Eine ausgestopfte Grossmutter: Besuch beim Präparator

Autor
Ralph Denzel

Der Präparator Marcel Nyffenegger ist spezialisiert auf Rekonstruktionen von Menschen und Tieren - mit fast schon unheimlichen Ergebnissen. Wir haben ihn in seiner Werkstatt besucht.

Die alte Frau blickt einen direkt an. Sie hat warme Augen, einen zufriedenen Ausdruck auf ihrem Gesicht und strahlt Sanftmütigkeit aus. Über ihre Lippe hat sich ein kleiner, weisser Damenbart gebildet. Auch an der dunklen Warze an ihrem Hals spriessen ein paar Härchen.

Ihre Frisur trägt die alte Dame sauber nach hinten gekämmt. Sie scheint eine ordentliche Frau zu sein. Das zeigt sich auch an der sauberen geputzte Brille und auf ihrer Nase und den symmetrisch sitzenden Ohrringe, die sie trägt.

Die «Grossmutter» von Marcel Nyffenegger. Bild: Screenshot/Ralph Denzel

Man könnte ihr auf dem Fronwagplatz begegnen, vielleicht auch am Wochenmarkt, von wo sie einen Einkaufskorb mit nach Hause trägt. Vielleicht schiebt sie auch einen Rollator, ohne den sie nicht mehr gut laufen kann.

Es ist eine ganz normale, alte Frau, ungefähr in ihren Achtzigern – würde ihr nicht ab den Schultern der Rest des Körpers fehlen.

Die «Grossmutter», wie der Präparator Marcel Nyffenegger sie liebevoll nennt, ist eines seiner neusten Stücke. Wir haben ihn in seiner Werkstatt in Flurlingen besucht.

Tiere wollen einen anspringen

Betritt man dann diese, wird man zuerst von einigen Tieren empfangen, die scheinen, als würden sie einen anspringen wollen. «Das macht für mich den besonderen Reiz beim Präparieren aus», erklärt Nyffenegger: Die Bewegungsabläufe von Tieren nachzuahmen. «Das ist aber auch das Schwerste.» Man muss die Anatomie verstehen, das Zusammenspiel von Muskeln und natürlich auch den Körperbau. Woher das Wissen kommt? «Das meiste habe ich mir selbst angelesen - auch bei meinen Rekonstruktionen.»

Diese Dachse sind ausgestopft. Bild: Marcel Nyffenegger

Und das ist ihm gelungen: Am Fenster sitzt auf einem Ast ein Eichelhär, der einen misstrauisch beäugt, während sein Erschaffer uns durch die Werkstatt führt. «An so einem Tier sitze ich ungefähr zwei Tage», erklärt Nyffenegger mit Blick auf den Vogel. Das Gefieder des Tieres glänzt – er sieht aus, als könne er jeden Moment seinen typischen, rauen Schrei loslassen, eher er wild durch die weitläufige Werkstatt von Nyffenegger fliegt. Aber er bleibt still und wacht von seiner erhöhten Position über die Arbeit und die Erklärungen seines Erschaffers.

Überhaupt ist es für einen Aussenstehenden eine surreale Stimmung in den Räumen. Die Plastiken, die er anfertigt, wirken alle so lebensecht, dass man eigentlich nur darauf wartet, dass sie sich bewegen. Man ertappt sich selbst immer wieder dabei, dass man sich klar machen muss: Die Tiere sind ausgestopft und werden eben nie wieder einen Mucks von sich geben.

«Zum Präparieren bin ich schon als Kind gekommen», erinnert sich Nyffenegger. Schon früh hatte er ein Gespür für Formen und Proportionen. Später traf er dann einen echten Präparator und wusste: «Das ist, was ich machen will.»

Früher kam es häufig vor, dass er dabei mit echten Tieren arbeitete und diese auch präparierte. Meistens waren es Auftragsarbeiten von Museen oder auch privaten Personen. Für letztere arbeitet Nyffenegger aber aus «ethischen Gründen» so gut wie gar nicht mehr. Es gehe bei ihm und seiner Arbeit schliesslich nicht um die blosse Präsentation, sondern auch um die Vermittlung von Wissen. «Bei Arbeiten für Museen geht es meistens darum, dass man Tiere in ihrem Lebensraum und in ihrem typischen Verhalten zeigen kann», erklärt er. Dies komme bei Arbeiten für Privatpersonen zu kurz.

Den Toten wieder ein Gesicht geben

Er geht mit uns in einen Nebenraum.

Dort steckt, auf einer Büste, ähnlich wie die einer Schaufensterpuppe, ein Totenschädel. An diesem arbeite Nyffenegger gerade. «Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich mich spezialisieren muss», erinnert er sich. So kam ihm die Idee, sich mehr auf Rekonstruktionen zu spezialisieren. Daher baut er seit einigen Jahren hauptsächlich Menschen nach.

Unzählige Totenschädel, denen Marcel Nyffenegger wieder ein Gesicht verpassen will. Bild: Ralph Denzel

An dem Schädel auf dem Gesteck erklärt er die einzelnen Arbeitsschritte und welcher Muskel wie verbunden ist. «Anhand einer Schädelform kann man sehr gut nachbilden, wie ein Mensch wohl aussah.» Diese Arbeit erinnert an die forensische Methode der Gesichtsrekonstruktion. Nyffenegger: «Theoretisch könnte man diese Arbeit auch dafür nutzen.» Könnte man also anhand seiner Rekonstruktionen einen Toten identifizieren? «Jain», sagt Nyffenegger und erklärt: «Menschen, die die Person kannten, würden ihn wohl wieder erkennen. Aber bei Rekonstruktionen gibt es auch immer viele Unbekannte.»

Welche Frisur hatte eine Person, hatte sie Narben, welche Hautfarbe? Vielleicht hatte sie auch ein Brandmahl im Gesicht – all die Dinge bleiben Aussen vor, wenn man sich nur an einem Schädel orientierten kann. «75% des Aussehens machen die Knochen aus, 25% die Persönlichkeit.» Dazu gehören auch die Mimik und eben auch Veränderungen im Gesicht, die man nicht von Knochen nachvollziehen kann.

Anhand eines Schädels erklärt Nyffenegger, wie ein Gesicht entsteht. Bild: Ralph Denzel

Für Kriminalfälle gäbe es aber heute laut Nyffenegger ohnehin auch computertomographische Fortschritte, die die Arbeit mit solchen Rekonstruktionen für die Forensik eigentlich überflüssig machen würden. Daher ist sie hauptsächlich eine Möglichkeit, verstorbene Personen für eine breite Öffentlichkeit wieder lebendig zu machen.

So erweckt Nyffenegger Menschen zum Leben, die seit tausenden von Jahren schon tot sind. Wie seinen Neandertaler, der heute im Museum in Speyer zu bewundern ist. Zusammen mit einer Mitarbeiterin erhielt der Mann, anhand seines 30.000 Jahre alten Schädels, heute wieder ein Gesicht.

Der Neandertaler von Marcel Nyffenegger. Bild: Severin Jakob, mit freundlicher Genehmigung von Marcel Nyffenegger

Seine «Grossmutter» ist ein ähnliches Projekt, welches ihn aber auch so fasziniert - wenn gleich sie nicht auf einer echten Person beruht. «Das Alter verändert einen Menschen – und das wollte ich mit ihr darstellen.»

Der Dame scheint es egal zu sein, dass man sie als alt bezeichnet. Ihr Gesicht spiegelt ein sanftes Wissen wieder, als wolle sie zustimmen. 

Weltmeister mit seiner Rekonstruktion

Besonders stolz ist Nyffenegger auf seinen Alamann. Dieser lebte wohl im frühen Mittelalter in Beringen, nahe Schaffhausen. Der Schädel für seine Rekonstruktion wurde Nyffenegger von der Kantonsarchäologie zur Verfügung gestellt. Davon machte er eine Kopie aus Kunstharz und modellierte dann sein Meisterstück, denn: Mit dieser Nachbildung gewann er 2008 die Präparatoren-Weltmeisterschaft in Salzburg. «Ich erhielt 97 von 100 möglichen Punkten», erinnert er sich. Dieser Erfolg ist doppelt besonders, denn damals hatte Nyffenegger massive finanzielle Probleme: «Damals war es finanziell wirklich sehr knapp. Als Präparator verdient man nicht unbedingt gut. Ein Freund von mir gab mir aber das Startgeld, welches man hinterlegen musste.» Dies war nötig, denn die Organisatoren wollten mit diesem Pfand verhindern, dass die Präparatoren nicht ihre Werke einfach verkauften. 

Marcel Nyffenegger bei der Präparatoren-Weltmeisterschaft 2008 in Salzburg. Bild: Marcel Nyffenegger

Ausserdem war die Arbeit einer seiner ersten, wirklichen Rekonstruktionen, die er anfertigte. Dass er damit direkt so einen Erfolg erzielt, konnte er damals nicht ahnen.

Heute hat er dieses Problem nicht mehr. Seine Werke findet man in unzähligen Museen und Ausstellungen. Im Allerheiligen in Schaffhausen kann man zum Beispiel ebenfalls Neandertaler bewundern, die er gebaut hat.

Ob er wieder an die Weltmeisterschaft will? Er weiss es nicht. «Vielleicht gehe ich mit meiner »Grossmutter» mal an eine – aber eigentlich reizt mich das weniger», erklärt er. Damals war es eine Suche nach Bestätigung. Die braucht er heute nicht mehr zwingend.

Werkzeuge des Präparators. Bild: Ralph Denzel

So bleibt seine «Grossmutter» wohl noch eine Weile in seiner Werkstatt stehen, unter den Wachsamen Augen des Eichelhär auf der gegenüberliegenden Seite. Sie hat die ganze Unterhaltung mit ihrem «Enkel» verfolgt. Während er sprach, hat sich ihre Mimik kein bisschen verändert – sie wirkt immer noch zufrieden mit dem, was sie gehört hat.

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