«Mit der Zeit kennt man seine Pappenheimer»

Autor
Darina Schweizer

Hansueli Birchmeier ist Eselpate auf dem Eschenzer Pferde- und Eselhof Grünegg. Liebevoll kümmert er sich um die Tiere mit einer oft traurigen Vergangenheit.

Mit geblähten Nüstern schnuppert Linda über den Stallboden. Vier dicke Strohhalme, zwei Heustängel, es riecht lecker hier drin. Das Sägemehl kitzelt in der Nase. Aber was ist das? Linda richtet erst ihren Kopf und dann ihre Ohren auf. Nach links, nach rechts. Da ist es schon wieder. Es raschelt im Nebenraum. Heisst das etwa …? Ja, das ist Hansueli Birchmeier, der ein Netz mit frischem Heu füllt. Das Knistern ist unverkennbar. Und da, jetzt hört Linda auch seine Stimme. Er spricht mit Chili, dem roten Hofkater. Streichelt er ihn etwa auch? Linda späht über die Stalltür. Nichts zu erkennen. Da hilft nur eins: schreien – und zwar laut. «Ich komm ja schon, ich komm ja schon», ruft Hansueli Birchmeier. Ziel erreicht.

Der «Boss» versperrt den Eingang

Seit über zwei Jahren besucht der Steiner sein Patenkind auf Hanni und Fritz Niederhausers Pferde- und Eselhof Grünegg in Eschenz. Linda liebt ihn und das nicht ohne Grund. Am Sonntag steht jeweils ein Spaziergang durch den Wald auf dem Programm, und mehrmals täglich werden der Stall gemistet und die Esel gefüttert. So ein Tag ist heute. Linda kann es kaum erwarten. Als Hansueli Birchmeier die Stalltür öffnet, werden auch ihre 16 Kollegen aufmerksam. Domino, der «Boss» unter den Eseln, steht bereits so nah an der Tür, dass man sie kaum öffnen kann. Er reckt den Hals und versucht, einen Halm aus dem Heunetz zu erhaschen, das auf Hansuelis Schultern liegt. Schlau: zuerst den Eintritt erschweren und dann hinterrücks ein paar Strohhalme naschen. Kein Problem für Domino, der so gross und lang wie ein Kleinpferd ist. Linda überragt er um mindestens einen Kopf. Die Welt ist unfair. Aber Linda hat flinke Beine.

Slow Food ist auch für Esel gesund

Blitzschnell saust sie nach draussen unters Vordach. Hier hängt Hansueli – oder jemand der anderen 17 Patenonkel und -tanten – jeweils die Heunetze auf. Linda weiss das. Und sichert sich schon einmal einen guten Platz, bevor die Kollegen anstürmen. «Iaaah!», brüllt es durch den Stall. Schon geht’s los. Von allen Seiten rennen die Esel laut schreiend unters Vordach. Fanny, Jimmi, Domino, Balou, Franco, Murano. Alle haben spitzbekommen, dass die «Raubtierfütterung» ansteht. Aber so stürmisch, wie gerannt wird, geht es beim Essen nicht zu und her. Hansueli hat das Heu nämlich in Doppelnetze verpackt. «Damit die Esel nicht zu schnell futtern», sagt er. Slow Food also. Linda findet’s eher mühsam. Lieber würde sie gleich das ganze Maul mit Heu füllen, doch so muss sie es mit den Zähnen aus dem Netz herauspicken. Eine Nifeliarbeit. Immer wieder blitzen ihre weissen Zähne hervor. Die strahlen so, weil vor einiger Zeit der Tierarzt da war und ihr und den Kollegen eine Zahnpflege verpasst hat. Und auch heute steht Kosmetik an. Die übernimmt jedoch Hans­ueli.

Falsch gefüttert und vernachlässigt

Er stülpt Linda ein Halfter über den Kopf und zieht sie sanft mit sich. Erst öffnet er die kleine Stalltür, dann die grosse. Es geht nach draussen. Beim Gehen achtet er immer darauf, auf Höhe von Lindas Gesicht zu bleiben. «Sobald du weiter hinten gehst und aus ihrem Sichtfeld bist, stürmen sie davon. Das mussten die Polizeiaspiranten erleben, die uns letztes Jahr besucht hatten. Da hast du keine Chance, auch als grosser Mann nicht», so Hansueli Birchmeier lachend.

Tja, 160 Kilogramm Körpergewicht haben auch ihr Gutes, wird Linda wohl denken, als sie an der Scheune angebunden wird. Hansueli hebt ihren Hinterhuf an. Mit einem Hufkratzer entfernt er kleine Steine und Schmutz. Es gibt Angenehmeres. Aber Linda weiss, dass es sein muss. Sonst könnte sich ihr Huf entzünden. Wie bei ihren vorherigen Besitzern. Aber daran will Linda nicht denken. Niemand ihrer Kollegen will an die Zeit vor dem Pferde- und Eselhof Grünegg denken. Denn sie alle wurden zum Teil schlecht gehalten, falsch gefüttert und vernachlässigt. Aber das ist jetzt vorbei. Hier auf dem Hof erhalten sie ihr Gnadenbrot und können für den Rest ihres Lebens glücklich sein.

Leicht Kaubares für die Senioren

Linda hat Tränen in den Augen. Mit einem warm-nassen Stofftuch wischt Hans­ueli ihr diese und auch die eingetrockneten an den Lidrändern ab. Treuherzig schaut Linda ihn an. «Ihre Augen tränen immer. Das war in den Steppengebieten und Wüsten, wo die Esel ursprünglich herkommen, auch nötig, damit die Augen nicht austrocknen. Ein kleines Überbleibsel also», so Hansueli Birchmeier. Dann bindet er Linda wieder ab und führt sie zurück in den Stall. Dort ist mittlerweile Ruhe eingekehrt. Die Heunetze baumeln leer in der Luft, die Esel haben sich in einen kleinen, leicht abgedunkelten Stallteil zurückgezogen. Das Festmahl muss ja schliesslich verdaut werden.

Hansueli Birchmeier schätzt nichts mehr als die Dankbarkeit der Esel, um die er sich kümmert. Bild: das

Nur ein kleiner Esel steht ein wenig verloren mitten im Raum. Vor ihm steht ein Plastikbehälter mit Futter. «Das ist Joggeli. Er ist schon 36 Jahre alt und blind», sagt Hansueli Birchmeier. Deshalb erhält Joggeli auch Spezialfutter aus Maisflocken und Pflanzenwürfeln, alles leicht kaubar. Im Stall findet er sich, trotz seiner Blindheit, schon gut zurecht. Nur ab und an stösst er noch an eine Wand. Langsam hebt er seinen Kopf und geht etwas wacklig in Richtung der anderen Esel. Bevor er in den dunkleren Stallteil abbiegt, schaut er nochmals durch den Raum. Sein Blick wirkt ­etwas verloren, aber dankbar.

Gegenseitige Dankbarkeit

«Das ist das Schöne, wenn ich herkomme. Man spürt diese Dankbarkeit, weil man ihnen etwas geben konnte. Und sie einem ebenso», sagt der ehemalige Berufsschullehrer. «Bei meinen Schülern war das damals nicht ganz so», lacht Hansueli Birchmeier. Plötzlich erhält er von hinten einen leichten Schupf. Linda. Das ist typisch für die Eselin, immer wieder schleicht sie sich von hinten an und verpasst kleine Stösse. «Mit der Zeit kennt man seine Pappenheimer», lacht Hansueli Birchmeier. Da gibt es zum Beispiel noch Fanny. Die Eselin hat bei der Fütterung einen speziellen Trick auf Lager: Sie transportiert den Futtertrog eines Kollegen jeweils vom Boden in ein Wasserbecken. Dort wackelt er so stark auf der Oberfläche, dass der Kollege nicht mehr daraus fressen kann. In der Zwischenzeit frisst Fanny ihr eigenes Futter. Sobald sie damit fertig ist, holt sie den Futtertrog aus dem Wasserbecken und leert auch diesen. «Esel sind alles andere als dumm», sagt Hansueli Birchmeier. Linda schnaubt und wackelt mit dem Kopf, als wolle sie ihm zustimmen. Dann drückt sie diesen an Hansueli Birchmeiers Hand, der sie zu kraulen beginnt. Es ist schon wieder Zeit zu gehen. Hansueli Birchmeier geht durch die Stalltür und blickt noch ein letztes Mal zurück. Linda schaut ihn an. Und als er aus der Tür tritt, verfolgen ihn Lindas Ohren weiter, so lange, bis der Motor seines gelben Fiats in der Weite verhallt.

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