch, weil ich zu einem Achtel Eidgenosse bin, schlägt mein Herz natürlich auch für die «Nati» - allerdings nur bis zum Achtelfinale.

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T – Torwart

Etwas, was ich bis heute nicht verstehe: Warum nennen Schweizer ihre Torhüter Goalies? Vielleicht werde ich das am Ende der WM verstanden haben. 

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U – Unerwartete Weltmeister

Glaubt man einer Computerprognose der «UBS», dann hat Deutschland eine 1:4 Chance, dieses Jahr wieder Weltmeister zu werden. Das sind die guten Nachrichten - zumindest für mich. Leider sieht es eher schlecht für die Schweiz aus: Die Chance, dass die Eidgenossen am Ende der WM die goldene Trophäe in die Lüfte recken, liegt laut dieser Prognose gerade mal bei 1.8 Prozent. Aber wer weiss, vielleicht ist die WM ja für eine Überraschung gut!

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V – Videobeweis

Damit werden wir uns alle auch bei der WM rumschlagen müssen. Wenn der Schiedsrichter das Quadrat in die Luft malt, kann binnen kurzer Zeit der vermeintliche Sieg sich wieder in Luft auflösen. Was ursprünglich klang wie das absolute Argument bei strittigen Szenen, zeigt vor allem eines: Auch jetzt wird es Aktionen im Spiel geben, bei denen man diskutieren kann. 

Meine eidgenössischen Kollegen werden wohl jetzt das erste Mal Erfahrung damit machen - ich bin gespannt, wie oft es deswegen Aufregung geben wird.

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W – Würste

Etwas, worauf ich mich auch in der Schweiz freuen kann: Bratwürste, Cervelat - Fleisch, gepresst in der besten Form, die es für Fleisch gibt. Der Ideale Snack für einen langen Fussballabend unter freiem Himmel.

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X – Xhaka, Granit

Man muss ja den Schweizern eines lassen: Einen viel cooleren Namen kann man fast nicht haben. Bisher ist dieser Mann einer der wenigen Schweizer Nationalspieler, die ich kenne - siehe A - das muss sich definitiv noch ändern, ehe ich zu meinem ersten Spiel der «Nati» mitgehe. 

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Y – Yeah!

Das Gefühl, welches man bekommt, wenn die eigene Mannschaft überzeugend gewonnen hat. Ob es sich lohnt, mit diesem Wort auf den Lippen seine Kollegen nach einem Sieg der Deutschen zu begrüssen, muss jeder für sich selbst ausmachen.

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Z - Zusammen Spass haben

Egal wie es kommt und auch wenn ich öfter ein paar Spitzen meiner Schweizer Kollegen abbekomme - letztlich weiss ich, dass es nicht böse gemeint ist. Wichtig bei der WM ist für die meisten, dass man spannende Spiele sehen kann und sich zusammen amüsiert. Das wird auch hoffentlich dieses Jahr keine Ausnahme machen - auch wenn ich jetzt zum ersten Mal einen Grossteil der Spiele wohl in der Schweiz sehen werde. 

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