Kaffeetrinken als Todesursache und grosse Ahnungslosigkeit bei den Ärzten

Autor
Daniel Zinser

Seit dem 14. Jahrhundert erlagen Tausende Schaffhauserinnen und Schaffhauser Krankheiten, die heute ausgestorben sind oder kaum mehr für Probleme sorgen. Ein Blick zurück.

Tausende von Schaffhauserinnen und Schaffhauser fanden den Tod nach einer grausamen Krankheit. Symbolbild: Pixabay

Bereits im 14. Jahrhundert soll die Pest in Europa ungefähr 25 Millionen Menschen dahingerafft haben. Dank des extremen Fortschritts, welcher die Medizin über die vergangenen Jahrzehnte gemacht hat, sind heutzutage nur noch wirklich schlimme Krankheiten tödlich. Vor Hunderten von Jahren konnte aber bereits eine fiebrige Erkältung tödliche Folgen haben. Geprägt von Unwissen wurden zur Bekämpfung solcher Krankheiten die ungewöhnlichsten Massnahmen getroffen. So kam es nach den heftigen Pestepidemien im 14. Jahrhundert zu brutalen Judenverfolgungen. Die Schuld für das «Böse» wurde damals den Andersgläubigen gegeben. Zum heutigen Welttag der Kranken, der 1993 anlässlich des Gedenkens an alle von Krankheiten heimgesuchten und gezeichneten Menschen von Papst Johannes Paul II. eingeführt wurde, wagen wir nochmals einen Blick zurück in die dunklen und tödlichen Tage von Schaffhausen.

Krankheitsbekämpfung anno dazumal

In einem Artikel vom Februar 1957 berichtet Albert Steinegger in den Schaffhauser Nachrichten ausführlich über die verschiedenen Epidemien, die Schaffhausen über die Jahrhunderte heimgesucht haben. In seinem Bericht führt Steinegger die engen, zum Teil schmutzigen Gässchen und die sonnenarmen Wohnungen als Infektionsherde für die oft vorkommenden Seuchenerkrankungen auf. Auch der sparsame Umgang mit Wasser habe sich negativ auf die Gesundheit der Schaffhauserinnen und Schaffhauser ausgewirkt.

Recht verbreitet war im mittelalterlichen Schaffhausen die Blatternkrankheit, auch unter den Namen «Pocken» bekannt. Wie Steinegger schreibt, hat die Stadt zum Beispiel im Jahr 1496 mehrere Weisungen herausgegeben, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Die Kranken wurden damals mehr oder weniger vom alltäglichen Leben ausgeschlossen. So war es den «Badern» verboten, die Kranken zu baden, den «Scherern» ihnen die Haare zu waschen oder zu schneiden. Bei einem weiteren Ausbruch der Blattern 1522 sei es den Wiedergenesenen für einen Monat bei Geldstrafe verboten gewesen, eine Trinkstube zu betreten und dort etwas zu trinken oder essen.

Innerhalb 24 Stunden tot

Im Gegensatz zu den Blattern war der sogenannte «Englische Schweiss» damals die weitaus tödlichere Krankheit – auch in Schaffhausen. Sie sei wie die Pest entweder mit Fieber oder Schüttelfrost ausgebrochen. Innert 24 Stunden war man entweder tot oder wieder gesund. Die Menschen, welche darunter litten, hatten stets das Bedürfnis zu schlafen. Habe man die Kranken nicht geweckt, seien sie im Schlaf gestorben.

Als die Pest Schaffhausen heimsuchte 

Im 17. Jahrhundert war es dann mit der Pest die wohl tödlichste aller Krankheiten, die Schaffhausen heimsuchte. Gleich drei Mal – 1611, 1628/29 und 1635 – brach die Krankheit in Schaffhausen aus. Die Schaffhauser Nachrichten widmeten der Krankheit im August 1979 einen grösseren Artikel, in welchem ihre Folgen geschildert wurden und aus welchem wir in der Folge zitieren. Am grausamsten hat die Pest nach dem zweiten Ausbruch im November 1628 gewütet. Alleine im August 1629 starben in der Stadt Schaffhausen über 900 Personen, am 17. Tag des Monats wurden 44 Personen beerdigt. Verschiedenen Quellen nach fielen im ganzen Jahr bis zu 4000 Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner der Krankheit zum Opfer. Doch auch die Landgemeinden wurden nicht verschont. In Wilchingen verstarben zum Beispiel 500 Einwohner an der Pest. Wenn man bedenkt, dass das fast ein Drittel der heutigen Einwohnerzahl der Klettgaugemeinde ist, lässt sich erahnen, wie zerstörerisch die Pest damals für die Menschen gewesen sein muss.

Kaffee als Ursache einer tödlichen Krankheit?

Die damalige Medizin stand der Pest praktisch macht- und hilflos gegenüber. Teilweise seien auch absurde, an Zauberei grenzende, Ratschläge erteilt worden. Auch hundert Jahre später herrschte oft noch pure Ahnungslosigkeit, wenn es darum ging, die Ursachen einer Krankheit zu erkennen. Im Jahr 1753 brach ein furchtbares Frieselfieber über Schaffhausen hinein. Über das Krankheitsbild zitiert Albert Steinegger in seinem Artikel den Chronisten Waldkirch: «Das Fieber brachte die Leute in grosse Angst. Kaum spürte jemand Kopfweh, so meinte er gleich, das Fieber am Halse zu haben - manche erkrankten aus lauter Furcht. Das Übel, das sehr tückisch war, dauerte meist etwa fünf Tage. Glaubte man, alle Zeichen der Besserung konstatieren zu können, so konnte der Tod schon in wenigen Stunden eintreten.» Uneinig war man sich darüber, was dir Ursachen für die bösartige Krankheit sein konnten. Wie Steinegger schreibt, hätten viele das Kaffeetrinken als Ursache gesehen. Auch wenn Leute gestorben seien, die ihr ganzes Leben lang keinen Schluck davon getrunken hatten.

Ein Gerücht mit grossen Folgen

Wie gross die Unsicherheit in der Bevölkerung damals war, zeigt eine Anekdote, die sich nur drei Jahre später abspielte. Was heute ein Grund zum Schmunzeln ist, war damals bitterer Ernst. Wie Albert Steinegger schreibt, hat sich die Geschichte wie folgt abgespielt: Ein Oberhallauer habe auf dem Weg nach Hallau kurz vor dem Dorf umgedreht, weil ihm ein übler Geruch entgegenkam. «Er konnte sich nicht entschliessen, die Ortschaft zu betreten, wo es so stark tötele, was er weit und breit erzählte.» Das Gerücht war schnell in Stühlingen angekommen und man entschied sich dort, zukünftig auf das Einkaufen von Wein in Hallau zu verzichten, da dort «eine Menge Leute dahinstürben». Natürlich war an der ganzen Geschichte nichts dran und die Oberhallauer wurden ermahnt, mit den Hallauern keinen Streit anzufangen, während die Stühlinger sich entschuldigten.

Auch vor rund 100 Jahren schlug in der Region ein weiteres Gerücht hohe Wellen:Ein Journalist der Schaffhauser Nachrichten ärgerte sich in der Zeitung vom 7. Mai 1903 über eine Falschmeldung aus dem «Hegauer Erzähler», einer der SN sonst wohlgesinnten Zeitung. Dieser schrieb von einem furchtbaren Pockenausbruch in Schaffhausen, welcher bereits 100 Opfer gefordert hatte. Die deutschen Kollegen wunderten sich im Artikel, dass die «ansteckende Krankheit von den benachbarten Schweizern immer noch verheimlicht oder mindestens als ungefährlich bezeichnet wird.» Ihrer Ansicht nach sei eine tägliche amtliche Publizierung seitens der Stadt Schaffhausen angebracht und nötig. Der Schreiberling der Schaffhauser Nachrichten bezeichnet dies in seinem Artikel als Verleumdung, in der ganzen Stadt Schaffhausen habe es keine einzige Ansteckung gegeben. Einzig aus Bibern und Stein am Rhein sei jeweils ein Fall bekannt.

 

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