Tätowierungen: Körperkunst oder Verunstaltung der Haut?

Autor
Schaffhauser N…

Die Temperaturen steigen, und man zeigt wieder mehr Haut und Körperschmuck. Heute lassen sich bereits Teenager Eidechsen, Herzli und Namen tätowieren. Ist das attraktiv? Zwei Autoren, zwei Meinungen.

Pro

Von Miriam Barner, Volontärin Region

Das Leben soll gelebt werden. ­Kosten Sie die schönen Frühlingsabende aus, bestellen Sie das Schokoküchlein zum Dessert, tragen Sie das teure Parfüm auf, und stechen Sie Ihre leere Leinwand auf der Haut. Der Körper ist nämlich dazu da, gebraucht zu werden. Auch für Tattoos. Die Nervosität vor dem Tätowieren ist riesig. Bin ich mir wirklich sicher, dass ich dieses Motiv nie bereuen werde? Ja, soeben war ich es noch. Doch passt es noch zu mir, wenn ich fünfzig Jahre alt bin und mit meinen zukünftigen Kindern in der Badi sitze? Wenn die Maschine zu rattern beginnt, wird Adrenalin in den Körper gepumpt. Das Glücksgefühl danach ist unglaublich! Ich habe sechs kleinere und drei grosse Tattoos und bereue keines davon. So manche Motivwahl kam bei Bekannten nicht gut an, doch das ist mir egal. Ich lasse mir ein Tattoo nicht stechen, damit es anderen gefällt, sondern entscheide mich für Motive, die zu mir passen. Mittlerweile habe ich mich so sehr an sie gewöhnt, dass sie mir gar nicht mehr auffallen, sondern einfach zu meinem Körper gehören. Das Alter spielt bei Tätowierungen übrigens keine Rolle, wie Schauspielerin Judi Dench bewiesen hat: Mit 81 Jahren liess sich die Britin ihr erstes Tattoo stechen. Ihre Tochter hatte ihr zum Geburtstag ein «Carpe diem» fürs Handgelenk geschenkt. Tattoos sind nur Körperschmuck, eine Verzierung, die ein Leben lang anhält. Etwas Ästhetisches, aber auch Oberflächliches, das eine kleine Freude im Leben bereitet. Eine Nebensache wie Mode oder Inneneinrichtung: Es ist schön, wenn man der Sammlung etwas Passendes hinzufügt, aber es ist kein Weltuntergang, wenn meiner Nachbarin mein neues Bücherregal nicht gefällt. Klar, eine Tätowierung begleitet einen länger als ein Bund frischer Schnittblumen, der nach einigen Tagen ausgetrocknet ist. Doch wir Optimisten nennen dies ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Tattoos sind ein individueller Ausdruck, der wie auch der Schmuck, den wir physisch tragen, eine Bedeutung hat oder auch nicht: Wer glaubt, ein Tattoo müsse eine tiefere Bedeutung haben, irrt sich. Jedoch steckt hinter jedem Tattoo eine kleine Geschichte. Das eine hab ich in Hamburg stechen lassen, ein anderes, kleines ist ohne Maschine – nur mit Nadel und Tinte – auf dem Festivalzeltplatz im Welschland entstanden. Diese Souvenirs haben einen grossen Vorteil: Sie können nicht verloren gehen. Und somit können die Erinnerungen den Kindern in der Badi bei einer Wasserglace weitererzählt werden.

Contra

Von Jasmin Stihl, Praktikantin Region

Was haben Tätowierungen mit der Ehe gemeinsam? Man bindet sich, und wenn man nicht mehr zufrieden ist, kann es teuer werden. Nicht nur das Geschäft mit Scheidungen boomt, sondern auch jenes mit Tattoo-Entfernungen. In verschiedenen Fernsehsendungen wird stundenlang über Fehlentscheidungen und missglückte Tattoos berichtet. In schmerzhaften Sitzungen lassen sich Patienten für viel Geld die Bemalung entfernen. Zurück bleibt eine Narbe. Denn ein Tattoo ist kein Designerpullover, der nach Belieben ausgezogen werden kann. Gestochenes ist für das Leben gedacht, verblasst und verschwimmt. Das Hirschgeweih oberhalb des Steissbeins, das vor zehn Jahren Mode war, ist heute einfach nur noch peinlich. Der Name des Expartners am Unterarm bereitet auch keine Freude mehr. Bei Letzterem rede ich von Erfahrung: Mein Grossvater hatte auf seinem Oberarm ein riesiges Porträtfoto seiner Exfreundin tätowiert. Seine Frau – meine Grossmutter – musste jeden Tag mit ihr einschlafen. Als Kind hat mich das abgeschreckt.

Oft hat auch das naive 18-jährige Ich nicht an die Zukunft gedacht. Denn der Totenkopf am Oberschenkel ist für einen als Erwachsene gar nicht mehr so cool, seit die Tochter davor Angst hat. Und wegen der bunten Sterne am Nacken wird man bei der neuen Arbeitsstelle nicht ernst genommen. Das Erscheinungsbild wird automatisch auf die Körper­bemalung reduziert.

Zugegeben: Manche Motive sind richtig schön und passend. Doch ­jedes Mal habe ich ein Gefühl der Erleichterung, dass es nicht auf meiner Haut prangt und ich mich nicht zu den immer gleichen Verhörfragen rechtfertigen muss. Klar, man sollte tun, worauf man Lust hat. Aber Tattoos sind vor allem ein Ausdruck der Selbstinszenierung. Während die Körperbemalungen bei den Maoris eine Bedeutung hatten und zur Überlieferung von Botschaften dienten, haben sie in der heutigen Gesellschaft keinen tieferen Sinn mehr. Sie gehören einfach dazu. Besonders junge Menschen wollen oft Veränderung, sich neu erfinden oder rebellieren. Die Nadel unter der Haut vermittelt ihnen ein Gefühl der Selbstbestimmung oder Einzigartigkeit. Aber man ist nach dem Stechen nicht wirklich frei oder ein Individualist. Der Mensch sollte nicht durch Körperschmuck definiert werden. Es sind unsere Taten, die uns ausmachen, und die Geschichten, die wir erleben. Nicht die Zeichnungen, die unsere gesunde Haut verdecken. Denn diese sind nur eines: oberflächlich.

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