Treffpunkt Tankstelle

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Schaffhauser N…

Restaurants gibt es in Bargen keine mehr, die Bevölkerung kommt an den Tankstellen zusammen. Besuch in einem Dorf, das stolz auf die Nähe zur Natur ist, aber die Autobahn als Lebensader braucht.

von Isabel Heusser und Daniel Jung

Das Rauschen der Autobahn ist von überall her zu hören. Am Waldrand, wo die letzten Wohnhäuser kleben. Beim Kindergarten, der aufgrund der tiefen Kinderzahl nach den Sommerferien geschlossen bleiben wird. Und auch bei der Garage Germann, einem der letzten Gewerbebetriebe im Dorf. Diese Geräuschkulisse wird uns den ganzen Tag begleiten. Bargen, rund 310 Einwohner, Einwohnerdichte 33 Personen pro Quadratkilometer, ist ein geteiltes Dorf. Geteilt von der A4, die von Schaffhausen nach Deutschland führt. Die beiden Dorfteile sind nur durch eine Brücke verbunden.

In Bargen, das merken wir schnell, ist man auch abseits der Autobahn vor allem im Auto unterwegs. Der eigentliche Dorfplatz zwischen den Restaurants spielt keine grosse Rolle mehr, und der historische Dorfkern ist derzeit eine Baustelle, weil gerade die Sanierung der Wasserleitungen abgeschlossen wird. Also postieren wir uns direkt an der Kreuzung vor der Brücke zwischen zwei Tankstellen. Drei gibt es in Bargen insgesamt, alle an Haafpünt- und der Steigstrasse innerhalb weniger hundert Meter. An den Tankstellen wird aber nicht nur getankt, hier treffen sich auch die Dorfbewohner. Denn Restaurants gibt es keine mehr, der «Löwen» ist zu, die «Krone» auch.

Teigwaren, Schoggi und Kaffee

Wer in Bargen auswärts essen will, geht zu Heinz Tanner. Er hat neben seiner Migrol-Tankstelle einen Laden und ein Café eingerichtet. «Doch, doch, es läuft», sagt Tanner draussen auf der Terrasse. «Wir haben zum Glück viele Stammgäste und sind wie eine grosse Familie.» 27 Jahre betreibt Tanner die Tankstelle schon, seine Partnerin Conny Meister ist vor 23 Jahren dazugestossen. Es ist kurz vor Mittag, Bauarbeiter und Dorfbewohner sitzen gemeinsam am grossen Tisch. Man kennt sich.

Der Grill ist angeworfen, heute gibt es Bratwurst oder Pouletbrüstli mit Salat, die Sauce dazu ist hausgemacht, darauf legt Tanner Wert. Auf der Terrasse sitzen sie mittags alle zusammen. «Wir sind froh, dass es noch einen Ort gibt, wo wir hinkönnen», sagt einer von ihnen. «Bargen ist ein schönes Bauerndorf, das kannst du schreiben!», fügt er an und nimmt einen Schluck Rotwein. Es wird nicht der letzte sein an diesem Tag.

Viel Zeit zum Reden bleibt Tanner und seiner Partnerin nicht. Im Minutentakt fahren die Autos an der Tankstelle vor, viele mit deutschem Nummernschild. Das Benzin, das hier 10 bis 15 Cent günstiger ist als ennet der Grenze, bringt viele Deutsche dazu, halt in Bargen zu machen, auch heute noch, trotz starkem Franken. Manche füllen nicht nur den Tank, sondern auch mitgebrachte Kanister.

Den Einkaufstourismus gibt es auch hier. Zahlreiche deutsche Grenzgänger decken sich in den Tankstellenshops mit Lebensmitteln ein. Tanner verkauft hauptsächlich Migros-Produkte, doch das Hauptsortiment gleicht jenem der anderen Läden: Kaffee, Teigwaren, Schokolade, Mohrenköpfe, alles in Grosspackungen. Auch Käse ist beliebt. «Der schmeckt einfach viel besser als in Deutschland», sagt Peter Tribelhorn aus Wiechs, der im Auftrag seines Vaters fünf kleine Laibe Weichkäse kauft.

Benzin kostet gleich viel

Die Tankstellen mögen alle fast das Gleiche anbieten – die Konkurrenzsituation sorge aber kaum für Spannungen, wie von allen Seiten bestätigt wird. Die Benzinpreise sind überall gleich, und jede Tankstelle hat ihre Eigenheiten. Bei Heinz Tanner ist es das warme Essen im Café und die Migros-Produkte. Die Socar-Tankstelle hat die beste Lage, gleich bei der Autobahnausfahrt, wenn man Richtung Grenze unterwegs ist. Und das modernste Erscheinungsbild. Früher, als die Tankstelle noch von Esso betrieben wurde, sei sie besser gelaufen, heisst es im Dorf. Weil Socar in Deutschland nicht bekannt ist. Doch auch die Socar-Tankstelle ist bei unserem Besuch gut frequentiert. Die freundliche Verkäuferin kennt das Sortiment und hilft weiter, wenn jemand ob der grossen Auswahl an Kaffee überfordert ist («Mocca ist am stärksten»).

Die persönlichste Bedienung gibt’s bei «Evis Super», der Tankstelle von Evi und Harry Tanner. Es ist die letzte in der Reihe. Hier übernehmen die Tanners und ihre Mitarbeiter das Tanken für die Kunden. Evi Tanner kennt die meisten von ihnen, begrüsst sie mit Namen. Hier muss sich niemand schämen, wenn er den Tankdeckel nicht aufkriegt. Wer Zeit hat, setzt sich noch ein paar Minuten zu Evi Tanner an den «Stammtisch», einen Holztisch, den sie draussen aufgestellt hat. «Evis Super» ist ein Familienbetrieb. Die Tankstelle sei die erste in Bargen gewesen, erzählt Evi Tanner, betrieben von Harry Tanners Vater. «Manche Kunden kommen seit 50 Jahren», erzählt sie. Letztes Jahr war die Tankstelle zwei Monate lang geschlossen, weil die Kaffeemaschine im Laden nach einem Kurzschluss zu brennen anfing und einen grossen Schaden anrichtete. «Als wir wieder aufmachten, kamen viele Leute zu uns und sagten, sie hätten uns vermisst.»

Die Tanners – sie heissen wie das früher dominierende Geschlecht in Bargen – leben in Beringen. «Ich brauche diese Distanz zur Arbeit», sagt Evi Tanner, dreht sich um und deutet auf das Fenster neben dem Laden. In der Wohnung dahinter lebte einst Tanner Senior. Für Evi Tanner undenkbar: «Wenn man hier wohnt, hat man nie Freizeit», sagt sie. «Früher klopften die Leute manchmal noch um Mitternacht ans Fenster, weil sie einen Wunsch hatten.»

Die Tankstellen, da sind sich die Bewohner einig, sind wichtig für Bargen. Genauso der Zoll, wegen der Steuereinnahmen für die Gemeinde. Vor zwei Jahren wollte ihn der Bund aus Spargründen schliessen, der Ständerat und Nationalrat sprachen sich aber dagegen aus. Trotzdem gibt es bald eine Änderung: Im Jahr 2020 übernimmt der Kanton Schaffhausen den nördlichsten Teil der A4 und gibt im Gegenzug die J15 zwischen Herblingen und Thayngen an den Bund ab. So sehr die Bargemer die Nähe zur Natur als Pluspunkt fürs Dorf betonen: Die Strassen sind seine Lebensader.

SN Dorfgezwitscher: Besuch aus Amsterdam, der letzte Tag im Kindergarten und der bekannteste Bargemer

Wim Alferink aus Amsterdam ist für das heutige Bargen eine wichtige Person: Als Bauingenieur war er in den 60er-Jahren am Bau der Autobahn A4 nach und durch Bargen beteiligt. In dieser Zeit wohnte er auch für acht Jahre in der Gemeinde. Er stattete mit seiner Gattin Carla Alferink der ehemaligen Wirtin des «Löwen», Agnes Tanner, einen Besuch ab. Seine Bekanntschaften in Bargen pflegt Alferink bis heute. «In den 60er-Jahren gab es in Bargen und Merishausen noch deutlich mehr Beizen», erinnert sich Alferink.

Ein alteingesessener Bargemer ist Konrad Tanner: Er ist hier aufgewachsen und wohnt bis heute im Haus seiner Eltern. Bis zu seiner Pensionierung war er in Schaffhausern als Metzger tätig. «Früher hiess in Bargen fast 90 Prozent der Bevölkerung Tanner», sagt er, «heute sind wir nur noch ein kleines Häuflein.» Im Gegensatz zu früher kenne man heute im Dorf auch nicht mehr alle Bewohner. Gerade in den zwei letzten Jahrzehnten seien zahlreiche Leute zugezogen. Weiterhin lebe es sich in der Gemeinde aber sehr gut.

Mit dem Beginn der Sommerferien wurde der Kindergarten in Bargen geschlossen. Nach den Ferien müssen die Kinder aus Bargen mit dem Bus nach Merishausen pendeln. Ebenfalls nach Merishausen wechselt dann Kindergärtnerin Sarah Finger, die für sechs Jahre die Kinder aus Bargen (und einige aus Merishausen) betreut hat. Sie hat sehr gerne allein in Bargen unterrichtet. «Hier ist es herrlich, man ist sofort in der Natur», sagt sie. Direkt vor dem Kindergarten gibt es einen Brunnen und freundliche Nachbarn. Trotzdem freut sich die Löhningerin nun auch darauf, in Merishausen wieder stärker Teil eines Teams zu sein und in den Kaffeepausen mit Kollegen zu reden. Am letzten Tag vor den Sommerferien durften die elf Kinder nochmals mit «Waldopa» Walter Vogelsanger, dem ehemaligen Schaffhauser Stadtforstmeister, in den Wald und dort grillieren. Vogelsanger kam einmal im Monat vorbei, um den Kindern Tierspuren, Orchideen oder die Arbeit der Jäger näherzubringen. «Es hat mir viel Spass gemacht, den Wald aus Kinderaugen zu sehen», sagt Vogelsanger, der die Aufgabe als «Waldopa» nun abgibt.

Einer der prominentesten Bewohner von Bargen ist der Bau- und Immobilienunternehmer Pius Zehnder (PMB Bau/Zehnder Immo). Er betreibt bei seinem prächtigen Haus am Dorfrand einen Pferdestall und eine Zucht für Angusrinder. Zehnder fühlt sich in Bargen wohl. «Es gefällt mir hier hervorragend», sagt er. Im kleinen Dorf herrsche eine sehr offene Kultur. In den letzten Jahren konnte Pius Zehnder im Dorf verschiedene Altbauten sanieren und auch einige neue Wohnhäuser erstellen. «Und wir sind hier von 360 Grad schönster Natur umgeben», sagt Zehnder. Für das Dorf würde er sich wünschen, dass die heutige Nationalstrasse bald einmal zu einer normalen Dorfstrasse und die Tempolimite auf 50 km/h gesenkt werde. Zehnder ist ein Stammgast im Migrol-Restaurant von Heinz Tanner und Cornelia Meister, wo er oft zu Mittag isst. (dj./heu)

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