16'000 Quadratmeter Konkurrenz für Schaffhauser Einzelhändler: Das Cano

Autor
Ralph Denzel

Im November 2020 soll das «Cano», ein riesiges Einkaufszentrum in Singen, eröffnet werden. Im Fokus: Kunden aus der Schweiz. Der Einzelhandel in Schaffhausen könnte mehr unter Druck geraten.

Noch ist das geplante Einkaufszentrum «Cano» eine Baustelle. Bild: Ralph Denzel

Die Singener Innenstadt ist derzeit vor allem eines: Laut. Das liegt vor allem an der Grossbaustelle des «Cano», ein 16‘000 Quadratmeter grosses Einkaufszentrum, welches im Herbst 2020 eröffnet werden soll.

Mehrere meterhohe Kräne ragen in die Luft, der Lärm der Presslufthämmer donnert von der Baustelle, immer wieder fahren Bagger und Kipplaster an einem vorbei.

Das Gebiet, in dem so fleissig gearbeitet wird, reicht fast bis zum Karstadt, lange Zeit Platzhirsch in der Innenstadt. Jetzt müssen sich die Besucher durch einen teils engen Korridor zwischen dem in den 70er Jahren gebauten Kaufhaus und der baldigen Konkurrenz direkt vor der Haustür quetschen.

Ein Maroniverkäufer steht einsam vor einem Bauzaun, wo die Strasse wieder etwas breiter wird, doch den Geruch seiner Ware sucht man dort vergeblich. Stattdessen riecht es nach frischer Erde, Staub und Abgasen, die von der Grossbaustelle her wehen.

Das Cano soll ein «Leuchtturm» in der Region werden. Das bedeutet, dass es Kundschaft auch von weit weg nach Singen ziehen soll. Ein wichtiger Einflussfaktor dabei natürlich: Schweizer. Das macht das geplante Center zu einer weiteren Hürde für den Einzelhandel in der Region, die ohnehin mit der deutschen Konkurrenz zu kämpfen hat.

Schweizer Kunden im Fokus

So ist, bereits ein Jahr vor Baueende, klar: Der Trend hin zum Einkaufstourismus könnte durch das Cano noch weiter verstärkt werden. Christoph Schärrer von der Wirtschaftsförderung Schaffhausen sagt diesbezüglich: «Das ist eine zusätzliche Konkurrenz, die dem Detailhandel bei uns das Leben schwer machen kann.»

Wie schwer, sagt die Stadt Singen selbst: So sagt Oliver Rahn, Wirtschaftsförderer der Stadt am Hegau: «Das Einzugsgebiet wurde in der Auswirkungsanalyse von BBE Handelsberatung, Köln, mit 368‘700 Einwohnern beziffert.» Das Gebiet umfasse «Teile der Kantone Schaffhausen, Thurgau und Zürch», also «insbesondere die Schweizer Gebiete, die von der Fahrzeit her gut von Singen erreichbar sind.»

Lukas Nemela, Mediensprecher beim Cano, grenzt das Einzugsgebiet etwas genauer ein: «Es reicht bis Tuttlingen im Norden und bis an das Westufer des Bodensees im Osten, im Süden bis in die Schweiz Richtung Schaffhausen und im Westen bis an den Schwarzwald.»

Dabei sollen nicht nur die Schweizer aus der Nähe angezogen werden. Oliver Rahn geht demnach davon aus, dass «innerhalb von einem Fahrzeitradius von einer Stunde nach Singen zwei Millionen Menschen erreicht» werden können.

Konstanzer Verhältnisse?

Wie sehr so ein Leuchtturm vor allem auch Schweizer anziehen kann, merkt man speziell auch in einer anderen deutschen Stadt: Konstanz. Mandy Krüger von der Pressestelle der Stadt erklärte auf Anfrage: «Im Einzelhandel schätzen wir den Anteil von Schweizer Kunden auf ca. 30 bis 35 Prozent.»

Die 84'000-Einwohner-Stadt hat neben einer attraktiven Altstadt ebenfalls einen «Leuchtturm»: Das Lago-Center, direkt am Hafen und in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof gelegen.

Wer am Wochenende dorthin will, braucht viel Geduld: Stossstange an Stossstange stehen die Autos an – es geht oft weder vor noch zurück. Einheimische meiden die Innenstadt an solchen Tagen, in der Facbook-Gruppe «Du bist aus Konstanz, wenn…» wird regelmässig über die eidgenössischen Nachbarn hergezogen. Der Verkehrskollaps, anders kann man den Zustand an einem Samstag in Konstanz nicht bezeichnen, reicht dann meistens von der Einfahrt in das Parkhaus des Lago-Centers bis zu den Grenzübergängen nach Kreuzlingen.

Die Einkäufer kommen aus dem Thurgau, dem Aargau, St. Gallen und auch viele aus Schaffhausen. Kein Wunder, hat Konstanz laut Mandy Krüger doch ein Einzugsgebiet von 200 Kilometern. Dazu zählen allerdings natürlich auch die Übernachtungsgäste und die Touristen, von denen Konstanz jährlich knapp sechs Millionen hat.

Wird Schaffhausen das nächste Kreuzlingen?

Was so ein Leuchtturm für die Einzelhändler bedeuten kann, spürte lange Zeit auch die Stadt Kreuzlingen, welche direkt an Konstanz angrenzt. Dort litten die Detailhändler lange Zeit massiv unter der Nähe nach Deutschland und, wie Werner Meister, Präsident vom Kreuzlinger Gewerbe, gegenüber dem SRF-Radio sagte: auch unter dem Lago.

Der schwankende Franken machte die Sache nochmal schwieriger für die Thurgauer und trieb folglich auch mehr Einkaufstouristen in die deutsche Stadt am Bodensee und weg vom einheimischen Gewerbe.

«Ein grosser Preisunterschied aufgrund unvorteilhafter Kursverhältnisse und grosse Unterschiede bei den Mehrwertsteuersätzen haben einen grösseren Einfluss auf das Konsumverhalten», sagt Urban Ruckstuhl, zuständig für Detailhandel im Verein Gewerbe Kreuzlingen. Ganz so düster, wie es schon war, sei die Situation für die Detaillisten in Kreuzlingen nicht mehr. «Der Euro ist auf tiefem Niveau stabil und damit für die Detailhändler planbar.» Trotzdem ziehen natürlich auch heute noch die Preise ennet der Grenze die Kundschaft an.

Kaufkraft von Aussen

Die Schweizer und der starke Franken sind ein Faktor an der Grenze, die den Umsatz von Einkaufszentren massiv beeinflussen können. So ist auch für den Grünen Singener Gemeinderat Eberhardt Röhm klar, dass beim Cano viel über die Schweizer laufen soll - vor allem, da laut ihm ein Einkaufszentrum in der Grössenordnung auch eine Art Experiment sei. «Damit das funktioniert, muss die Kaufkraft verstärkt von Aussen und vor allem aus der Schweiz kommen.»

Laut Oliver Rahn machen Schweizer Kunden aktuell in Singen 15 Prozent des Umsatzes aus. «Diese Zahl ist im Vergleich zu anderen deutschen Städten im Grenzgebiet zur Schweiz moderat und kann sich erhöhen, wenn die Attraktivität des Angebots höher ist.»

Mit den Worten von Christoph Schärrer: «Wenn jemand aus Schaffhausen in ein Einkaufszentrum will, wird es für ihn zukünftig noch attraktiver im Ausland einzukaufen.»

Zwischen Unkenntnis und Sorglosigkeit

Alles in allem könnte man meinen, dass der Handel in Schaffhausen beunruhigt sein müsste wegen der neu entstehenden Konkurrenz in Singen – dem ist aber nicht so. Ernst Gründler, Präsident von «Pro City» Schaffhausen, erklärte auf Anfrage, dass er noch nie vom dem Cano gehört hätte. Migros-Nordost-Mediensprecher Andreas Bührer, ebenfalls zuständig für den Herblinger Markt, erklärte, dass man um die Konkurrenz zwar wisse, aber sich keine wirklichen Sorgen deswegen mache. Der Markt, der derzeit umgebaut wird und fast gleichzeitig wie das Cano fertig werden soll, sei für die Zukunft gut aufgestellt. Der Umbau, versichert Bührer, sei dabei keine Reaktion auf das Cano gewesen, sondern «schon lange ein Teil unserer Strategie» gewesen.

Auch Christoph Schärrer zeichnet kein zu schwarzes Bild: «Wir sehen die Konkurrenz, aber wir sehen sie auch als Chance.» So habe vor allem Schaffhausen mit seiner Altstadt und seinem «Gesamtangebot» an Beizen und Einkaufsmöglichkeiten einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem Einkaufszentrum, welches eher «anonym» ist. «Wenn man mehr wert auf Qualität, Nachhaltigkeit und persönlichen Service legt, geht man auch eher bei Detaillisten einkaufen.» Es würde in Schaffhausen vor allem an den Geschäften selbst liegen, sich auf ihre Stärke zu besinnen, um in dem schwierigen Umfeld, welches an der Grenze herrscht, bestehen zu können.

Zudem würde der Trend laut Schärrer sowieso genau in Richtung Nachhaltigkeit und weg von Konsumtempeln wie dem Cano oder dem Lago gehen. Das stärke die Innenstädte wie in Schaffhausen. «Setzt sich dieser Trend fort, hat irgendwann eher das Cano ein Problem als unsere Detaillisten», sagt Schärrer optimistisch.

Der Leuchtturm in Singen wird kommen – wen er letztlich anziehen und was für Folgen das haben wird, wird wohl die Zukunft zeigen.

Im November nächsten Jahres soll es soweit sein.

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