Die Kristallnacht in Schaffhausen

Autor
Ralph Denzel

Nach Kriegsende wütete ein Mob durch Schaffhausen und richtete seine Wut gegen Nazisympathisanten. Angeheizt wurde die Stimmung vom damaligen Stadtpräsidenten Walther Bringolf.

Am 8. Juni zieht ein wütender Mob durch Schaffhausen. Ihr Ziel: Nazisympathisanten. Bild: Stadtarchiv

Zwischen 5000 und 6000 Menschen haben sich an jenem Tag im Juni 1945 auf dem «Platz» in Schaffhausen versammelt, während Stadtpräsident Walter Bringolf spricht. Augenzeugen berichten, dass die Lautsprecher seine Stimme schnarrend und irgendwie auch etwas aggressiv klingen lassen.

Die Worte, die er an diesem Tag wählt, tragen zumindest nicht zur Beruhigung der Sache bei. Er geisselt auf der Bühne die Gräuel Nazideutschlands, verlangt die Ausweisung von Nazis aus der Schweiz und die Ächtung von Frontisten, also Schweizern, die mit dem nationalsozialistischen Gedankengut sympathisieren. Er ruft der Menge zu: «Use mit ene!»

Bringolf ist nicht nur Stadtpräsident, sondern auch Polizeireferent der Stadt Schaffhausen. Er muss wissen, was in den letzten Wochen in der Stadt passiert ist und die Berichte über Bombenanschläge und Gewalt, die sich immer wieder gegen noch verbliebene Deutsche, Frontisten und Sympathisanten mit dem NS-Regime richten, kennen. Vielleicht appelliert er deswegen am Ende seiner «anpeitschenden Rede» nochmals an die Schaffhauser Bevölkerung: Man soll jetzt geordnet und friedlich nach Hause gehen.

Eine Aufnahme des KZ-Dachau. Bild: Stadtarchiv

In Schaffhausen sind seit wenigen Wochen auch norwegische Widerstandskämpfer, die im KZ in Dachau fast zu Tode gefoltert worden sind. Die Männer wiegen bei ihrer Ankunft in der Munotstadt teils gerade mal 33 Kilo.

Schon etwas erholt, aber immer noch ausgezerrt: Norwegische Flüchtlinge in Schaffhausen 1945. Bild: Stadtarchiv

Als Bringolfs Rede beendet ist, folgt, was später die «Schaffhauser Kristallnacht» genannt werden soll – und von Ratsmitgliedern der damaligen Zeit mit den drastischen Worten bedacht werden. «Die Gewaltmethoden in unserer Stadt» hätten sich «in nichts von den Nazimethoden» unterschieden. 

Als der Krieg endet – und die Aufarbeitung beginnt

Am 8. Mai 1945 läuten nur mancherorts die Glocken. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei und die Schaffhauser sind vor allem eines: Erleichtert, dass es vorbei ist. Trotzdem sind die Schrecken nicht vergessen. Die Bombardierung von Schaffhausen, Stein am Rhein, Thayngen – all das hängt den Menschen noch nach. Auch die Flüchtlinge, die sich bei Kriegsende noch in Schaffhausen aufhalten, sind jeden Tag Erinnerung an die schrecklichen sechs Jahre in der Munotstadt.

Flüchtlinge auf dem Weg nach Schaffhausen. Bild: Stadtarchiv

Aber nicht nur das: Immer wieder kommen neue, grauenhafte Berichte über die Gräuel der Nazis an die Öffentlichkeit. So schreiben die «Schaffhauser Nachrichten» am 15. Mai, dass «britische Truppen haben, wie Reuter meldet, bei Neustadt an der Ostseeküste ein weiteres Konzentrationslager aufgedeckt, dessen grauenhafte Zustände mit denen von Belsen und Buchenwalde vergleichbar sind.» Darin wird der britische Captain Walter Short von der 5. britischen Infanteriedivision zitiert. Dieser berichtet davon, dass «eine große Zahl von Insassen […] auf bestialische Art niedergemetzelt wurde.»

Gleichzeitig halten sich in Schaffhausen immer noch Deutsche, auch Nazis, auf. Diese kriegen den Volkszorn geballt ab. So berichten die SN, dass «in der Nacht zum Sonntag […] in Neuhausen an einigen Häusern, in denen deutsche Staatsangehörige wohnen, denen die Zugehörigkeit zur NSDAP, […] nicht abgestritten werden kann, Schmieraktionen unternommen worden. An Gartensockeln und an Hausfronten sind das Hakenkreuz und Nazihinweise mit schwer auslöschbarer Farbe oder Teer angebracht worden.»

Auch der Rat will Nazis und Frontisten loswerden

Nicht nur in der Bevölkerung ist die Wut gegen Nazis und Frontisten allgegenwärtig: Auch im Stadtrat brodelt es. Viele wollen Nazis und Frontisten am liebsten sofort loswerden. Und so ist man sehr schnell, wenn es darum geht, jemanden ausser Landes zu schaffen. Zu schnell, mancherorts. Im Juni 1945 sagt der damalige Polizeidirektor Theodor Scherrer darüber, dass «durch die Raschheit der Ausweisungsverfahren im Mai und Juni überall Fehler unterlaufen sind». In ein ähnliches Horn bläst auch ein Kantonsrat aus Neunkirch, der warnt, man müsse aufpassen, dass man nicht in Methoden verfallen dürfe, die seinerzeit die «Nazis angewendet» haben.

«Nazi sein», also Mitglied der NSDAP gewesen zu sein, reicht damals oft schon. Dabei ist dann auch nicht unbedingt wichtig, wie diese Mitgliedschaft zustande kam.

Ein Parteibuch der NSDAP aus dem Jahr 1935. Bild: Wikimedia

Viele Deutsche werden damals regelrecht gezwungen, in die Partei einzutreten. Einigen Widerspenstigen soll dabei sogar ohne ihr Wissen den Mitgliederbeitrag vom Lohn abgezogen worden sein. Und sogar der damalige Stadtpräsident, der die verhängnisvollen Worte «Use mit ene!» sagen wird, gibt später zu Protokoll: «viele deutsche Beamte wurden gezwungen, der NSDAP beizutreten, obwohl sie längst in Schaffhausen assimiliert waren.»

Gleichzeitig ist die Haltung Bringolfs gegenüber Nazis jedoch konsequent und hart. Von Anfang an ist das SP-Mitglied ein klarer Gegner des Faschismus und setzt sich mit allem dagegen ein. «Die bisher gehandhabte Milde in der Durchführung der Ausweisung kommt einer eigentlichen Missachtung und Verhöhnung des Empfindens weitester Kreise des Schweizervolks gleich.»

Der damalige Stadtpräsident Walter Bringolf - Bild ca. 1986. Bild: Wikimedia

Ein wütender Mob – der abzusehen war

Schon vor dem schicksalhaften 8. Juni 1945 kommt es in der Stadt immer wieder zu teils gewaltsamen Übergriffen auf Geschäfte. Sogar ein Bombenanschlag gegen den Confisseur Rohr wird geplant. Selbiger kann diesen zum Glück rechtzeitig verhindern. Ein Zeitzeuge berichtete über diese Zeit, dass die «Stimmung in der Stadt von Tag zu Tag» explosiver wird.

Dazu tragen auch die Zettel bei, die überall in der Stadt auftauchen und Frontisten denunzieren. Als dann die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) in Schaffhausen zu einer Kundgebung auf dem «Platz» zusammenruft, ist die Stimmung so aufgeheizt, dass es fast unweigerlich zu Ausschreitungen kommen muss. Später, in einer Interpellation die im grossen Stadtrat verlesen wird, heisst es: «Für jedermann war es klar, dass die Kundgebung auf dem «Platz» und die anschließenden Ausschreitungen vom 8. Juni der Abschluss einer vorbereiteten Hetzkampagne waren.» Auch werden schwere Vorwürfe gegen den Stadtpräsidenten Bringolf laut, der, als Polizeireferent, mehr für die Sicherheit der Stadt hätte tun sollen. Dieser entgegnet, dass sehr wohl Polizei vor Ort gewesen sein soll. Aber, weil so eine grosse Menge randaliert habe, hätte diese nur wenig ausrichten und sicher nicht verhindern können, was geschah.

Zerstörung nach der «Schaffhauser Kristallnacht». Bild: Stadtarchiv

Bringolf ist der Hauptredner am 8. Juni auf dem «Platz». Ungefähr 20 Minuten, nachdem die Rede von Bringolf geendet hat, hört man vom anderen Ende des Platzes die Rufe «Etz scherbelets aber».

Ein ganzer Kiosk wurde umgeworfen. Bild: Stadtarchiv

Quellen gehen von ungefähr 27 bis 30 Übergriffen auf Häuser und Geschäfte aus. Scheiben wurden eingeworfen und Geschäfte verwüstet. Das erste Opfer der Wut wird der Confiserieladen Rohr in der Altstadt. Der Ladenbesitzer, schon oft Opfer von Gewalt, hat schon davor seine Auslage geleert. «Mit diesem ersten Schaufenster war der Bann gebrochen, und ein dichter Menschenhaufen folgte einigen Rädelsführern, die jeweils ihr nächstes Ziel ausriefen, und der Reihe nach an verschiedenes Straßen die Schaufenster von Laden- und Wirtschaftsinhabern, die als frühere Frontisten oder Faschistenfreunde bekannt waren, zertrümmerten oder Steinwürfe aus der anonymen Menge provozierten.»

Bei der Kristallnacht entstand sehr hoher Sachschaden und knapp 30 Gebäude wurden beschädigt. Bild: Stadtarchiv

Am schlimmsten wütet der Mob im Restaurant «Gerberstube», wo die Demonstranten Tische und Stühle umwerfen, Gläser zertrümmern und ein Schlachtfeld zurücklassen. Auch das Hotel «Schiff», der ehemalige Versammlungsort der deutschen Kolonie, wird schwer beschädigt.

Bis drei Uhr Morgens tobt der Mob durch Schaffhausen. Walther Bringolf versucht zwar mehrmals, die Demonstranten zu beruhigen, aber ist dabei erfolglos. Auch die Polizei kann nicht viel gegen die Demonstranten ausrichten, die absolut in der Überzahl sind.

Versammlungsverbot und Verurteilungen

Als der Mob sich beruhigt hat und wieder nach Hause gegangen ist, beginnt die Aufarbeitung in der Stadt. Bringolf wird scharf kritisiert, aber auch gelobt für sein Engagement. Seine Haltung gegenüber Frontisten und Nazis ändert sich auch nach diesen Vorfällen nicht. Er bleibt weiterhin bei seiner harten Linie.

Die Stadt hingegen erlässt im Zuge dieser Ereignisse am 13. Juni ein Demonstrationsverbot. Auch, weil es Gerüchte gibt, dass sich solche Vorfälle wiederholen sollen. Einige der Demonstranten werden vor Gericht gestellt. Die Kosten des Verfahrens und die Strafe werden dabei von Sammlungen aus der Bevölkerung übernommen. Es scheint ja ein verständliches Ziel gewesen sein, gegen Frontisten vorzugehen.

Damit ist der Hass gegen Frontisten und Nazis aber noch nicht vorbei. Immer wieder kommt es auch in der folgenden Zeit zu Schmierereien und Drohungen gegenüber diesen beiden Gruppen – aber zu Ausschreitungen wie am 8. Juni kommt es nicht mehr.

Bild: Stadtarchiv

Erst, als das Leben sich langsam normalisiert, hören auch die Übergriffe auf. Währenddessen werden weitere Deutsche mit Nazivergangenheit ausgewiesen, insgesamt sind es am Ende über 20 Personen.

Das Leben geht weiter – und der Hass weicht langsam Normalität. Mancher Zeitzeuge vermutet, weil damals, am 8. Juni, «Luft abgelassen» worden ist.

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