GV der Georg Fischer AG: Schweiz soll Innovationsplatz bleiben

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Schaffhauser N…

Der Schaffhauser Industriekonzern Georg Fischer AG ist angesichts des besten je erwirtschafteten Betriebsergebnisses zwar zufrieden, nicht aber sorgenfrei. Wo drückt der Schuh beim Konzern?

Yves Serra (stehend) hielt seine letzte Rede als Konzernchef. Er ist aber neu im Verwaltungsrat und ersetzt Gerold Bührer (sitzend, Erster von links). Neuer Konzernchef ist Andreas Müller (Zweiter von rechts). Bild: Michael Kessler

von Jeannette Vogel und Martin Edlin

Wenn man GF-Verwaltungsratspräsident Andreas Koopmann mit seiner Versicherung, dass «wir die Feedbacks unserer Aktionäre ernst nehmen und uns so kontinuierlich anpassen können», beim Wort nimmt, dann stehen für die kommenden Generalversammlungen entscheidende Änderungen an. Zur Erprobung der elektronischen Abstimmungsgeräte wurden nämlich die 1081 in der IWC-Arena versammelten Aktionärinnen und Aktionäre, die 72,66 Prozent der Aktienstimmen vertraten, gefragt, ob beim anschliessenden Abendessen am bisherigen Menü – gemischer Blattsalat, warmer Gourmetschinken mit Kartoffelgratin und hausgemachte Apfelwähe mit Rahm-Rosette – festgehalten oder einmal etwas anderes serviert werden solle. Mit 64,6 Prozent dokumentierte das Stimm-Aktionariat, dass es erstens «etwas Anderem» den Vorzug geben würde (da feierte wohl die Erinnerung an die einstigen sagenhaften Erdbeertörtchen Urständ) und zweitens die Abstimmungselektronik funktionierte.

Mit einem Sonderbus ging es zur GV. Bild: Jeannette Vogel

Das beste Betriebsergebnis

Es war das einzige Mal, dass an der allgemeinen Zufriedenheit mit dem Schaffhauser Industriekonzern ein wenig, und bloss kulinarischer, Lack abblätterte. Ansonsten wurde allen Anträgen des Verwaltungsrates im Bereich zwischen 90 und 99 Prozent der Stimmen gefolgt, und zwar ohne dass sich irgend ein Aktionär ans Rednerpult bemühte, geschweige denn Kritik laut wurde. Verständlich, denn Yves Serra konnte als Präsident der Konzernleitung «das beste Betriebsergebnis in der Geschichte von GF» kommentieren: Mit 382 Millionen Franken ist es um neun Prozent gegenüber dem Vorjahr nach oben geklettert (siehe auch den Kasten mit den Geschäftszahlen), und der Gewinn pro Aktie liegt mit 69 Franken gar elf Prozent höher. Die Dividende erhöht sich von 23 auf 25 Franken. Alle drei Divisionen steuerten das Ihrige dazu bei, vor allem aber die GF-Piping Systems, deren Wachstum besonders einer starken Nachfrage in den Be­reichen Industrie und Versorgung zu ver­danken ist.

Die Gäste der GV treffen an der IWC-Arena ein. Bild: Jeannette Vogel

Wechsel im Verwaltungsrat

Der bisherige Konzernchef Yves Serra wurde in den Verwaltungsrat von Georg Fischer gewählt. Der neue Vizepräsident ersetzt den altershalber zurückgetretenen Gerold Bührer. Die weiteren acht Verwaltungsratsmitglieder wurden wiedergewählt. Hier finden Sie ein Interview mit Gerold Bührer.

Wachstumsraten schwächeln

Doch nicht alles ist Gold, was glänzt. «Trotz der guten Zahlen» so Koopmann, bereitet einiges sowohl bei der Rückschau wie im Ausblick Sorgen. So habe die Verlangsamung der Weltwirtschaft im Allgemeinen und der Automobilindustrie im Speziellen ab dem zweiten Halbjahr 2018 Spuren hinterlassen. Ebenso seien es die andauernden Handelsspannungen, vor allem zwischen den USA und China, welche auch bei GF die Wachstumsraten schwächeln lassen. Yves Serra hielt es deswegen für «wahrscheinlich», dass das erste Semester dieses Jahres schwächer werde als das sehr starke erste Semester 2018. Der Hoffnungsschimmer: «Die Chancen sind intakt, dass im zweiten Semester 2019 das erste zumindest teilweise kompensiert» werden könne.

«Ich erlaube mir ein mahnendes Wort zu aktuellen politischen ­Fragen in der Schweiz.»

Andreas Koopmann, Verwaltungsratspräsident

Um dem Negativtrend entgegenzuhalten, wurden bereits bedeutende strategische Anpassungen vorgenommen, so der Verkauf der beiden Eisengiessereien in Singen und Mettmann (Deutschland) oder die stärkere Ausrichtung auf den Sektor Leichtmetall. Es wurde zudem viel investiert: in ein neues Produktions- und Innovationszentrum für das Fräsmaschinengeschäft in Biel oder Kauf der Precicast Industria Holding im Tessiner Novazzano, um auch Spezialist für Präzisionsguss im Luftfahrt- und Gasturbinensegment zu sein. «Wir glauben an den Innovationsplatz Schweiz», sagte Koopmann.

Politischer Mahnfinger

«Trotzdem oder gerade deshalb erlaube ich mir ein mahnendes Wort zu aktuellen politischen Fragen in der Schweiz», wandte sich VR-Präsident Andreas Koopmann fast ein wenig «urbi et orbi» ans Schweizer Stimmvolk: Unser Land brauche Sicherheit, auch Rechtssicherheit, weshalb er hoffe, «dass sowohl bei der anstehenden Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform wie später über das institutionelle Rahmenabkommen mit der Europäischen Union Entscheide gefällt werden, welche die Verlässlichkeit der Schweiz als Standort für grosse und globale Unternehmen sicherstellen und nicht gefährden».

Generationenwechsel

Zurück zu GF und den Wahlen: Der Präsident der Konzernleitung, Yves Serra, wechselt als Vizepräsident in den Verwaltungsrat, wo der abtretende Gerold Bührer den Sitz frei macht. Und mit dem bisherigen Finanzchef Andreas Müller rückt ein jüngerer, aber sehr erfahrener GF-Interner an die Spitze der Konzernleitung. Müller wiederum macht seinen CFO-Platz für Mads Joergensen frei. All diese Wahlen fanden – wie auch die während Jahren umstrittenen Vergütungen von Verwaltungsrat und Konzernleitung – die fast ungeteilte Zustimmung der Aktionäre, ebenso wie die Bestätigung des VR-Präsidenten und der übrigen Verwaltungsratsmitglieder.

Viertausend Aktionäre mehr

Das von jeder Opposition freie Stillschweigen an der Generalversammlung mag Ausdruck der Zufriedenheit des Aktionariats mit seiner Georg Fischer AG sein. Dass am gestrigen Anlass zweihundert Aktienbesitzer mehr als im Vorjahr teilnahmen und damit die IWC-Arena beinahe aus allen Nähten platzen liessen, kann ein Zeichen des breiten Interesses am Gedeihen von GF sein. Und für ein langfristiges Vertrauen in das Unternehmen spricht, dass innert eines Jahres viertausend Aktionärinnen und Aktionäre dazugewonnen wurden, «dies trotz oder vielleicht wegen eines gesunkenen Aktienkurses», wie der Verwaltungsratspräsident stolz, aber ebenso verantwortungsbewusst feststellte: «Wir betrachten dies als Aufforderung und als Verpflichtung.»

Was Yves Serra zu seinem Abschied und seinem Nachfolger sagt:

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