Wie die Region Schaffhausen Johann Wolfgang von Goethe beeindruckte

Autor
Ralph Denzel

Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe besuchte mehrmals die Region Schaffhausen - und war von dieser so beeindruckt, dass sie sogar in seinem Werk «Faust» vorkommt.

Der Rheinfall faszinierte Goethe. Bild: Wikimedia/Edith Fritischi - Montage: RD

Es ist der 17. September 1797.

Clemens Müller, der Wirt des Gasthauses «Adler» in Thayngen, staunt nicht schlecht, als er sieht, wer dort aus der Kutsche aussteigt, die gerade vor seinem Haus gehalten hat – auch wenn diese nicht unbedingt aussieht wie auf den berühmten Gemälden von ihm. Damals ist er schlank, mit scharfen Augen und einer imposanten Gestalt – zu diesem Zeitpunkt, da er in Thayngen in die Stube des «Adlers» tritt, wird er von Zeitgenossen als «dicklich» und gedrungen bezeichnet.

Das ändert aber nichts an der Tatsache: Der Mann ist einer der grössten Dichter der Weltgeschichte. Sein Name: Johann Wolfgang von Goethe. Sein Besuch in dem Gasthof wird bis heute nachklingen, denn danach wird die Renommier-Stube im oberen Stock, in die Clemens Müller den Dichter und seinen Kammerdiener führt, nur noch als «Goethe-Zimmer» bekannt sein.

Goethe um 1800. Bild: Wikimedia

Wie der Dichterfürst, Geheimrat und Minister, sich gegenüber dem sichtlich beeindruckten Wirt verhielt, ist nicht geklärt. Sicher ist jedoch: Der Wein scheint ihm gemundet zu haben und findet auch Erwähnung in seinem Reisetagebuch dieser Zeit. So schreibt Goethe: «Thayngen, der erste schweizerische Ort, guter Wein.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Goethe die Region Schaffhausen besucht hat – aber nie zuvor waren seine Erlebnisse so eindrücklich geschildert, wie bei dieser Reise im Jahr 1797. Wir nehmen Sie mit, in die Zeit des Dichterfürsten und zeigen Ihnen, was Goethe über die Region und über Schaffhausen zu sagen hatte – und wie diese Einfluss nahm auf eines seiner grössten Werke: Faust.

Die Welt um 1797

Goethe kommt aus einem Land, das nichts mit dem Deutschland zu tun hat, wie wir es heute kennen. Es ist ein Fleckenteppich kleinerer und grösserer Fürstentümer, Herzogtümer und Königreiche. Das Heilige römische Reich deutscher Nation ist nur in der Kultur und der Sprache, nicht aber in der Staatlichkeit geeint.

Europa ist im Umbruch. Auf französischem Boden ist eine Republik entstanden, diese ist aber ertränkt worden im Blut von abertausenden Menschen, die durch die Guillotine hingerichtet worden sind. Die hehren Ziele, Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, sind längst nur noch leere Worthülsen. Goethe wird die Revolution irgendwann als «das schrecklichste aller Ereignisse» bezeichnen und sich auch in vielen Werken darüber auslassen.

Der späte Goethe - Bild um 1828. Bild: Wikimedia

Die Schweiz, wie wir sie heute kennen, existiert damals noch nicht. Das Land ist ebenso ein loser Zusammenschluss mehrerer Kleinstaaten. Zürich ist damals ein Magnet für die Intelligenz und wird von vielen auch als «Athen an der Limmat» bezeichnet. Kein Wunder, dass auch Goethe diesen Ort mehrmals besucht.

«Stierer Blick» der Zürcher

Zuvor ist er jedoch in Schaffhausen, einem kleinen Stadtstaat an der Grenze zu Vorderösterreich – damals gehört ein Grossteil von Baden-Württemberg zu Österreich. In der Munotstadt kommt er am Abend des 17. Septembers 1797 an und notiert in seinem Tagebuch, dass er «im Gasthof zur Krone» ein «gutes Zimmer» gefunden habe. Er und sein Kammerdiener Johann Ludwig Geist werden nicht sehr lange in der Stadt bleiben. Ihr Ziel ist Zürich – und das, obwohl Goethes Meinung von dem Limmatstädtern nicht unbedingt hoch ist. So schreibt er in seinem Tagebuch, er bemerke «einen gewissen stieren Blick der Schweizer» besonders bei «Zürchern».

Heute ist das Gasthaus eine Bank. Bild: RD

Die Stadt bietet wenig für ihn, mehr interessiert das Naturschauspiel direkt vor unserer Haustür: Der Rheinfall. Goethe ist fasziniert von der Natur, hat sie studiert und verarbeitet sie immer wieder in seinen Werken.

Trotzdem lässt sich der Dichterfürst es nicht nehmen, ein paar kleine Beobachtungen über die Stadt zu machen. So lobt er die «höchste Reinlichkeit», die er auf dem Weg in die Stadt sieht – und auch die Rebberge, die seinen Weg durch den Reiat nach Schaffhausen zeichnen, finden immer wieder positive Erwähnungen.

Aber auch die Erker, die schon damals das Stadtbild prägen, haben es dem Dichterfürsten angetan. So schreibt er in seinem Reisetagebuch: «Um 3 Uhr fuhr ich wieder nach dem Rheinfall. Mir fiel die Art wieder auf, an den Häusern Erker und Fensterchen zu haben.» Den Grund für diese Bauten vermutet der Dichterfürst, ist ein eher profaner. Er schreibt süffisant: «Sogar haben sie (die Schaffhauser - Anm. d. Red.) ein besonderes Geschick solche Guckcharten durch die Mauern zu bohren und sich eine Aussicht, die niemand erwartet, zu verschaffen.» Die Erker dienen um «unbemerkt zu sehen und zu beobachten» - sie sind also für den Dichterfürst nur eine Möglichkeit, zu spannen.

Aber Goethe macht nicht nur doppeldeutige Beobachtungen bei seinem Aufenthalt in Schaffhausen. So sagt er dass «die vielen Bänke an den Häusern» von einer «zutraulichen Art nachbarlichen Zusammenseins» zeugen.

Auch die Verzierungen und Namen der Häuser werden von Goethe bemerkt und er schreibt anerkennend: «viele Häuser haben bezeichnende Inschriften; auchwohl manche selbst ein Zeichen, ohne grade ein Wirtshaus zu sein.»

Bild: RD

Er fährt am Rheinufer entlang und macht sich, zum zweiten Mal bei seiner Reise, zum Rheinfall auf. Auf dem Weg beobachtet er Schaffhausen, das für ihn «wie eine Brücke zwischen Deutschland und der Schweiz» liegt. Das bringt ihn zu Spekulationen, wie die Stadt wohl entstanden sein könnte und er vermutet «sie (die Stadt – Anm. d. Red.) durch die Hemmung der Schifffahrt durch den Rheinfall in dieser Gegend entstanden sein.»

In seinem Tagebuch zieht er dann auch ein Fazit über die Munotstadt, welches man durchaus als positiv bezeichnen kann: «Ich habe in derselben (gemeint ist die Stadt Schaffhausen – Anm. d. Red.) nichts Schmachvolles und nichts Abgeschmacktes bemerkt, weder an Häusern, Gärten Menschen und Betragen.»

Aber die Stadt ist nicht der Ort, den er eigentlich besuchen will – was ihn wirklich interessiert ist der Rheinfall – dieser wird ihn so verzaubern, dass er sogar in seinem Epos «Faust – der Tragödie zweiter Teil» Einfluss finden wird.

Die «Gewalt des Sturzes»

Goethe ist am 18. September 1797 am Rheinfall. Seinem Freund, dem Dichter Friedrich Schiller, schreibt er: «Den 18. widmete ich ganz dem Rheinfall, fuhr früh nach Laufen und stieg von dort hinunter, um sogleich der ungeheuern Überraschung zu genießen.» In seinem Reisetagebuch vergeht sich Goethe in Beschreibungen und beeindruckten Schilderungen, die das Naturschauspiel in ihm auslöst. Vor allem als «die Sonne aufging». Diese «verherrlichte das Schauspiel» für den Dichter, als die Strahlen der Sonne einen «Theil des Regenbogens» zeichnen und ihn «das ganze Naturphänomen in seinem vollen Glanze» sehen lassen.

Der Rheinfall, nach einer Darstellung von Goethe. Bild: Goethe-Stiftung Weimarer Klassik

Über mehrere Seiten schreibt Goethe über das Naturschauspiel und die schiere Kraft der Wassermassen. «Das Meer gebiert ein Meer», schreibt er. «Wenn man sich die Quellen des Ozeans dichten wollte, so müsste man sie so darstellen.»

Die Begeisterung findet sich auch im Anfang von Goethes Faust II. – dort heisst es in Vers 4761 ff.:

Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau’ ich an mit wachsendem Entzücken.

Auch die Schaumkronen, die sich beim Sturz des Wassers in Rheinfallbecken bilden, verzücken den Dichterfürsten. Immer wieder geht er auf diese ein, beschreibt sie in aller Deutlichkeit – und lässt sie auch in Faust einfliessen.

Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend,
Dann abertausend Strömen sich ergießend,
Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.

Goethe betrachtet den Rhein aus jeder erdenklichen Perspektive, setzt sogar mit einem Boot über, um näher heran zu kommen. Ein gewagtes Unterfangen, auch wenn das der Dichter selbst nicht zugibt. So findet man aber im Tagebuch seines Kammerdieners folgenden Eintrag: «Wir konnten aber unsere Neugierde noch nicht genug befriedigen, sondern setzten uns noch in einen leichten Fischerkahn und ließen uns - welche Kühnheit! - auf dem einigermaßen ruhigen Wasserstreifen, der vermittelst der beiden Felsenmassen, welche in der Mitte des Strudels aufsteigen, ganz in die tobenden Wellen hineinfahren, bei welchem Unternehmen wir aber mehrmals von einer guten Portion Wasser benetzt und angefeuchtet wurden. Der Schiffer versicherte: Wenn das Wasser nur um einen Zoll noch stärker wäre, so hätte er, ohne sein und unser Leben zu riskieren, diese Fahrt nicht unternehmen können.»

Der Rheinfall um das Jahr 1800. Bild: Stadtarchiv Schaffhausen

Jahre bevor es geführte Fahrten zum Rhein gibt, ist dies ein gewagtes Unterfangen – aber es lohnt sich für den Dichter, kann er doch danach notieren: «Wenn die strömenden Stellen grün aussehen, so erscheint der nächste Gischt leise purpur gefärbt. Unten strömen die Wellen schäumend ab, schlagen hüben und drüben ans Ufer, die Bewegung verklingt weiter hinab, und das Wasser zeigt im Fortfließen seine grüne Farbe wieder.»

In seinem Faust wird aus diesen Eindrücken dann:

Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,
Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.


Schon damals wird die Kraft des Rheinfalls genutzt: So findet die Mühle am Rheinfall ebenfalls Erwähnung in Goethes Aufzeichnungen – wenn auch keine Positive: «Beschränkung durch Mühlen drüben, durch einen Vorbau hüben; ja es war möglich, die schönste Ansicht dieses herrlichen Natur-Phänomens wirklich zu verschließen.» Dies ist allerdings ein Motiv, welches im zweiten Teil immer wieder aufkommt: Die Suche und das Bemühen, die Natur zu kontrollieren und zu beherrschen.

Nach zwei Tagen Aufbruch nach Zürich

Mit den Eindrücken im Gepäck, fährt Goethe weiter. Am 19. September verlässt er um 6.30 Uhr Schaffhausen – über Jestetten fährt er nach Zürich.

1825 beginnt er mit der Arbeit an Faust – der Tragödie zweiter Teil. Die Veröffentlichung wird er nicht mehr erleben. Er stirbt am 22. März 1832 in Weimar. Der zweite Teil wird erst einige Monate später veröffentlich.

Der Rheinfall beeinflusste das Werk: Goethes Faust - der Tragödie zweiter Teil. Bild: Wikimedia

Auch in die Schweiz und nach Schaffhausen kehrt Goethe nie wieder zurück – auch wenn die Einflüsse eines seiner grössten Werke inspirierten.

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