«Blauburgunder ist ein perfekter Partner»

Autor
Ulrich Schweizer

Zwei Exponenten des Blauburgunderlands denken über Chancen und Risiken von Pinot noir, der wichtigsten Schaffhauser Rotweintraube, nach.

Mäni Frei (l.) und Beat Hedinger nehmen im Vinorama den Blauburgunder unter die Lupe. Bild: Michael Kessler

Ende Januar hat die Kellerei ­Rimuss & Strada Wein AG in Hallau angekündigt, dass sie dieses Jahr nur von 50 Hektaren Blauburgundertrauben annehmen werde. Diese Woche nun hat die Weinkellerei GVS nachgezogen: Sie verlangt, dass ihre Traubenproduzenten mit mehr als 20 Aren Blauburgunderreben im Herbst 2019 von einem Viertel dieser Fläche Trauben der Kategorie 2, also für einfacheren Landwein, liefern (s. Kasten unten).

Beat Hedinger, steckt der Blauburgunder ausgerechnet nach dem grossartigen ­Jahrgang 2018 in einer Krise?

Beat Hedinger: Nein, weltweit gesehen steckt der Blauburgunder als Rebsorte überhaupt nicht in einer Krise. Er ist nach wie vor, nicht nur für mich, sondern auch für viele andere, die Königin der Rotweintrauben, eine fantastische Rebsorte, die in gemässigten Klimazonen eine ganz grosse Rolle spielt. Doch bei uns im Blauburgunderland sind Mengen auf dem Markt, die zu Reaktionen einzelner Betriebe führen müssen. Sie müssen sich Gedanken machen, weil sie auch entsprechend grosse Mengen annehmen, zusammen ein Drittel aller Schaffhauser Blauburgundertrauben – von über 100 Hektaren. Man sucht nach Absatzkanälen. Wir haben im Verband schon seit Jahren immer wieder die Frage gestellt, ob wir marktgerecht produzieren. Es kann sein, dass wir zu viel AOC-Qualität und zu wenig Landwein produzierten – aber der Blauburgunder steckt nicht in einer Krise.

«Am Ende hat der Schweizer Wein nur dann eine Chance, wenn er eine Qualitätsstrategie mit entsprechenden Preisen fährt.»

Mäni Frei, Erfinder der Marke Blauburgunderland

Mäni Frei: Ich glaube sogar das Gegenteil: In den letzten Jahren gab es viele Weintrinker, die intensivere Weine suchten. Und damit kamen die Weine aus der sogenannten Neuen Welt zum Zuge, aus den USA, Südamerika, Südafrika, Australien, mit höheren Alkoholgehalten. Wenn man nun den Gesundheitsaspekt berücksichtigt, kehrt der Trend um: Die Leute suchen leichtere, bekömmlichere Weine, von denen man auch ein zweites, drittes Glas geniessen kann und die ein vielfältigeres kulinarisches Angebot begleiten können – da ist der Blauburgunder ein perfekter Partner. Von einfachen süssen Alkoholmonstern hat man irgendwann genug.

Was raten Sie den Traubenlieferanten und Selbstkelterern: Sollen sie ihre Blau­burgunderreben ausreissen und durch ­modischere Rebsorten ersetzen?

Hedinger: In den letzten Jahren ist das beim einen oder anderen Produzenten in der Tat gemacht worden, man reduzierte die Blauburgunderfläche zugunsten von weissen Spezialitäten, im Rahmen einer marktgerechten Produktion. Als ich 2002 als Geschäftsführer anfing, waren drei von vier Rebstöcken Blauburgunder, heute sind es ungefähr zwei von drei. Aber wir wissen, dass wir bei uns spitzenmässig Blauburgunder anbauen und vinifizieren können und haben uns damit in den letzten Jahren einen Namen geschaffen. Jetzt zu raten, den Blauburgunder auszureissen – ich bin überzeugt, dass man uns in zehn Jahren fragen würde: Warum habt ihr die Blauburgunderfläche so drastisch reduziert? Er ist die historisch gewachsene Rebsorte, die hierher gehört – der Blauburgunder, das sind wir!

Frei: Und es kommt darauf an, was für eine Identität die Kellerei selber hat. Sie hat ja einen Kundenstamm, der die Produkte, die er kennt und schätzt, wiederfinden möchte. Wenn eine Kellerei plötzlich verkündet, wir machen keinen Pinot noir mehr, sondern Cabernet Sauvignon oder Merlot, dann stimmt ihr Profil nicht mehr. Trends kommen und gehen, beim Weisswein etwas ­rascher – vor zehn Jahren war es der Chardonnay, dann Sauvignon blanc, jetzt hat man den Riesling-Silvaner wiederentdeckt. Aber echte Weinfreunde und -kenner sind um die 30 Jahre und älter – da hat man seine Liebe gefunden und verlässt sie nicht mehr so schnell.

Und was raten Sie den Kellereien?

Frei: Wir haben in der Schweiz ein Grundproblem: Der Schweizer Wein ist permanent unter Preisdruck, weil andere Länder günstiger produzieren können. Und wo wird der Schweizer Wein zur Hauptsache verkauft? Bei den Grossverteilern. Und die haben ein Ziel – nein, nicht den Heimatschutz, sondern Umsatz, um gegenüber der Konkurrenz zu bestehen. Alle müssen sie im Preiskampf mitmachen. Bei einer Überproduktion – wie nach der ausgezeichneten, grossen Ernte 2018 – ist der Druck auf den Preis ganz enorm.

Aber den Preiskampf kann man mit Wein aus dem Hochpreis- und Hochlohnland Schweiz ja niemals gewinnen …

Frei: Darum ist es ganz wichtig: Der Schweizer Wein muss eine Qualitätsmarke bleiben. Wenn wir ihn nur noch über den Preis abverkaufen, werden wir irgendwann ganz aufgeben müssen.

Ist das nicht ein Argument gegen den Schweizer Landwein?

Frei: Doch. Aber wenn der Keller voll ist wie jetzt, sagt sich jede Weinkellerei: Wir müssen die Löhne zahlen – und die Genossenschaft will am Schluss auch einen Gewinn ausweisen können.

Hedinger: Wenn eine Kellerei die Trauben teurer einkauft, als sie den Wein verkaufen kann, kommt der Moment, wo sie sagen muss: So geht es nicht mehr. Und wenn dann die Nachfrage nach Landwein da ist, muss sie liefern können, ohne dabei draufzulegen.

Frei: Am Ende hat der Schweizer Wein aber nur dann eine Chance, wenn er eine Qualitätsstrategie mit entsprechenden Preisen fährt. Wir müssen ehrlich sein zueinander, was die Qualität, die Kosten und die Preise betrifft. Ist es überhaupt sinnvoll, in der Schweiz Landwein zu produzieren? Für die nächsten zehn Jahre muss man jetzt zusammensitzen, um eine neue Marktstrategie zu definieren: Wie viel Rebfläche brauchen wir? Welche Qualitäten? Und wo können wir sie zu welchem Preis absetzen?

Müsste das Schaffhauser Blauburgunderland seinen Namen denn jetzt ändern?

Frei: Nein: Wir haben 2001 eine Marke geschaffen, die ein Produkt und dessen Herkunft im Namen trägt – als Bühne für die Produzenten und Kellereien, als Orientierungshilfe für Konsumenten. Eine Marke kann jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn sie langfristig und konsequent geführt wird.

Einfacher Landwein aus Schaffhauser Pinot-Trauben

Dicke Post erhielten diese Woche die gut 140 Traubenlieferanten der Weinkellerei des Landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbands Schaffhausen (GVS): «Insbesondere beim Blauburgunder ist der Weinmarkt der AOC-Weine ausserordentlich schwierig geworden», heisst es in dem Schreiben von GVS-Geschäftsführer Ugo Tosoni und Kellermeister Michael Fuchs, das den SN vorliegt. «Es ist für unseren Betrieb in Zukunft unumgänglich, vermehrt Trauben der Kategorie Landwein zu vinifizieren, so sehr wir das bedauern. Wir möchten Sie bitten, einen Teil Ihrer Blauburgunderrebfläche als Landweintrauben anzubauen. Jeder Betrieb, der mehr als 20 Aren Blauburgunder hat, muss mindestens 25 Prozent seiner Blauburgunderrebfläche bei uns als Landwein abgeben.» Das Ernteziel für Blauburgunder der Kategorie 2 im Jahr 2019 sei für GVS maximal 1200 Gramm pro Quadratmeter.

In den letzten zwei Jahren zahlte GVS für Trauben der Kategorie 2 jeweils zwei Franken pro Kilo, nahm aber mehr Trauben an: 1400 Gramm im Jahr 2017, 1600 Gramm im Jahr 2018. Die Vorgabe von 1200 Gramm pro Quadratmeter für das laufende Jahr ergäbe bei einem Kilopreis von zwei Franken einen Ertrag von 24 000 Franken pro Hektare Landweintrauben. Doch die Produktionskosten für eine Hektare AOC-Blauburgunder belaufen sich auf knapp 29 000 Franken. Da stellt sich die Frage, wie die Rebleute bei der Traubenproduktion für GVS-Landwein vier- bis fünftausend Franken einsparen können …

«Jetzt fanged die au aa», kommentiert Markus Hedinger von der Sunneberg-Kellerei in Wilchingen den GVS-Rundbrief mit Blick auf den Entscheid der Rimuss & Strada AG, dieses Jahr Blauburgundertrauben nur von 50 Hektaren anzunehmen. «Eine gute Vollernte wie 2018, und schon geht die Angst vor übervollen Kellern um. 1600 Gramm pro Quadratmeter für zwei Franken pro Kilo, das ginge aus unternehmerischer Sicht», setzt er hinzu. «Aber die Gefahr besteht, dass die Rebberge auf diese Weise weniger gepflegt werden, ‹verliederlen›.» Andere Rotweinreben seien für den Klettgau nicht ideal, der Regent etwa habe sich nicht durchsetzen können. «Und ich bin gegen den Merlot, davon gibt’s genug auf der Welt – und zwar in jeder Preisklasse. Mit kühlen Nächten ist Blauburgunder bei uns immer noch eine sehr gute Sorte – aber maischevergoren. Für Landwein sehe ich den Markt allerdings nicht.»

Alex Brühlmann, Marketingchef bei GVS, ist anderer Ansicht: «Der Schweizer hat seine Weine eigentlich gern. Unsere einfachen Blauburgunderqualitäten sind in den Grossverteilern gefragt, legen im Absatz sogar zu. Das heisst, wir müssen sehen, dass wir auf die nötige Menge kommen. Doch die Preissensibilität der Kunden einerseits und der Preiskampf zwischen den Grossverteilern andererseits führen zu tieferen Preisen, ergo zu Alltagsweinqualität.»

«Wir sind froh über GVS als Abnehmer und freuen uns über den Zahltag im Dezember», hält die Rebbäuerin Maja Kramer aus Gächlingen auf Anfrage der SN fest. «Wir werden Hand bieten, um Trauben von einfacherer Qualität abzuliefern, indem wir vor­übergehnd versuchen, die Handarbeiten im Rebberg zu reduzieren, beim Auslauben Maschinen einzusetzen und eventuell auch maschinell zu ernten. Aber der Name Ostschweizer Landwein klingt einfach nicht gut, eher zweitklassig.» Für eine gute Flasche Blauburgunder seien Privatkunden durchaus bereit, 20 bis 25 Franken zu bezahlen, fährt sie fort, aber fürs Grossverteilerregal sei dieser Preis zu hoch. «An der Qualität unserer Weine liegt es sicher nicht!» (us)

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