Jüdische Flüchtlinge in Schaffhausen während des Krieges

Autor
Ralph Denzel

Zum heutigen Holocaust-Gedenktag blicken wir zurück. Während des Dritten Reiches drängten Tausende Juden an die Schweizer Grenze - wenige kamen rüber. Wie war es in Schaffhausen?

Ein jüdischer Gedenkstern in Hildesheim. Bild: Pixabay.

Es klingt nach typischen Beamtendeutsch, doch die Folgen dieser Verordnung waren viel weitreichender.

Der Judenstern besteht aus einem handtellergroßen, schwarz ausgezogenen Sechsstern aus gelbem Stoff mit der schwarzen Aufschrift "Jude". Er ist sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks fest aufgenäht zu tragen.

Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden, 1. September 1941

Die Geschichte der Judenverfolgung ist auch eine Geschichte von Stigmata. So wie der gelbe Stern auf der linken Brust. Er kennzeichnete Millionen von Menschen als minderwertig – und war zugleich ein Todesurteil.

Bundesarchiv, Bild 183-B04490 / CC-BY-SA 3.0

Er bedeutete, dass der eigene Lebensweg vorbestimmt war und mit einem grausamen Tod enden sollte. Irgendwo in einer Gaskammer, penibel erfasst und mit der gleichen, perversen Gründlichkeit protokolliert wie die Produktion in einer Fabrik. Nur wurden in den Konzentrationslagern keine Maschinenteile oder Gleiches gefertigt, sondern Menschen auf bestialische Weise umgebracht. Kinder, Säuglinge, Mütter, Väter – sechs Millionen sollten es letztlich werden.

Später, auch auf Bestrebungen der Schweiz hin, war es das grosse «J» im Ausweis – ein Buchstabe, ein neues Stigma, das die Hoffnung auf Rettung und Leben für unzählige Menschen zunichte machte.

Die Schweiz – ein neutrales Land, eine Insel in der man frei leben konnte, weit ab vom grausamen Griff der Nazis. Dort war Leben, Sicherheit – aber auch eine Grenze, die es erst zu überwinden galt. Mit dem Stigma «J» war das ab 1938 fast unmöglich.

Deutsches Generalkonsulat in Zürich - Archiv für Zeitgeschichte,
ETH Zürich, http://www.afz.ethz.ch

Die Schicksale, die sich an den Grenzen abspielten, sind teils herzzerreisend, sowohl für die Grenzkorps, die ihre Befehle hatten, keinen Flüchtling illegal über die Grenze zu lassen, aber auch für die Geflüchteten selbst, die manchmal nur mit den Kleidern am Leib so nah am Ziel waren und doch wieder umkehren mussten.

Wir blicken zurück auf eine der dunkelsten Stunden der Menschheitsgeschichte, die auch an Schaffhausen nicht spurlos vorbeiging. Es war eine Zeit, in der die Welt sich für immer veränderte. Eine Zeit voller Tragödien – aber auch von Widerstand und Menschlichkeit gegen alle Widrigkeiten.

Schicksale an der Grenze

Der 7. August 1938 ist eine ungemütliche Nacht. Ein Sommerregen hat sich ausgebreitet und Schaffhausen von den sommerlichen Temperaturen abgekühlt. In einer Polizeistation klingelt ein Telefon. Am anderen Ende ein Grenzbeamter, der gerade seinen Dienst im Zollamt in Neu-Dörflingen macht. Es ist spät, zwanzig vor eins, als er dem müden Polizeibeamten am anderen Ende der Leitung mitteilt, dass er gerade Flüchtlinge aus Österreich aufgegriffen hat.

August 1938. Der Mann am anderen Ende kennt das Prozedere, das nun folgt.

Es ist mittlerweile fast allen klar, dass die Repressalien durch die Nazis in den besetzten Gebieten nur noch schlimmer werden. Für viele Personen ist damals auch klar: Entweder Ausreise, Flucht oder Deportation.

Die verzweifelten Menschen an der Grenze bieten dem Landjäger einen jämmerlichen Anblick. Sie sind ausgemergelt, erschöpft und bis auf die Haut durchnässt. Es sind Juden, die einen langen und beschwerlichen Weg aus Wien hinter sich haben. Sie haben kein Geld, nur die Kleider am Leib und ihren Pass. Noch fehlt darin das grosse «J».

Eine Nacht ruhig schlafen können

Erster Halt für fast alle jüdischen Flüchtlinge: Das Kantonsgefängnis. Bild: Ralph Denzel

Die Flüchtlinge landen alle erstmal im Kantonsgefängnis. Eigentlich ist die Regel, dass sie alle wieder ausgeschafft werden sollen, schliesslich haben die meistens die Grenze illegal übertreten. Auch das wissen die geflüchteten Juden, während sie in ihren Zellen sitzen. Aber es ist ihnen in diesem kurzen Moment der Ruhe egal. Die harte Pritsche ist wie ein Himmelbett für sie. Endlich, seit so langer Zeit, können sie mal wieder ohne Angst schlafen. Hier wird kein Mann der Gestapo hineinstürmen und sie wegbringen. Die Tür ist fest verschlossen – sie sind wenigstens für eine Nacht in Sicherheit.

Diese Einzelschicksale sind nur wenige von vielen Tausenden. Die «Schaffhauser Nachrichten» schreiben am 18. August 1938:

«Es ist festgestellt worden, dass in den vergangenen Monaten, namentlich in den letzten Wochen, über tausend aus Österreich kommende, fast ausschließlich jüdische Flüchtlinge, illegal in die Schweiz eingereist sind.»

«Zurückweisung aller»

Anfangs werden die Flüchtlinge «geduldet». Der 18. August markiert aber noch ein anderes Problem: Ab diesem Tag ist der illegale Grenzübertritt für jüdische Flüchtlinge untersagt. In den «Schaffhauser Nachrichten» ist dazu zu lesen:

«Sie (gemeint ist die Bundeskonferenz die sich mit diesem Problem befasst – Anm. d. Red.) hat davon Kenntnis genommen, dass die deutsche Regierung ihren Grenzorganen jede Mitwirkung beim unerlaubten Grenzübertritt von Flüchtlingen nach der Schweiz verboten hat. Die Konferenz hat einmütig der bestimmten Erwartung Ausdruck verliehen, dass von nun an die illegalen Einreisen aufhören werden. Sie ist der Meinung, dass einem trotzdem auch weiterhin erfolgenden Zustrom von Flüchtlingen durch Zurückweisung aller über die deutsche Grenze Einhalt geboten werden müsste.»

«Schaffhauser Nachrichten», 18. August 1938

Dahinter verbirgt sich nichts anderes als das Todesurteil für unzählige Juden. Der legale, aber auch der illegale, Grenzübertritt ist ab diesem Zeitpunkt de facto unmöglich geworden. Die Grenzsicherung wird auf beiden Seiten verstärkt. Keiner soll mehr rüber kommen. Selbst mit grosser Planung ist es fast nicht mehr möglich, in die rettende Schweiz zu kommen.

Der Fronwagplatz, ca. 1933. Viele Flüchtlinge sahen ihn nie.
Bild: Stadtarchiv Schaffhausen, Signatur: J 25/073

Es gilt: «Flüchtlinge aus Rassengründen sind keine politischen Flüchtlinge.»

Wenigen gelingt die Flucht

Ein Paar, dem es trotzdem gelingt, ist das Ehepaar Horowitz aus Wien. Zusammen mit ihren beiden Söhnen schaffen sie es mit der Hilfe eines deutschen Zollbeamten über die grüne Grenze bei Ramsen und in die sichere Schweiz.

Obowohl sie schon das Stigmata «J» im Pass haben.

Nachdem Deutschland Österreich «heim ins Reich» geholt hatte, war es zu einer grossen Fluchtwelle von Juden gekommen – zu dieser gehörte auch die Familie Horowitz. Das Problem: Österreicher waren in der Schweiz visumspflichtig. Als Reaktion auf die unzähligen Flüchtlinge wurden kurzerhand Österreicher, welche keine Einreisegenehmigung hatten, zurückgeführt. Sprich: Selbst wenn die Juden aus Österreich nicht das «J» in ihrem Pass haben – ihre Nationalität ist ein weiteres Stigma, dass sie daran hindert, in Sicherheit zu gelangen.

Auch in Schaffhausen gab es eine rechte Bewegung.
Bild: Stadtarchiv, Signatur: P 02/013

Aber die Familie Horowitz hat Glück.

In Schaffhausen angekommen sind sie zwar vorerst in Sicherheit, aber immer noch Aussenseiter. Auch sie können sich eine Nacht ausruhen – aber im Hinterkopf ist die Angst: Was, wenn wir wieder ausgeschafft werden?

Verbrennungsöfen in einem KZ - es war schon früh klar, was die Nazis mit den Juden vor hatten. Bild: Pixabay

Ablenkung von dieser schrecklichen Sorge gibt es für die vierköpfige-Familie nicht. Arbeiten ist ihnen verboten und immer wieder müssen sie sich strengen Kontrollen unterziehen. Die «Schaffhauser Nachrichten» von damals nennen diesen Status einen «vorübergehenden, erwerbslosen Aufenthalt.»

Vorrübergehend – zu dieser Zeit ist das ein schreckliches Wort für die Geflüchteten, denn noch kann keiner wissen, was noch passieren wird. Die meisten sind mittelos und auf die Wohltätigkeit anderer angewiesen – was also, wenn die Schweiz sie zurückschickt oder die Ausreise anordnet? Wo sollen sie dann hin?

Alle paar Monate müssen sie die sogenannte Toleranzbewilligung beantragen. Dieses Stück Papier bedeutet Sicherheit – zumindest kurzfristig.

Grossherzigkeit und Opferbereitschaft

Einer, der sich ihrem Schicksal annimmt, ist der Schaffhauser Albert Gideon. Er hat gute Beziehungen zum damaligen Stadtpräsidenten Walther Bringolf und setzt sich mit viel Opferbereitschaft für die ein, die oft mit nichts über die Grenze kommen. Sei es bei Bewilligungen, bei Unterkünften – er hat ein offenes Ohr für die Glaubensgenossen. Als Vorsitzender des «Verbandes Schweizerischer Israelischer Armenpflegen» ist es an ihm, die Geflüchteten aus dem Kantonsgefängnis auszulösen und sie anderweitig unterzubringen. Dafür stehen ihm vom Verband 80 000 Franken zur Verfügung. Dass er letztlich zwei Millionen Franken braucht - so viele Flüchtlinge werden noch über die Grenze kommen - kann damals noch keiner ahnen.

Die meisten Geflüchteten führen ein ruhiges, aber trostloses Leben, misstrauisch beäugt von vielen. Allerdings gab es auch viel Solidarität mit ihnen, abseits der kalten Politik. Es gibt Berichte, wonach immer wieder Schaffhauser auf den Buchberg zu einer Hütte gehen, in der zeitweise 80 Geflüchtete Unterschlupf finden. Im Gepäck haben sie Süssigkeiten und Kleidungsstücke, die sie den Mittelosen geben.

Auch in Kirchen ist das Problem der Flüchtlinge präsent. Alte Anzeigen aus dieser Zeit zeugen davon, wie immer wieder auf die «Judenfrage» eingegangen wird.

Solidarität hat auch in den «Schaffhauser Nachrichten» ihren Platz. Dort schreibt Prof. Dr. Werner Näf von der Flüchtlingshilfe am 9. November 1943:

«In unserm gnädig bewahrten Vaterlande, in unseren unversehrten Wohnstätten gedenken wir derer, die Heim und Heimat verloren haben, Ihrer gedenken, heißt ihnen helfen. Zu helfen, wo Mitmenschen in Not geraten sind, ist elementares menschliches Bedürfnis; es ist jahrhundertelang gepflegte schweizerische Tradition. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben ihre Hoffnung aus die Schweiz gesetzt; wir werden sie nicht enttäuschen. Die schweizerischen Flüchtlingshilfswerke brauchen immer neue, immer größere Mittel, um Tausende mit dem Nötigsten zu versehen. Das Schweizervolk wird nicht, zögern, sie freudig und reichlich zu spenden.»

Trotzdem bleibt die Angst ein ständiger Begleiter: Die Juden müssen immer wieder vorweisen, dass sie sich um Asyl in anderen Ländern beworben hatten, sonst drohen drakonische Strafen durch die Fremdenpolizei. Die schlimmste Strafe, die Abschiebung, ist ständig im Hinterkopf.

Als der Krieg ausbricht

Doch die Sorgen wachsen nochmal, als am 1. September 1939 der Krieg ausbricht. Die Generalmobilmachung in der Schweiz spüren auch die «Schaffhauser Nachrichten» und schreiben: «Infolge der Mobilmachung der schweizerischen Armee ist ein beträchtlicher Teil unseres Personals aller Abteilungen in den Aktivdienst eingerückt.» Dadurch könne es zu Verspätungen bei der Zustellung und weniger Artikeln kommen.

Bundesarchiv, Bild 183-H26353 / Borchert, Erich (Eric) / CC-BY-SA 3.0

Die Flüchtlinge treibt indes nur eine Frage um: Wie lange wird Hitler die Neutralität der Schweiz wahren? Was, wenn die Deutschen einmarschieren?

Dazu kommt es nicht, zum Glück für die Schweiz und für die Flüchtlinge. Aber der Krieg treibt noch mehr Flüchtlinge an die Grenze. Dort bekommen sie nicht nur diesseits, sondern auch auf der deutschen Seite Hilfe.

Hilfe von deutscher Seite

Altenburg, ein kleiner Ort direkt an der Schweizer Grenze, bietet sich damals geradezu an für eine Grenzflucht. Gelegen im Zollausschussgebiet war und ist die kleine Gemeinde, die zu Jestetten gehört, von drei Seiten von der Schweiz umgeben. Kein Wunder also, dass sich die Wirtschaft am Bahnhof zu einem regelrechten Zentrum für Juden, die vor den Nazis flohen, entwickelte.

Wilhelm Martin, in Altenburg noch heute vielen ein Begriff, bringt die meisten davon nachts über die Grenze in die Schweiz. Insgesamt sollen so knapp 20 Berliner Juden gerettet worden sein. Das muss der Altenburger Wirt jedoch teuer bezahlen: Ein Flüchtling wird von den deutschen Grenztruppen geschnappt und nach langem Verhör nennt er Martins Namen. Dieser wird zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Eine fast schon perverse Ironie der Geschichte: Martin rettete das Leben, dass er von den Flüchtenden Geld verlangt hatte. So war das Gericht überzeugt, dass er aus Habgier und nicht aus «politischen Gründen» gehandelt haben soll.

Integration und Kriegsende

Der Krieg tobt, die Angst bleibt. Einige der geflüchteten Juden in Schaffhausen dürfen sogar eine Arbeit aufnehmen. Für kurze Zeit gibt es für sie sowas wie Normalität und kein Stigmata. Es ist den unermüdlichen, vielerorts freiwilligen Helfern zu verdanken, dass die viele Juden in der Schweiz den Krieg überleben konnten.

Els Peyer-von Waldkirch bei der Versorgung von Flüchtlingen. Bild: Archiv

So auch Els Peyer-von Waldkirch. 1943 übernimmt die Frau aus gutem Hause die Leitung der Obdachlosenhilfe der Stadt. Der damalige Stadtpräsident Walther Bringolf übergibt ihr das Amt mit den Worten: «Es ist mir egal, wie Sie es tun, nur gut müssen Sie es machen.» Das macht sie. Binnen kürzester Zeit stampft sie eine Organisation mit 400 Helferinnen und Helfern aus dem Boden, die sich um die Flüchtlinge, aber auch um die Zivilbevölkerung kümmert.

Als der Krieg 1945 endet, wird es auch für die geflüchteten Juden leichter. Ausreisen sollen sie noch immer, auch wenn manche von ihnen mittlerweile eine Heimat in der Munotstadt gefunden haben. Die restriktiven Bestimmungen werden aufgehoben und sie können endlich wieder freier bestimmen, wie ihr Leben aussehen soll.

Frei von Stigmata.

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