Als die Pest Schaffhausen heimsuchte

Autor
Manuel von Burg

Ein Blick ins Archiv der Schaffhauser Nachrichten offenbart, wie stark die Pest in Schaffhausen wütete. Könnte sich dies auch heutzutage wiederholen?

Ein «Pestdoktor» mit einer Schnabelmaske, die mit Kräutern und Flüssigkeiten gegen die Pest gefüllt war. Bild: Wikimedia

Schaffhausen im Jahr 1628. Die Stadt liegt im Dunkeln, gräuliche Nebelschleier ziehen sich durch die finsteren Gassen. Zwei Männer schieben einen hölzernen Wagen durch die Strassen, ein schwarzes Tuch verbirgt ihre Ladung. Vor einem Hauseingang machen sie Halt, ihre Blicke wandern über die Fassade des Hauses und verharren auf einer schwarzen Flagge, die sich leicht im Wind bewegt. Sie ist der Grund, weshalb die Männer hier sind. Sie fürchten diese Flagge, denn sie bedeutet Tod. Den schwarzen Tod, um genau zu sein.

Pestopfer während der grossen Pest in London. Bild: Wikimedia

Solche Szenen haben sich in Schaffhausen in den Jahren 1628 und 1629 oft zugetragen. So ist es uns zumindest von den «Schaffhauser Nachrichten» überliefert. Im Artikel «Epidemische Krankheiten aus Schaffhausen» aus dem Jahr 1893 beschreibt der Autor, wie die «wüthende Pestilenz» Schaffhausen im frühen 17. Jahrhundert fest im Griff hatte. Wahrscheinlich vom österreichischen Heer eingeschleppt, forderte die Infektionskrankheit im November 1628 zwei bis fünf Menschenleben pro Tag. Durch anhaltende Ansteckungen schraubte sich die Todesrate bis Juli 1629 auf 12 bis 30 Personen hoch, um ihren Höhepunkt im August zu erreichen, wo in gesamten Monat 900 Personen dem schwarzen Tod zum Opfer fielen. Die Situation war dramatisch: «Man fuhr mit dem Leichenwagen in den Gassen herum; wo ein schwarzes Tuch heraushieng, wurde gehalten, der Todte abgeholt, in einen Sarg mit eisernen Banden und eisernen Riegeln gelegt, nach den von zahlreichen Todtengräbern geöffneten Gräbern geführt und in eines derselben ausgeleert!» Scharfrichter, Pfarrer, Lehrer, Stadtknecht, Thorhüter, Bettelvögte, Schwarwächter, Totengräber: Die Stadt Schaffhausen wurde durch die Pest beinahe lahmgelegt. Oder wie es der Autor schreibt: «Beim Appell im Rathe am 4. September gaben 38 Mitglieder keine Antwort mehr.»

«Der 30. Oktober war der erste Tag des Jahres an dem kein Leichenbegängnis stattfand.»

Beinahe ein Jahr dauerte die Epidemie in Schaffhausen, bis sie im Oktober 1629 langsam wieder abklang: «Der 30. Oktober war der erste Tag des Jahres an dem kein Leichenbegängnis stattfand.» Insgesamt starben laut dem Autor in Schaffhausen um die 4200 Personen an der Pest, bis 1635 kam es noch vereinzelt zu Todesfällen. Danach wurde die Munotstadt von der schlimmsten Infektionskrankheit des Mittelalters verschont.  

Auch heute noch möglich? 

Bis heute kommt es weltweit zu sporadischen Pestinfektionen (siehe Infobox links). Der letzte nachgewiesene Fall einer Pestinfektion in Europa datiert vom zweiten Weltkrieg, in der Schweiz ist es seit 40 Jahren zu keiner Ansteckung mehr gekommen. Gänzlich auszuschliessen ist ein erneuter Ausbruch aber nicht, wie die Schaffhauser Kantonsärztin Maha Züger erklärt: «Das Risiko, dass man sich im Urlaub im Ausland ansteckt, ist zwar klein, aber vorhanden», so Züger. Vor allem in afrikanischen Ländern wie Madagaskar oder der Demokratischen Republik Kongo komme es immer wieder zu Pestfällen. Die Pest könne aufgrund ihrer langen Inkubationszeit von bis zu 10 Tagen unbemerkt in die Schweiz gelangen, so Züger. Eine Ansteckung im Inland sei hingegen sehr unwahrscheinlich. 

Ärzte während des Pestausbruches in Madagaskar 2017. Bild: Wikimedia

Wäre Schaffhausen im Falle einer Infektion gegen die Krankheit gerüstet? «Mit einer Pesterkrankung rechnen wir generell nicht», sagt Züger. Bezüglich Infektionskrankheiten gäbe es aber einen engen Zusammenschluss mit dem Kanton Zürich, der sehr gut geschult sei auf infektiologische Erkrankungen. Die Möglichkeit einer Kontamination mit einer Infektionskrankheit liege dort deutlich höher, vor allem auch aufgrund des Flughafens. Wichtig sei laut Züger, dass die Krankheit schnell erkannt und behandelt werden könne: «Unbehandelt liegt die Letalität bei der Beulenpest bei 40 bis 60 Prozent, bei der Lungenpest sogar beinahe bei 100 Prozent». 

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