26 Zahnärzte im Jestetter Zipfel: Das Geschäft mit den Zähnen

Autor
Ralph Denzel

Hauptkunden bei Zahnärzten sind in der Grenzregion und in der Schweiz die gleichen: Schweizer. Verbände kritisieren aber: Ein fairer Wettbewerb sei nicht möglich.

Während in Jestetten die Zahnarztpraxen immer voller werden, fehlen Schweizer Zahnärzten oft Patienten. Bild: Pixabay

Wer vor ungefähr 20 Jahren durch Jestetten fuhr, sah als erstes ein Striplokal, gefolgt von einem Sexshop in der Ortsmitte und wurde mit einem weiteren Etablissement aus dem horizontalen Gewerbe aus der Gemeinde verabschiedet. Mittlerweile gibt es nur noch einen dieser Läden, dennoch konnten sie sich davor viele Jahre halten - auch weil viele Gäste aus der Schweiz kamen. Der Ort ennet der Grenze passte sich immer schon den Bedürfnissen seiner Schweizer Nachbarn an. Als das Interesse an Erotik nachliess, siedelten sich immer mehr Einkaufsläden an, ebenso wie Zahnärzte.

Während die Gemeinde seit Längerem mit dem Problem kämpft, dass es zu wenige Ärzte im Ort gibt, stehen im Jestetter Zipfel den 7000 Einwohnern insgesamt 26 Zahnärzte zur Auswahl. Zum Vergleich: Im gesamten Kanton Schaffhausen gibt es gerade mal 32. Graben sich die Ärzte nicht gegenseitig das Wasser ab? Man könnte es meinen, aber trotz der Dichte kann es vorkommen, dass man für eine normale Behandlung bis zu sechs Monate auf einen Termin warten muss.

Grenznahe Zahnärzte generieren einen Grossteil ihrer Einnahmen mit Schweizer Kunden, werben auf der Schweizer Seite - auch in Schaffhausen - für ihre Dienste. Für die Bevölkerung im Ort ist das nicht immer vorteilhaft – und auch nicht für die Schweizer Zahnärzte.

Warum Schweizer bei Zahnärzten beliebt sind

Schweizer sind gern gesehene Patienten. Das liegt vor allem am Versicherungsstatus. In Deutschland gelten Schweizer als Privatpatienten. Das heisst: Ein Zahnarzt kann theoretisch den 2.3-fachen Satz für seine Behandlung verrechnen – er muss dafür nur eine Begründung finden. Dies ist allerdings nicht sonderlich schwierig, denn die Kassen können meistens nicht nachkontrollieren, ob die jeweilige Diagnose stimmt. Eine Zahnarzthelferin aus Jestetten, die anonym bleiben möchte, erklärt dazu: «Privatversicherte Patienten werden in Praxen lieber genommen.» Trotzdem stellt sie auch klar: Vor Ort würde man keinen Unterschied machen zwischen privat und gesetzlich Versicherten.

Das wäre auch kaum möglich, denn die meisten Patienten in den deutschen Zahnarztpraxen sind per se privat versichert – weil knapp 90 Prozent aus der Schweiz kommen. Agnes Reinbold, Zahnärztin aus Jestetten, sagt dazu: «Ich habe ungefähr 80 Prozent Schweizer Patienten – andere Kollegen haben teilweise mehr.» Die gebürtige Ungarin hat seit 2004 in Jestetten eine Praxis und hat mitbekommen, wie sich die Nachfrage dort gewandelt hat. «Damals gab es ungefähr vier Zahnärzte im Ort.»

Andere Praxen haben eine ähnliche Auslastung durch Schweizer Patienten: Zwischen 70 und 90 Prozent seien aus der Eidgenossenschaft, teilweise kämen sie sogar aus Zürich und von noch weiter her für eine Behandlung.

Grund für den Medizintourismus nach Deutschland sind dabei die Preise, die in Deutschland deutlich niedriger sind als in der Schweiz. Rainer Feddern, Präsident der Schweizerischen Zahnarztgesellschaft Schaffhausen, sagt dazu: «Bei vielen Produkten und Dienstleistungen bestehen zwischen Deutschland und der Schweiz erhebliche Preisunterschiede.» Das gehe schon beim Gehalt einer Zahnarzthelferin los: Während diese in der Schweiz knapp 4000 Franken als Einstiegsgehalt erhalte, würde die gleiche Kraft in Jestetten knapp 1900 Euro verdienen – also knapp 2100 Franken.

Aber nicht nur hier können die Zahnärzte ennet der Grenze einsparen: Laut Rainer Feddern profitieren diese auch von im Einkauf günstigerem Equipment.

«Ein fairer Wettbewerb ist dies nicht»

Das führt zu massiven Preisunterschieden: So kann eine Krone in der Schweiz knapp 2000 Franken, in Deutschland hingegen 1100 Franken kosten. Bei einer professionellen Zahnreinigung kommt man bei einer deutschen Zahnarztpraxis ungefähr 50 Franken günstiger weg. Die Beispiele liessen sich beliebig fortsetzen. «Ein Zahnarzt in der deutschen Nachbarschaft kann seine Dienstleistungen günstiger anbieten und erwirtschaftet immer noch einen angemessenen Ertrag. Ein fairer Wettbewerb ist dies jedoch nicht», resümiert Rainer Feddern. Die Folge: «Unsere Agenden sind im Gegensatz zu früheren Jahren nicht mehr auf Wochen hin ausgebucht.»

Anders sieht es in Jestetten aus. Will man dort für eine Routinebehandlung zu einem spezifischen Zahnarzt, kann es durchaus vorkommen, dass man mehrere Monate warten muss. Mancherorts kann es laut den Ärzten vor Ort auch schneller gehen: «Wenn man kein Schmerzpatient ist - diese nehmen wir sofort dran - bekommt man für eine Routinebehandlung in ungefähr sechs Wochen einen Termin», sagt Oliver Hamm, Zahnarzt in Jestetten. Auch bei der Praxis von Lukas Kleinert am Anfang des Dorfes muss man bei Routineeingriffen sechs Wochen auf einen Termin warten, wie dieser auf Anfrage erklärt.

Spricht man mit Einheimischen, wird allerdings schnell klar, dass diese Zeiten durchaus utopisch sein können. Die Terminbücher vieler Praxen seien voll, sodass für eine Füllung durchaus auch mal zwei bis drei Monate ins Land gehen könnten, ehe man den Zahn behandelt bekomme. Schmerzpatienten hätten hingegen laut allen angefragten Zahnärzten immer Vorrang und würden sofort einen Termin bekommen.

Probleme mit der Rechnung

Privatversicherte Patienten bringen aber nicht nur Geld, sondern auch Probleme für die Zahnärzte. Die Schweizer Patienten bekommen die Rechnungen für die Behandlungen zugeschickt und müssen diese dann begleichen. Das funktioniert aber nicht immer einwandfrei. Agnes Reinbold kann davon ein Lied singen. «Wir sind bei Patienten mittlerweile dazu übergegangen, Ausweise zu kontrollieren, damit wir die richtige Adresse haben», so die Zahnärztin. Der Grund: Vor allem aus der Schweiz hatte sich irgendwann ein Haufen von Rechnungen im Wert von sage und schreibe 500‘000 Euro angesammelt. Auf einigen blieb die Ärztin sitzen. Mittlerweile beschäftige sie, wie die meisten Zahnärzte, ein Abrechnungsbüro, welches sich um solche Angelegenheiten kümmert.

Währenddessen müssen die Zahnärzte auf der Schweizer Seite sich mit den schwindenden Patientenzahlen arrangieren. Auch der Verband hat keine verbindliche Lösung, wie man diesen Negativtrend stoppen kann. «Voraussetzung hierfür wäre, die erwähnten Wettbewerbsverzerrungen aufzuheben. Für uns als kleiner Verband sehe ich keine Möglichkeiten, mit einem solch hochgesteckten Ziel aktiv zu werden», so Rainer Feddern. «Wir können nur hoffen, dass der Wechselkurs zum Euro nicht wieder auf 1:1 fällt. Dies ist das eigentliche Problem. Die äusserst wettbewerbsfähige deutsche Wirtschaft profitiert sehr von einem eher schwachen Euro.»

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