Sie campen, wo andere Ski fahren

Autor
Darina Schweizer

Campen in einem der kältesten Orte der Schweiz – für die Meiers aus Beringen wurde in Samedan ein Traum wahr. Von der Liebe zur Kälte und vom Ärger über aufdringliche Hirsche.

Es ist fast schon heiss. Das Thermometer in Samedan steht auf –4 Grad Celsius. Deshalb sitzt der 65-jährige Beringer Hans-Eugen Meier auch im T-Shirt da, in seinem Wohnwagen auf 1700 Meter über Meer. Um ihn tobt das Schneegestöber, dicke Schneeflocken sausen durch die Luft. Man sieht keine zwanzig Meter weit, wenn man die Vorhängchen im Wohnwagen zur Seite schiebt und die Nase an die eiskalte Scheibe drückt. «Zwei Tage soll es so durchschneien», sagt Hans-Eugen Meier und freut sich wie ein Schneekönig. Gewissermassen ist er das auch. Hier, auf dem Dauerstellplatz des Samedaner Campingplatzes Gravatscha mitten im kalten Weiss, ist sein Reich – und das seiner Frau Béatrice.

Wenn Skirennen in der Umgebung stattfinden, chauffiert Hans-Eugen Meier Promis wie Hansi Hinterseer mit einem VIP-Büsli zur Piste.

Wenn der Schaffhauser Durchschnittscamper im Flachland seinen letzten Cervelat grilliert und seinen Wagen winterfest gemacht hat, überkommt die Meiers die Campinglaune. Zwischen November und Dezember verlassen sie das Unterland und fahren zu ihrem Campingwagen in die Bündner Berge. Manchmal bleiben sie bis kurz vor Ostern im Engadin. Dort verbrachte Béatrice Meier schon als Kind immer ihre Ferien. Wieso sie das Hochtal auch heute noch magisch anzieht, ist sonnenklar. «Das Wetter im Flachland ist einfach trostlos», sagt die 66-Jährige. «Und Schnee gibt es auch keinen richtigen.» Deshalb lassen die Beringer die neblige, graue Suppe und den nassen Pflotsch hinter sich und fahren in die Höhe. Dorthin, «wo es noch ­einen Winter gibt». Und was für einen. Samedan gilt als einer der kältesten bewohnten Orte der Schweiz. Das Thermometer sinkt schon mal auf bis zu –30 Grad Celsius, und der Schnee steigt bis zur Hüfte. Auch dem Schaffhauser Fähnli vor dem Eingang der Meiers steht der Schnee bis zum Hals.

«Es ist schon ein gewisser Luxus»

«Uff», ächzt Hans-Eugen Meier auf der Hinterseite des Campingwagens, wo er sich mit einer Schneeschaufel den Weg frei-gräbt. Béatrice Meier packt tatkräftig mit an. Vor sich her schiebt sie «d’Schneehäx», ihr Lieblingsgerät. «Sie ist ganz leicht, und man muss den Schnee nicht hochheben, sondern kann ihn ganz leicht auskippen. Einfach genial», sagt sie strahlend. Ja, als Wintercamper muss man sich die passenden Werkzeuge besorgen, schliesslich will man ja nicht eingeschneit werden. Den Meiers ist das in den fünf Jahren, in denen sie hier sind, zum Glück noch nie passiert. Obwohl … das wäre nicht einmal so schlimm. Ihr skandinavischer Kabe-Wohnwagen ist bestens ausgerüstet. Dazu gehören ein mit Gas beheizter Doppelboden, der die Füsse kuschelig warm hält und auch sonst nichts einfrieren lässt, eine voll funktionsfähige Küche – nur die Geschirrspülmaschine fehlt – sowie eine gemütliche Innenbeleuchtung «für Romantiker», wie Béatrice Meier sagt. Sie ist besonders in dunklen Wintertagen nützlich. Ein gewisser Luxus sei das schon, sagt Hans-Eugen Meier, doch er wollte beim Campingwagen nun mal auf Nummer sicher gehen. Das passende Modell zu finden, ging länger. So kam es, dass die Meiers den Platz für ihren Campingwagen noch vor dem Campingwagen selbst hatten.

Bei drei Campingplätzen im Oberengadin hatten sie nach Dauerstellplätzen angefragt. Gravatscha war der erste, der sich meldete. «Wir sagten sofort zu, denn hier gibt es ein Sanitärgebäude mit WC und Duschen sowie im Winter einen Kanalisa­tionsanschluss. Man muss also die Kassetten im Campingwagen nicht leeren», so die beiden Camper. Im Flachland hätten sie wohl lange nach einem Dauerstellplatz gesucht, denn im Raum Schaffhausen und auch an der nahe gelegenen Grenze sind diese schwer zu finden. Fast alle Campingplätze (siehe Box) sind von etwa Oktober bis April geschlossen. In den Bergen hingegen gibt es einige Wintercamper. Neben den Meiers existieren noch neun weitere Dauerstellplätze auf dem Campingplatz Gravatscha. Acht sind besetzt. Ihr direkter Nachbar ist ein Neuhauser. «Die übrigen Camper kommen aus der ganzen Schweiz», so Hans-Eugen Meier. Das Wintercampen scheint also durchaus seinen Reiz zu haben. Das spürt man, je länger man in dieser warmen Kapsel umgeben von Pulverschnee sitzt und die Stille geniesst. «Man darf einfach kein Gfrörli sein, sondern muss die Kälte schon mögen», sagt Béatrice Meier. Und wie die Meiers sie lieben.

Fast jeden Tag fahren sie Ski oder spazieren auf den Winterwanderwegen, die Samedan zu bieten hat. Ab und zu, wenn Skirennen in der Umgebung stattfinden, geht Hans-Eugen Meier einem ganz besonderen Hobby nach. Dann chauffiert er die Promis – dazu gehörten schon Hansi Hinterseer, Rainer Maria Salzgeber sowie diverse Skifahrer und Skifahrerinnen – mit einem VIP-Büsli zur Piste. Und wenn draussen einmal ein Schneegestöber tobt, dann «relaxen wir auch einfach gerne. Entweder in unserem Wohnwagen oder im Hallenbad in St. Moritz», so Hans-Eugen Meier. Aufregung und Stress herrschen beim Beringer Pärchen selten. Nur einmal, als Hans-­Eugen Meier «ein blöder Anfängerfehler» passierte. Als er im Sommer – auch dann sind die Meiers hier – den Wassertank im Campingwagen füllen wollte, hatte er vergessen, den Tankdeckel zuzuschrauben. «Ich habe unseren ganzen Campingwagen geflutet», so der Beringer schmunzelnd. Das passiert nur einmal. Oder? «Nein. Aber das zweite Mal konnte ich nichts dafür. Da ist das Heizmittel ausgelaufen», so Hans-­Eugen Meier lachend. Von diesem Malheur ist zum Glück nichts mehr zu sehen.

Wenn die Hirsche vorbeischauen

Spuren hinterlassen haben hingegen drei Besucher, die immer mal wieder bei den Meiers vorbeischauen: die Rothirsche. Das erste Mal begegnete Hans-Eugen Meier einem, als er um zwei Uhr morgens zum Grüncontainer ging. «Er schaute mir direkt in die Augen», sagt er. «Da ist mir fast das Herz stehen geblieben.» Dass die Tiere so zutraulich sind, hat einen Grund: Früher wurden sie von einer Camperin gefüttert. Der Hunger ist es auch, der sie heute noch hierherzieht. «Letzten Winter zerstörten sie das Vogelhüsli, um an Futter zu kommen. Es ist schon fast eine Plage», so Béatrice Meier lachend. Am heutigen Tag ist von den 200-Kilogramm-Kolossen jedoch nichts zu sehen. Doch irgendwo im verschneiten Wäldchen hinter dem Wohnwagen der Meiers müssen sie sein – und warten darauf, ein nächstes Häppchen bei den Campern zu erhaschen.

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