Öffentliche Badis: Sehnsuchtsort oder chlorhaltige Qual?

Autor
Schaffhauser N…

Sonne, Spass und Abkühlung: All das bietet die Badi für Kinder und Erwachsene. Doch ist das Schwimmen im Becken ein grosses Vergnügen, oder sind See und Fluss doch deutlich überlegen?

Pro

Von Luc Müller, Redaktor Klettgau/Reiat

Mann, hat das geblutet. Ich habe mich auf die Abkühlung im Fluss gefreut – stattdessen war meine Laune im Eimer, noch bevor ich die ersten Schwimmzüge gemacht habe. Mit dem rechten Fuss stand ich in einem abgebrochenen Flaschenhals. Das Blut verfärbte das grünblaue Wasser der Aare in einen roten Fluss. Das Trauma ist geblieben, Schwimmen gehört aber weiterhin zu einem Hobby von mir. Nur steige ich seither mit Vorliebe in ein Hallenbad oder im Sommer in ein Becken in der Badi. Hier bin ich unter Kon­trolle: Wenn immer etwas passiert, ist der Bademeister vor Ort. Ein ­gutes und sicheres Gefühl.

Mit Schwimmen kann man sich gut fit halten und ist erst noch gelenkschonend unterwegs: In diesem Fall ist es wichtig, ungestört den Rhythmus zu haben und die Bahnen ohne Hindernis ziehen zu können. Im ­Becken unter der Halle oder unter freiem Himmel ist das perfekt. Wer zu eher sportlichen Zwecken schwimmt, kennt die Regeln und schaut, dass man sich nicht in die Quere kommt. Beim Flussschwimmen kann ich mein Pensum nur schlecht abspulen: Ich müsste unrealistischerweise immer von Ufer zu Ufer schwimmen und dabei noch gegen die Strömung ankämpfen. Das macht keinen Spass. Und sich einfach mit der Strömung mitziehen zu lassen ist zwar eine Freude, aber es strengt mich körperlich nicht an, und ich muss nachher barfuss am Ufer entlang wieder an meinen Ausgangspunkt zurücklaufen. Dazu habe ich nur in Bern beim legen­dären Aare-Schwimmen Bock.

Noch was gefällt mir am Besuch in der Badi oder im Hallenbad: Hier bin ich frisch geduscht, wenn ich wieder in meine Kleider steige und fühle mich wie neu geboren. Die ­Dusche danach gibt es zwar in Schaffhausen in der Rhybadi auch, aber wenn ich mich sonst am Fluss an einer freien Stelle nach dem Schwumm wieder ankleide, bleibt ohne Dusche ein unangenehmes Kratzen auf der Haut, und ich ziehe mir mit Dreck zwischen den Zehen wieder die Socken an. Unangenehm. Angenehm am Besuch im Hallen- oder Freibad ist der Rundumservice: Hab ich Lust darauf, kann ich mir auf der Sommerterrasse noch was zum Trinken und Essen gönnen. Das Angebot in den Badi-Restaurants hat sich gewandelt: Statt Pommes und Bratwurst werden jetzt auch leichte Sommermenüs serviert. Nur an einem Ort ist der Badespass nicht zu toppen: im Meer. Aber wenn ich mich in der Badi Schleitheim auf der Terrasse mit geschlossenen Augen sonne, fühle ich mich auch ein bisschen wie in Rimini.

Contra

Von Isabel Heusser, Redaktorin Stadt Schaffhausen

Freibäder und Hallenbäder waren mir schon als Kind zuwider. Als «Seemeitli» am Zürichsee aufgewachsen, habe ich nie verstanden, warum ich in einem Hallenbad – wir gingen auch im Sommer nicht in die Seebadi – schwimmen lernen musste. Allein das Prozedere, bis man endlich ins Wasser springen konnte: Vor dem Schwimm­unterricht mussten wir Schüler jeweils unsere Füsse unter eine Brause halten, die eine undefinierbare weisse Brühe von sich gab. «Damit ihr keinen Fusspilz einschleppt», liess uns der Bademeister wissen, während er danebenstand und uns kon­trollierte. Ich hatte als Sechsjährige keine Ahnung, was Fusspilz ist. Aber den Ekel über einen feuchtwarmen, glitschigen Hallenbadboden habe ich seither nie mehr abgelegt. Und dann das Wasser in den Becken, in unnatürlichem Blau schimmernd. Das Chlor brannte in den Augen und hinterliess einen unangenehmen Film auf der Haut. Damals wusste ich noch nichts von all den Keimen, die im Badiwasser herumschwimmen, beziehungsweise von der Chemie, die diesen Keimen den Garaus macht. Oder von den Mitmenschen, die ihre Blase praktischerweise im Wasserbecken entleeren, und damit meine ich nicht nur Kleinkinder. Heute weiss ich es – und das ist mit ein Grund, warum ich einen weiten Bogen um Freibäder mache.

Hingegen ist nichts schöner, als an einem heissen Sommertag zur Abkühlung in den See oder in den Fluss zu springen. Die Vorteile – wo soll ich anfangen? Wenn ich an den Rhein denke: Ich liebe es, mich im Fluss treiben zu lassen – inklusive Nervenkitzel, den Ausstieg rechtzeitig zu erwischen. Man kann länger als 25 Meter am Stück geradeaus schwimmen, ohne von einem Beckenrand gestoppt zu werden. Die Wassertemperatur wird vom Wetter bestimmt, nicht vom Bademeister. Die Umgebung ist nicht mit Beton zugepflastert. Und: Den Zugang zu Seen und Flüssen gibt’s oft gratis und abseits der Massen. Für Freibäder wird hingegen immer Eintritt fällig – um danach dicht gedrängt, Tuch an Tuch, Ölsardinen gleich auf der Wiese zu liegen. Im Hintergrund: eine Geräuschkulisse, bestehend aus kreischenden Teenagern und heulenden Kindern, die sich gegenseitig zu akustischen Höchstleistungen anstacheln. Nein danke. Da nehme ich die paar Entenflöhe und Wandermuscheln in See und Fluss liebend gern in Kauf. Ein bisschen abenteuerlich darf Schwimmen ja schon sein.

Auf einen Riesenwels, der aus der Tiefe aufsteigt und meinen Fuss anknabbert, warte ich immer noch.

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