«Die Zeit der Pilotprojekte ist abgelaufen»

Autor
Janosch Tröhler

Die Digitalisierung macht nicht vor dem Klassenzimmer Halt. Diese Tatsache ist unumstritten. Doch über das Wie sind sich die beiden Experten Beat Rüedi und Philippe Wampfler nicht immer einig.

«Tablets im Unterricht einzusetzen, ist wirklich nicht mehr revolutionär», sagt Philippe Wampfler. Bild: Janosch Tröhler

Beat Rüedi war über 30 Jahre als Musiklehrer auf Stufe Gymnasium und Sekundarschule tätig. Als SN-Leser hat er das Thema «Tablets im Unterricht» – angelehnt an das bevorstehende Pilotprojekt in Hallau – in der Facebook-Gruppe «Deine Plattform» vorgeschlagen. In einer offenen Abstimmung wurde das Thema von Leserinnen und Lesern als Recherche-Auftrag bestimmt. Rüedi kritisiert das Projekt: «Die Klasse wird mit einer fertigen Technologie konfrontiert, mit der sie sich ausschliesslich auseinandersetzen soll.» So bringe man die Schüler um die Möglichkeit, eigene Wege und Prozesse zu entwickeln.

Ihm fehlt zudem die fehlende Transparenz des Projekts und der dazugehörigen Website. Daraus sei nicht ersichtlich, ob das Projekt beispielsweise durch die Pädagogische Hochschule Schaffhausen begleitet werde. «Mir fehlt insbesondere das selbstorganisierte Lernen. Hier wird einfach der klassische Unterricht digitalisiert und alle Schüler machen das Gleiche zur gleichen Zeit», urteilt Rüedi.

Der Computer im Schulzimmer

Rüedi ist ein vehementer Verfechter des Konzepts «Lernen unterwegs». Hierbei bestimmen wenn immer möglich die Schülerinnen und Schüler ihre Lernzeiten und –orte selber. Das Gelernte bringen sie dann in die Schule, wo sie es in der Klasse präsentieren und den Lernprozess reflektieren lassen. Für Rüedi bedeutet das eine drastische Konsequenz: «Computer haben in der Primarschule nichts zu suchen.» Lernen könne am Computer nicht stattfinden. Die Schüler lernten bloss, wie man etwas macht, so dass es die Lehrperson nicht merkt. Der Computer soll lediglich als Präsentationsmittel im Unterricht angewendet werden. Diesen Ansatz hat Rüedi selbst während sechs Jahren an der Sekundarschule angewandt.

«Computer haben in der Primarschule nichts zu suchen.»

Beat Rüedipensionierter Lehrer

«Das heisst aber nicht, dass dieses Modell für alle stimmt», kontert Philippe Wampfer. Er gilt zudem als Experte, wenn es um Digitalisierung in der Bildung geht. Wampfler unterrichtet Deutsch an der Kantonsschule Enge und ist Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Universität Zürich. «Wenn man davon ausgeht, dass die Schule einen auf die Arbeitswelt vorbereiten soll, ist es nicht realistisch zu sagen, der Computer habe im Klassenzimmer nichts verloren», meint Wampfler und sieht auch den «Lernen unterwegs» skeptisch. Die Idee widerspreche der aufkommenden Kritik an den Hausaufgaben: «Studien zeigen, dass Schülerinnen und Schüler mit einem guten Umfeld von Hausaufgaben profitieren. Die anderen haben dafür einen grossen Schaden. Es ist nicht demokratisch, Hausaufgaben zu erteilen.»

Pilotprojekte sind vorbei

Allerdings kritisiert auch Wampfler das Projekt in Hallau: «Mich erstaunt, dass der Kanton Schaffhausen so vorgeht. Die Zeit der Pilotprojekte ist abgelaufen.» Denn solche Initiativen hätten drei Probleme: «Erstens haben sie mehr Ressourcen als im realen Fall. Zweitens arbeiten sie mit affinen Lehrpersonen, die mitmachen wollen. Und drittens fallen die Vermittlungsprobleme bei weniger affinen Personen weg, die man bei einer flächendeckenden Einführung hätte.» Besser wäre es, gleich überall die Tablets einzuführen.

Zu oft werde das Was ins Zentrum gestellt und das Wie vergessen. Wampfler meint: «Auf der Projektseite von Hallau wird genau beschrieben, welche Geräte und Software man einsetzt. Aber nicht, was und wie man mit diesen Technologien arbeitet.» Es laufe auf den Grundsatz heraus: «Wenn man einen schlechten Prozess digitalisiert, bleibt es trotzdem ein schlechter Prozess.» Man müsse sich erst Gedanken zur Didaktik machen und erst dann digitalisieren. Er nennt das Beispiel von digitalisierten Lehrmitteln, die kaum mehr als einfache PDF-Dokumente seinen.

PH-Studenten idealisieren eigene Erfahrungen

Wie und vor allem wie stark die Digitalisierung in der Schule Einzug halten soll, ist umstritten. Es ist an den Lehrerinnen und Lehrern, wie sie den Unterricht gestalten. Doch sie würden kein echtes digitales Lernen ermöglichen, wenn ihnen das an Pädagogischen Hochschulen (PH) nicht verpflichtend vermittelt werde, ist Beat Rüedi überzeugt. Es wäre wünschenswert, wenn an der PH vermehrt Anreize für digitales Lernen mitgegeben würden, sagt auch Wampfler. Der Lehrplan 21 werde aber Bewegung in dieses Thema bringen. Weiterbildungen für Lehrer im Bereich Informatik und Medienkompetenz seien stets ausgebucht.

«Die Studentinnen und Studenten idealisieren die Schule, die sie selber erlebt haben.»

Philippe Wampfler, Fachdidaktik-Dozent

Dass sich mit den heutigen Studentinnen und Studenten der PH die Frage der Digitalisierung löse, sei ein Trugschluss. Denn auch wenn die Studierenden bereits mit digitalen Kommunikationsmitteln aufgewachsen seien, bedeute das noch lange nicht, dass der Wandel schneller und einfacher vonstatten gehe. Davon sind Rüedi und Wampfler überzeugt. «Die Studentinnen und Studenten idealisieren die Schule, die sie selber erlebt haben», sagt Wampfler. «Sie werden Lehrer, weil sie gerne in die Schule gegangen sind, aber das war keine digitale Schule.»

Das Ende des Klassenzimmers?

Die Digitalisierung führt zwangsläufig auch zur existenziellen Frage: Braucht es die Schule als Ort künftig noch? Ja, finden sowohl Rüedi als auch Wampfler. «Die Schule soll ein Begegnungsort sein, wo soziale Kompetenzen vermittelt werden», sagt Rüedi. Ausserdem sei Lernen ein interaktiver Prozess, ein Geben und Nehmen. Wampfler denkt, dass das traditionelle Klassenzimmer wohl keine Zukunft mehr hat. Die Schule als Ort bräuchte es aber weiter: «Es ist ein Schonraum. Für Schüler, die zuhause ein schlechtes Umfeld haben, ist die Schule eine sichere Umgebung, in der sie auch Fehler machen dürfen. Das ist eine Grundfunktion.» Die Volksschule habe den Anspruch, Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Schichten zusammenzubringen. Diese räumliche Funktion könne man nicht digitalisieren.

«Tablets im Unterricht einzusetzen, ist wirklich nicht mehr revolutionär.»

Philippe Wampfler, Kantonsschullehrer

Die fundamentalen Einschnitte, welche die Digitalisierung auch im Klassenzimmer vollzieht, lassen sich kaum aufhalten. Und die Debatte, wie man damit umgeht, wird weitergehen. Entscheidend sei, dass man sich genau überlegt, welche Kompetenzen man für das 21. Jahrhundert vermitteln will. Sollen Schülerinnen und Schüler etwas von Informatik und Robotik verstehen und Programmieren können? «Irgendwann muss man die Diskussion führen, worauf man verzichten soll», sagt Wampfler. Man könne nicht den bisherigen Stoff unterrichten und noch mehr aufladen. «Tablets im Unterricht einzusetzen, ist wirklich nicht mehr revolutionär.» Wenn die Lehrer etwas mit digitalen Medien machen wolle, solle man das auch können, sagt Wampfler. «Das sollte in der Schweiz längst keine Verhandlungsfrage mehr sein.»

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