Als ein Schaffhauser die Medizin revolutionierte

Autor
Ralph Denzel

Bis heute wirkt das Schaffen eines Mannes aus der Region in der Welt der Medizin nach: Rudolf Ulrich Krönlein. Wir blicken zurück auf einen ganz grossen Mediziner der Neuzeit.

Bis heute ist sein Name in Medizinerkreisen präsent: Rudolf Ulrich Krönlein. Bild: Wikimedia/Stadtarchiv-Montage RD

Irgendwo in Schaffhausen im Jahr 1884. Ein Familienvater geht nervös auf und ab. Im Nebenraum seines Stadthauses liegt auf einem Tisch sein Sohn. Der Junge, 17 Jahre alt, stöhnt und windet sich. Auf seiner Stirn stehen Schweissperlen. Seine Arme hat er schützend um seinen Bauch gelegt. Währenddessen wäscht sich ein bärtiger Mann mit strengem Blick an einem kleinen Bottich mit einer milchigen Flüssigkeit die Hände. Er ist hoch konzentriert.

Schaffhausen, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Bild: Stadtarchiv

In einem anderen Gefäss liegen seine Instrumente und sein Verbandsmaterial. Darin befindet sich eine Karbolsäurenmischung – bahnbrechend für diese Zeit, in der die Medizin erst langsam versteht, wie wichtig die Hygiene für ihre Arbeit ist. Er dreht sich zum jungen Mann. Plötzlich liegt Wärme in den Augen des bärtigen Mannes. Er lächelt sanft, legt die Hand auf die Schultern des Jungen und spricht ihm Mut zu.

Der Patient entspannt sich ein wenig, während der Chirurg vorsichtig die Arme seines Patienten vom entblössten Bauch des 17-Jährigen hebt. Der junge Mann wird betäubt und der Mann beginnt mit seiner Arbeit. Ein schneller Schnitt mit seinem scharfen Skalpell am Bauchraum, rechte Seite.

Dort entfernt er geschickt den perforierten Wurmfortsatz des jungen Mannes. Er ist geplatzt – im Bauchraum befindet sich Wundsekret und Eiter. Trotzdem operiert der Chirurg.

Der Blinddarm erfüllte in der Frühzeit einige Funktionen - heute nicht mehr. Bild: 3D-Paint

Es ist eine Premiere, diese Operation. Als der Mann fertig ist, ist er zuversichtlich. Der 17-Jährige wird sicher überleben – aber er irrt sich. Zwei Tage später erliegt er einer Bauchfellentzündung.

Das trifft den Chirurgen, damals einer der anerkanntesten Ärzte seiner Zeit. Ein Mann, der immer streng anatomisch vorgeht, Wagnisse eingeht, aber nie auf Kosten des Patienten. Wenn er nicht überzeugt ist, dass ein Erfolg möglich ist, nimmt er von Versuchen Abstand. Er will helfen, lernen – und die Medizin weiterbringen. Hier ist es ihm nicht gelungen.

Trotzdem war die Mühe nicht umsonst, denn die Operation an sich kann als Erfolg verbucht werden: Eine erfolgreiche Appendektomie, also die Entfernung des Blinddarms – durchgeführt von einem Arzt aus der Region, Rudolf Ulrich Krönlein.

Die Medizin im Wandel

Zu jeder Zeit werden Menschen gebraucht, die einen Schritt weiter gehen. Menschen, die alt eingesessene Rituale und Ideen überdenken und letztlich etwas wagen, was bisher noch nicht gemacht worden ist. Nirgends ist das so notwendig wie in der Medizin. So wurde bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch nach der Säftelehre gearbeitet. Die Grundannahme: Krankheiten jeder Art werden hervorgerufen durch ein Missverhältnis der vier Säfte, gelbe Galle, Schleim, Blut und schwarze Galle im Körper. Ziel musste es daher sein, diese wieder in Einklang zu bringen. So kam es zu Aderlassen, Schröpfen und dem Verabreichen von Brech- und Abführmitteln.

Antoine Pierre Demours Schröpfgerät (1819). Es ermöglichte Schröpfen und gleich­zeitigen Aderlass. Bild: Wikimedia

Spätestens aber mit der Entdeckung von Körperzellen im Jahre 1839 wurde diese Lehre immer mehr vernachlässigt – und auch eine andere Fachrichtung nahm immer mehr an Wichtigkeit zu: Die Chirurgie.

Rudolf Ulrich Krönlein – Pionier aus der Region

In dieses Feld stösst auch Rudolf Ulrich Krönlein. Er wird am 19. Februar 1847 in Stein am Rhein geboren. Sein Vater besitzt eine Gerberei und seine Mutter kommt aus einem edlen Haus. Krönlein ist eines von fünf Kindern. Er ist familiär, aber schon früh zeichnet sich auch ab, wie intelligent er ist und dass er wohl auch zu Höherem bestimmt ist. Er wechselt früh auf das Gymnasium nach Schaffhausen und ist Klassenbester. Krönlein ist eine Führungspersönlichkeit, mit einem klaren Kopf und einem messerscharfen Verstand. Ausserdem ist er zielstrebig und weiss, wo er hin will. Er will wissen, lernen – weiterbringen. Sein Weg führt ihn an die  Universität Zürich. Dort will er Medizin studieren. Im Sommersemester 1866 schreibt er sich an der Medizinischen Fakultät ein. Er erhält die Matrikelnummer 3044. Auch dort macht er schnell auf sich aufmerksam und übernimmt binnen eines Jahres eine Assistenzstelle in der Anatomie. Das Innere des Menschen, das Zusammenspiel der Organe in dem Körper – das fasziniert ihn und stillt seinen Wissensdurst.

Rudolf Ulrich Krönlein, ca. 1900. Bild: Stadtarchiv

In Zürich wütet damals die Cholera. Zwei Drittel aller Erkrankten erliegen später dieser tückischen Seuche, aber das schockt den jungen Mann nicht. Schon Wochen früher beginnt er mit Übungen für seine spätere Tätigkeit. Sein Leben lang ist er in dem was er tut aussergewöhnlich und hervorstechend – dies will er nun nicht einreissen lassen.

Nach dieser Zeit arbeitet er weiter unermüdlich an seiner Karriere – und lernt den Mann kennen, der seinen Weg mitbestimmen sollte: Professor Edmund Rose. Ihm widmet Krönlein seine Promotion 1872 mit dem Titel «Die offene Wundbehandlung nach Erfahrungen aus der chirurgischen Klinik in Zürich» «aus Dankbarkeit». Rose ist damals eine Koryphäe auf seinem Gebiet und Spezialist für Wundheilungsverfahren. Der junge Arzt Krönlein lernt viel bei dem Mann – aber noch mehr von den Ereignissen auf einem Schlachtfeld.

Arbeit im Lazarett

Es ist das Jahr 1870. Deutschland befindet sich mit den Franzosen im Krieg und muss viele Opfer beklagen. Makaber: Für junge Chirurgen kann dies eine sehr lehrreiche Erfahrung sein. Krönlein ist zu diesem Zeitpunkt Arzt, aber noch kein Doktor, aber das macht den Verwundeten nichts. Dank seines Mentors und der Hilfe des berühmten Mediziners Rudolf Virchow, kommt er in ein Barackenlager nach Berlin-Tempelhof als Chirurg.

Illustration mit der Legende «Vernichtung eines französischen Kürassier-Regiments in der Schlacht bei Wörth.» Bild: Wikimedia

Er hat viel zu tun. Die Verwundetenversorgung ist damals für die Verhältnisse der Zeit fortschrittlich. Es gibt mehre Lazarette und die meisten, die verletzt worden, werden per Zug gebracht – die Zahl geht letztlich in die Hundertausende. Krönlein arbeitet viel, sieht schreckliche Verwundungen – und schult seine Fähigkeiten mit dem Skalpell.

Die Zeit bis zum medizinischen Durchbruch

Er kehrt im Jahr 1872 zurück und setzt seine Karriere fort. In Zürich wird er Erster Assistenzarzt – bis er sich mit seinem Mentor überwirft. Daraufhin bewirbt er sich in Berlin, wo er eine Stelle beim hoch angesehen Geheimrat Bernhard von Langenbeck antritt. Dieser ist einer der bedeutendsten Chirurgen seiner Zeit – und lernt den jungen Schweizer schnell schätzen. Als sich Krönlein später um eine leitende Position an seinem alten Lehrkrankenhaus in Zürich bewirbt, schreibt von Langenbeck in einem Empfehlungsschreiben, dass er «nur mit Schmerz an die Möglichkeit denke, ihn (Krönlein) verlieren zu sollen».

Krönleins Mentor: Bernhard von Langenbeck. Bild: Wikimedia

Krönlein bekommt die Stelle.

Teilweise sind seine Entdeckungen bis heute noch präsent.

Der Schritt bringt ihn aber weiter. Er forscht, unermüdlich und will die Medizin weiterbringen. Kein Feld, welches ihn nicht interessiert und auf dem er nicht versucht, seine Erkenntnisse weiterzubringen. Er forscht, operiert – und erfindet. So bringt der Mann die Hirnchirurgie enorm weiter und entwickelt das Krönleinsche Kraniometer. Dies ist eine Vorrichtung, mit der ein Chirurg Hirnblutungen feststellen konnte. Teilweise sind seine Entdeckungen bis heute noch präsent: So spricht man bis heute vom Krönlein-Schuss: Dies liegt vor, wenn bei einem Schuss mit einem Gewehr das Gehirn in Gänze aus dem Schädel «geschossen» wird. Krönlein entdeckt das bei einem 32-jährigen Schweizer, der sich im Jahr 1895 in suizidaler Absicht einen Kopfschuss beigebracht hat. Das Gehirn fehlt bei dem Mann wegen der enormen Krafteinwirkung.

Welche schrecklichen Folgen der von Krönlein beschriebene Schuss auf einen Mensch haben kann, sieht die Welt einige Jahrzehnte später in Dallas: Am 22. November 1963 tötet Lee Harvey Oswald den US-Präsidenten John F. Kennedy bei einem Attentat - mit einem «Krönleinschuss».

Die erste Operation ihrer Art

Aber auch der Bauchraum ist ein Gebiet, auf dem Krönlein seine Expertise leben kann. So auch im Jahr 1884. Zuvor wird der Blinddarm nur in Teilen entfernt. Erste erfolgreiche Operationen dieser gibt es bereits 100 Jahre früher – aber Krönlein wäre nicht Krönlein, wenn er nicht einen Schritt weitergehen will. Er öffnet den Bauch des jungen Mannes und entfernt den gesamten Blinddarm. Dabei geht nach damaligem Massstab sehr modern vor. Krönlein ist ein Verfechter der antiseptischen Theorie, also der Annahme, dass Desinfektion ein Mittel zur Heilung ist. Was für uns selbstverständlich ist, ist zur damaligen Zeit im Entstehen. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt man, dass Infektionen oft von den zur Behandlung genutzten Gerätschaften kommen und man beginnt, diese steril zu halten.

Aber das bringt dem jungen Mann in Schaffhausen nichts. All das Wissen und das Können, das sich Krönlein über die die Jahre erarbeitet hat, kann ihn nicht retten. Der Blinddarm ist gerissen. Bakterien und Unrat haben sich in seinem Bauchraum angesammelt und führen zu einer Bauchfellentzündung bei dem 17-Jährigen. Diese kostet ihn letztlich das Leben.

Antibiotika gibt es damals nicht – was wohl die einzige Möglichkeit gewesen wäre, den Schaffhauser zu retten.

Krönleins Schuld ist der Tod des Mannes nicht, auch wenn es an ihm nagt – die OP ist trotzdem bahnbrechend und die Erkenntnisse die er gewinnt unschätzbar wertvoll für die Medizin.

Die letzten Jahre eines grossen Chirurgen

Der Arzt macht aber weiter. Er baut in seiner Klinik einen aseptischen OP-Saal, forscht und operiert.

Er lebt für seinen Beruf – geheiratet hat er nie. Von Freunden und Patienten wird er als gutherzig und zuvorkommend beschrieben, aber er lebt nur für seine Arbeit. Das fordert irgendwann Tribut.

Krönlein wird älter. Die geschickten Finger des Chirurgen werden langsamer und ungenauer. Als ein Mann, der mit nicht weniger als dem Besten zufrieden ist, erträgt er das nicht. Er zieht sich immer mehr zurück – und wird depressiv. Heute würde man es wohl als «Burnout» bezeichnen, was Krönlein erlebt, damals nennt man es Schwermut. Einige berufliche Rückschläge tragen dazu bei, dass es dem Mann immer schlechter geht. Es ist das Jahr 1909 – und Körnlein erkennt, dass er nicht mehr der Chirurg ist, der er sein will. Mitte 1910 bittet er den Regierungsrat, ihn aus all seinen Ämtern zu entlassen. Schweren Herzens folgt man seiner Bitte. Am 1. Oktober 1910 ist es soweit. Damals wissen auch seine Kollegen schon um seinen schlechten Zustand. In einem Brief, den die «Schaffhauser Nachrichten» an diesem Tag veröffentlichen, steht: 

Zu dem lebhaften Bedauern über den Gang der Ereignisse hat sich noch die bange Sorge um Ihre gestörte Gesundheit gesellt; wir wünschen Ihnen Herzlich, dass Sie wieder völlig gefunden mögen, und hoffen zuversichtlich, dass Ihr Wirken für Menschheit und Wissenschaft noch lange kein Ende gefunden hat.

Krönlein schläft nicht mehr gut, leidet zusehend an Atemnot und Herzschmerzen. Er leidet an Angina pectoris, einer Verengung der Herzgefässe. Er zieht sich noch mehr aus der Welt zurück. Der Mann, der immer einen Schritt weitergehen will, kann nicht mehr. Es ist der 26. Oktober 1910, als Krönlein stirbt. Selbst seine engsten Freunde will er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr um sich haben.

Die Todesnachricht von Rudolf Ulrich Krönlein in den «Schaffhauser Nachrichten» vom 27. Oktober 1910. Bild: Archiv SHN

Sein Tod ruft Bestürzung hervor: Weit über die Landesgrenzen hinaus, denn mit seinem Tod stirbt einer der verdientesten Chirurgen, die die damalige Welt gesehen hat.

Sein Ruf jedoch lebt bis heute weiter, nicht nur in der Gedenktafel, die bis heute an seinem Geburtshaus in Stein am Rhein prangert. Diese ist wie der grosse Medicus zu Lebzeiten war: Zielgerichtet, aussagekräftig und voller Wärme:

Prof. Dr. med. R. U. Krönlein, 1847 – 1910, hervorragender Lehrer und schöpferischer Förderer der chirurgischen Wissenschaften.

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