Der elfjährige Pietro im Rotlichtmilieu

Autor
Alfred Wüger

Einer von zwei Knaben, die in der aktuellen Inszenierung des Musical-Klassikers «Cabaret» im Zürcher Bernhard-Theater mitwirken, ist Pietro Ricci aus Feuerthalen. Am Samstagnachmittag war Probe.

Draussen ein sonniger Wintertag, drinnen ein gut belüfteter, plüschroter Theatersaal, im Foyer an den Kassen stehen Leute, die Karten fürs Opernhaus kaufen, auf der Bühne tanzt eine leicht geschürzte Schönheit an der silbernen Stange. Ein grosses B im Kreis an der Wand: Signatur des Zürcher Bernhard-Theaters. Vaudeville-Musik. Es ist düster, einzig auf der Bühne ist es hell. Zwei Mädchen schaukeln jetzt auf einem Trapez.

«Das ist die Pre-Show», sagt Produktionsleiter André Nussbaumer auf den verschatteten Rängen. «Die Leute kommen herein, nehmen Platz.» Er geht auf eine Dame zu, die es sich bereits bequem gemacht hat. Es ist Katharina Giger-Gasse. Sie ist Gesangslehrerin an der Musikschule Weinland Nord, die in Dachsen domiziliert ist.

«Eines Tages bekamen wir eine Anfage vom Bernhard-Theater», sagt die Musiklehrerin, «man würde Knabenstimmen suchen für das Musical ‹Cabaret›. Da kam mir sogleich Pietro Ricci in den Sinn.» Sie sagte zu ihrem Schüler: «Das wär’s doch. Mach mal!» Und viel Überzeugungsarbeit habe sie nicht leisten müssen. «Schon die erste Probe fand er total cool. Er schickte mir einen Videofilm. Weil er mit ­Michael von der Heide und Fabienne Louves auf der Bühne stehen darf, hat er gerade noch mal extra Gas gegeben.»

Und dann ist Pietro da. Im weissen Hemd, mit schwarzem Gilet und einer silbergrauen Fliege. Sein Vater, Sergio Ricci, steht daneben in Jeans und Sweatshirt. Stolz sind sie alle beide. Ja, Pietro singe auch zu Hause, «das Übliche halt, was ‹in› ist», sagt der Vater, aber eine besonders musikalische Familie seien sie nicht. Pietro hat eine zweieinhalb Jahre ältere Schwester, Giulia, die Klavier spielt, und einen Zwillingsbruder. Ob der auch so gut singe? «Ich weiss es nicht», sagt Pietro, «wir haben ihn noch nie so richtig singen gehört. Er spielt Fussball beim Verein Kohlfirst United.» Und wie musikalisch ist der Vater? «Ich spiele etwas Gitarre und singe, aber nur so für mich.» Auch Pietro hat sich eine Zeit lang mit der Gitarre befasst. «Da war ich etwa fünf. Aber die Gitarre war mir zu gross, da nahm ich eine Ukulele. Heute spiele ich nicht mehr.» Dass er in dieser Produktion nun als Sänger für rund drei Minuten mitmachen darf, findet er «megagut». Das Singen gefalle ihm super. Schwierigkeiten? Er überlegt. Dann sagt er: «Ich habe keine Mühe mit irgendetwas.»

Nicht überraschend daher, dass seine Musiklehrerin sofort auf ihn gekommen war. «Er war der Einzige, der diese Stimmsicherheit hat», sagt Katharina Giger-Gasse. «Und Pietro hat auch die nötige Lust auf die Bühne. Ein ganz scheues Wesen wäre wohl nicht so geeignet.»

Aufwendig, Kinder zu finden

Produktionsleiter André Nussbaumer hat Pietro inzwischen hinter die Bühne geleitet, wo er nun auf seinen Auftritt warten muss.

Die Rolle ist doppelt besetzt. Ein zweiter, gleichaltriger Knabe war kurz zu sehen. Es sei das erste Mal, dass sie eine Produktion mit Kindern auf die Beine stellten, sagt Nussbaumer. «Das Aufwendigste dabei war, überhaupt jemanden zu finden. Wir schrieben jede Musikschule im Kanton Zürich an, und schliesslich hatten wir drei Bewerber. Der dritte musste absagen, weil er krank wurde, blieben also zwei.» Die beiden treten nun jeder zweimal die Woche auf. «Mehr wäre von der Schule her und gesangstechnisch nicht möglich», sagt Nussbaumer. Ausserdem sei der Auftritt unmittelbar vor der Pause, sodass sie zeitig nach Hause kämen. Darin, dass «Cabaret» nicht jugendfrei ist, sieht André Nussbaumer keine Probleme. «Klar, das ist kein Kinderstück. Aber wir haben mit Pietro darüber gesprochen, und auf YouTube sieht man heute Wilderes.»

«Der morgige Tag ist mein»

Die Probe zieht sich hin. Es wird immer wieder unterbrochen. André Nussbaumer sitzt an seinem Laptop, die Musikleherin schreibt auf ihrem Handy, und Pietros Vater hat sich in eine Nische zurückgezogen. Dann endlich ist es so weit: Ein Requisitenflügel wird auf die Bühne gerollt, und die halb nackten Kit Kat Boys in Socken und Sockenhaltern erscheinen mit glühenden Zigaretten, stellen sich um den Flügel auf, und dann steht er da: Pietro. Wie eine Eins und stolz wie Oskar. Und als hätte er noch nie etwas anderes gemacht oder als wäre er dafür geboren, singt er sein Lied: «Im Licht liegt die Wiese so sonderbar nah / Es grasen die Hirsche im Hain / Doch sammelt euch alle, ein Sturm ist nah / Der morgige Tag ist mein.»

Das erste Mal spielt Pietro am 18. November an der Vorpremiere, und am Sonntag an der Jubiläumspremiere genau 50 Jahre nach der Uraufführung am Broadway in New York ist dann seine «richtige» Premiere.

«Cabaret» – Erfolg auf den Weltbühnen

Entstehung Basierend auf Erzählungen von Christopher Isherwood entstand 1951 das Bühnenstück «I am a Camera», das 1955 verfilmt wurde. 1963 entstand daraus das Bühnen-Musical «Cabaret», das 1966 am Broadway seine Premiere feierte. 1972 wurde es verfilmt, es gewann acht Oscars und wurde weltberühmt.

Songs «Willkommen» oder «If you could see her through my eyes» sind Originalklassiker von 1963. «Maybe this time» und «Money, Money» wurden erst für die Verfilmung 1972 komponiert, sind aber Teil der Aufführung im Zürcher Bernhard-Theater.

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