Vermisstenanzeige: Autofähnchen, wo bist du nur hin?

Autor
Tobias Erlemann

In unserer heutigen «Einwurf»-Kolumne fragt sich unser Sportredaktor Tobias Erlemann: Wieso macht kaum jemand noch Autofahnen an seinen Wagen - und was man dagegen tun kann.

Autofähnchen, wo bist du? Bild: Key

Das Knattern im Winde bei 80 Stundenkilometern auf der Landstrasse. Der erste Adrenalinblick nach einem Stopp, ob es noch da ist oder schon weggerissen wurde. Das Autofähnchen gehörte bei den vergangenen Welt- und Europameisterschaften zum guten Ton eines Autofahrers. Ob Fussballfan oder nur Mitläufer. Wer kein Fähnchen im Winde hatte, war fast schon geächtet und ausgegrenzt. Doch wo ist es hin? Wo ist das Symbol für kurzzeitig offen gelebten und akzeptierten Patriotismus geblieben? Nur noch selten zeigt sich eine wehende Fahne am ­Autodach. Mal hier ein Serbe, der sich ­outet, mal da ein Schweizer, der sich offenbart. Die deutschen Vorzeigefahnenschwenker? Ausgestorben. Und der gute alte Doppel- und Dreifachbürger, der sich mit mehreren Exemplaren ­bestückte, um für alle WM-Eventualitäten gerüstet zu sein, den gibt es schon gar nicht mehr. Wo bist du nur hin, du gute alte Autofahne? Liegt es am Austragungsort dieser WM? In Russland ist eine eigene Meinung nicht gerne gesehen. Oder interessiert sich etwa keiner mehr für Fussball? Nein, das kann nicht sein, der Fussball ist ja omnipräsent. Noch muss Ursachenforschung betrieben werden, warum die Pkw-Flagge nur noch ein Schattendasein fristet. Traurig ist es allemal, fehlen die vielen verschiedenen Farben im Strassenbild. Und: Für die Fahnenwirtschaft ist diese Weltmeisterschaft ein Desaster. Nicht ohne Grund werden Fanartikel in Discountern nach nicht einmal der Hälfte der WM schon zu Niedrigpreisen verramscht. Ein Wirtschaftszweig blutet, ohne genau zu wissen, warum. Da wir ja in Zeiten von «Petitionen für alles» leben, initiiere ich hiermit eine: Bringt die Autofahne zurück aufs Dach! Vier Wochen im Jahr darf man doch mal seine Natio­nalität ­präsentieren und sein Fanherz offenlegen. Und das Autofähnchen symbo­lisiert doch gut ein WM-Turnier. Einen Monat harrt es auf dem Dach aus, bei Wind und Wetter, bei Sonne und ­Regen. Zerschunden und abgekämpft ist der Stoff, gezeichnet von ­Siegen und Niederlagen, durchlöchert von Toren und Gegentoren. Ach du, mein Autofähnchen, wo bist du geblieben? Wir vermissen dich!

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