Drei Tonnen Salz in knapp drei Stunden

Autor
Tamara Schori

Wenn andere noch schlafen, ist Marcel Waldvogel schon unterwegs, um Salz zu streuen. Schneefall und Glatteis bedeuten für die Mitarbeiter bei Tiefbau Schaffhausen viel Arbeit.

4.12 Uhr Nicht der Wecker, sondern der Handyklingelton reisst Marcel Waldvogel aus dem Schlaf. Am anderen Ende ist der Einsatzleiter vom Winterdienst bei Tiefbau Schaffhausen: Die Strassen seien vereist. Innerhalb von dreissig Minuten muss Waldvogel von seinem Wohnort in Neuhausen im Werkhof im Schweizersbild sein, um mit einem mit Pfadschlitten und Salzstreuer ausgerüsteten Lastwagen loszufahren. Er hat Pikettdienst und ist verantwortlich dafür, dass die Autostrasse A4 auf Kantonsgebiet vom Schnee befreit und gesalzen wird. Das frühe Aufstehen bereitet dem Unterhaltsdienstmitarbeiter schon lange keine Mühe mehr: «Das gehört für mich selbstverständlich zum Job – ich bin im Winter immer parat für einen Einsatz.» Zudem sei es frühmorgens bedeutend angenehmer, mit dem grossen Gefährt unterwegs zu sein, da wenig Verkehr herrsche.

4.33 Uhr Bei minus fünf Grad und leichtem Schneefall beim Werkhof angekommen, setzt sich der 51-Jährige in der unverkennbaren orangen Arbeitskleidung in die beheizbare Fahrerkabine des Lastwagens. Per Knopfdruck fährt er den Schneeschieber hoch. Diesen wird er heute nicht brauchen, auf der Strasse bleiben die Schneeflocken nicht liegen. Im Radio gibt die Moderatorin das aktuelle Wetter bekannt: Glatteis und leichter Schneefall bei Minustemperaturen. «Das Wetter beobachte ich vor Arbeitsbeginn über eine App auf dem Handy, das ist wichtig für meine ­Arbeit», erklärt Waldvogel.

Bodensonden, Salz und Sole

Von November bis Ende März ist Waldvogel alle zwei Wochen im Turnus zusammen mit einem Arbeitskollegen im Pikettdienst eingeteilt. Sie sind zuständig für den A4-Streckenabschnitt von Dachsen bis Bargen. Der Einsatzleiter hat ihm bereits heute in der Früh mitgeteilt, dass er die Route umgekehrt beginnen solle, in Bargen, da dort der Schneefall prekär sei. Diese Information erhält der Einsatzleiter einerseits von der Polizei, anderseits aber auch über die Computerdaten von sieben installierten Bodensonden auf den Strassen. Diese messen die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit und schlagen je nach Wetterbedingungen Alarm. Eine dieser Sonden befindet sich in Bargen am Zoll, ein Zwischenziel auf Waldvogels Tour.

Das frühe Aufstehen bei ­einem nächtlichen Winterdiensteinsatz bereitet Marcel Waldvogel schon lange keine Mühe mehr.

Bevor sich Waldvogel jedoch aufmacht, muss er zuerst die Dosierung und die ­Zusammensetzung des Salzes einstellen. Die aktuellen Wetterverhältnisse verlangen nach einem Gemisch aus Trockensalz (der Hauptbestandteil ist Kochsalz) und Sole. Bei der Sole handelt es sich um eine verdünnte Salzlösung, welche weniger Salz braucht und deshalb als umweltfreundlicher gilt. Ein weiterer Vorteil: Anders als Trockensalz bleibt es auf der Strasse, wenn diese schneefrei ist, besser haften und verwirbelt nicht. Die Salzmaschine am Hintern des Fahrzeugs streut an diesem Morgen im Durchschnitt etwa zehn Gramm Salz pro Quadratmeter. «So wenig wie möglich, so viel wie nötig», lautet das Motto.

Konzentration ist das A und O

4.55 Uhr Mit rund 40 km/h fährt Waldvogel auf der Autostrasse A4 zum Bargener Zoll. Geübt kurvt er auf dem Zollgelände um die wartenden Lastwagen herum und verstreut das Salzgemisch. Er ist froh, dass seit Kurzem eine Rückfahrkamera im Lastwagen eingebaut ist: «Das erleichtert mir die Arbeit enorm.» Danach geht es weiter auf der A4 in Richtung Dachsen. Die ersten Pendler sind unterwegs, und es bildet sich eine kleine Schlange hinter Waldvogel: «Ich bin die Spitze der Kolonne, die anderen Autofahrer verlassen sich auf mich.» Es komme jedoch ab und zu vor, dass ihn ungeduldige Automobilisten rasch überholen würden. «Ich ertappe mich oft dabei, dass ich mich über die Rücksichtslosigkeit der Autofahrer nerve.»

Auf dem Rückweg von Dachsen, kurz vor der Ausfahrt Flurlingen/Feuerthalen, wird die Strasse schmaler: «Das ist eine der engsten Stellen, die ich mit diesem Gefährt schaffen muss.» Wenn der rund viereinhalb Meter breite Pfadschlitten zudem noch unten sei, könne es schon einmal passieren, dass die Fahrbahntrenner mit den Reflektoren reihenweise weggefegt würden. «Konzentration ist deshalb das A und O, ich lasse mich nicht allzu schnell ablenken.»

5.50 Uhr Das Handy von Waldvogel macht sich in seiner Hosentasche piepsend bemerkbar, und er erklärt lachend: «Das wäre jetzt also mein Wecker an einem normalen Arbeitstag.»

Zurück in Schaffhausen, entscheidet sich Waldvogel dazu, nochmals nach Bargen zu fahren, um minimal nachzusalzen. Auf dem Weg dorthin sagt er nach einem raschen Blick in den Rückspiegel plötzlich: «Hinter mir ist gerade ein Auto in die Böschung gerutscht.» Bei Glatteis könnten eben selbst die geübtesten Autofahrer nicht viel an der Situation ändern. Es scheint aber nichts passiert zu sein.

Drei Tonnen Salz und 1000 Liter Sole

6.57 Uhr Der nächtliche Winterdiensteinsatz endet für Waldvogel im Werkhof. Rund drei Tonnen Salz und 1000 Liter Sole sind innerhalb von zweieinhalb Stunden auf den Strassen verteilt worden. Seine Arbeit ist damit jedoch noch nicht ganz getan: Er lenkt den Lastwagen zum Salzsilo, welches etwa 600 Tonnen fasst, füllt Salz und Sole für den nächsten Einsatz nach und spritzt das Gefährt mit Wasser ab. «Dabei kann ich zeitgleich kontrollieren, ob beim Fahrzeug noch alles in Ordnung ist», sagt Waldvogel. Eine Stunde hat er noch übrig, um in der Cafeteria die Zeitung zu lesen und einen Kaffee zu trinken. Um acht Uhr beginnt für Waldvogel der reguläre Arbeitstag, wenn auch dieser heute etwas früher endet.

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