«Sie sind willkommen hier, Madame»

Autor
Schaffhauser N…

Der folgende Text ist ein Erlebnis­bericht einer Frau aus den USA, die während der Coronakrise in der Stadt Schaffhausen eine Unterkunft suchte.

Max Schlumpf, Hotelier im Hotel Park Villa, serviert der Autorin einen Kaffee. Bild: Selwyn Hoffmann

Ein Erlebnisbericht 

Dieser Text wurde von der Verfasserin ursprünglich in englischer Sprache verfasst. Für die Schaffhauser Nachrichten wurde er von Daniel Jung aus dem Amerikanischen übersetzt. Die Originalfassung finden sie hier.

Ich hätte nie erwartet, einmal mit drei vollen Koffern vor der Eingangstür eines Freundes zu sitzen – wir sind seit 30 Jahren befreundet – und dort auf ein Taxi zu warten, das mich mitnimmt und irgendwohin bringt. Wo genau, das wusste ich nicht. Das Coronavirus hatte mich aus dem Haus geworfen. Letztlich war es nicht das Virus, sondern die Furcht meines Freundes davor, aber egal, ich war nun unterwegs zum Bahnhof. Nicht, um einen Zug zu nehmen, sondern um auf einer Bank zu sitzen und per Telefon nach einem Hotelzimmer zu suchen. Denn mein Freund, nennen wir ihn Paul, liess mich nicht einmal in seinem Garten telefonieren. Derart gross war seine Furcht vor dem Virus.

Zwei Wochen zuvor war Paul noch glücklich gewesen, als er mich am Flughafen Zürich abholte und in ­seinem Haus willkommen hiess. Vor Jahrzehnten waren Paul und ich an dieselbe Universität gegangen. Wir sassen in seinem Wintergarten, sprachen über die letzten Jahre und genossen unsere gemeinsame Zeit, so wie es immer war, wenn er meine ­Familie in New York besuchte oder ich ihn in der Schweiz.

In die Schweiz eingeladen worden war ich für Forschungszwecke. Das fing an mit einem zweiwöchigen Aufenthalt an einer neu gegründeten Klinik in Basel. Wir hatten ausgemacht, dass wir vor und nach dem Klinikbesuch zusammen Zeit verbringen. In den zwei Wochen veränderte sich ­jedoch sehr viel: Die Schweiz wurde hart vom Coronavirus getroffen, und mein 77-jähriger Freund ­bekam es mit der Angst zu tun.

Riesige Angst. Als ich in seinem Garten auf meinem Laptop nach einem Hotelzimmer suchte, kam sein Sohn vorbei und beschuldigte mich, gar nicht wirklich zu versuchen, ein Zimmer zu finden. Als ich ihn vom Gegenteil überzeugen wollte, fing er an zu schreien. In diesem Moment wurde mir klar, dass es besser wäre, mit all meinem Gepäck am Bahnhof zu sitzen und dort meine Suche fortzusetzen.

«Als mein Freund zu einem Fremden wurde, wurde eine Fremde zu einer Freundin.»

Es ist schlimm, allein in einer fremden Stadt zu sein, wenn eine Katastrophe eintritt. Noch schlimmer ist es, zu meinen, man sei nicht allein – nur um zu merken, dass man trotzdem ganz auf sich gestellt ist, wie ein plötzliches Waisenkind. Jedoch stellte sich heraus, dass ich doch nicht alleine war. Als mein Freund zu einem Fremden wurde, wurde eine Fremde zu einer Freundin. Denn als eine Taxifahrerin verstanden hatte, was passiert war, antwortete sie mit Wärme und Überzeugung.

«Wir müssen einander helfen in dieser Zeit. Ich bringe Sie nicht an den Bahnhof. Sie bleiben im Auto, bis wir ein Zimmer für Sie gefunden haben

Es gibt viele Unterkünfte in dieser Stadt mit 36'000 Einwohnern, aber viele waren geschlossen. Also machte ich mich mit meiner neuen Freundin, Eveline Spahiju von Swiss Taxi, eine muntere Frau in ihren frühen 50ern, auf die Suche.

«Bleiben Sie hier», sagte sie, als sie ausstieg, um den Zettel an der nächsten Hoteltüre zu lesen.

Zurück im Auto, fuhren wir zu einem weiteren Hotel, in dem keine Lichter brannten. Langsam gingen uns die Optionen aus. Am Anfang unserer Suche hatte ich Eveline gebeten, ein günstiges Hotel zu finden – im Wissen darum, dass ich wohl länger dort Unterschlupf suchen müsste. Und Eveline hatte mich verstanden. Als wir nach der Altstadt an einem charmanten Park mit blühenden Narzissen vorbeigefahren waren, freute ich mich am Anblick und den klingenden Kirchenglocken. Gleichzeitig fragte ich mich, wohin das noch führen könnte. Eveline verstand meine Sorgen, als sie vor einer Villa, eigentlich einem kleinen Schloss, haltmachte – dem Hotel Park Villa. Ich schätzte ihren warmen Blick, als sie mir sagte, dass dieses Hotel auch kleine, günstige Zimmer anbiete. Es gab wieder Hoffnung.

Wir stiegen aus dem Taxi und spazierten gemeinsam durch den majestätischen Eingang. Die grossen Türen strahlten ein Gewicht aus, das mich an den ursprünglichen Zweck von Schlössern erinnerte: sicheren Schutz. Jetzt erkundigte sich Eveline an der Rezeption, und der Angestellte verwies uns an einen Mann in dunkelblauen Kleidern, der gerade aus einem Raum herauskam. Eveline sprach ihn auf Schweizerdeutsch an.

«Diese Frau braucht ein Zimmer zu einem Spezialpreis.»

Der Mann schaute mich eine Sekunde lang an und antwortete sofort: «Sie sind willkommen hier, Madame.»

Voller Erleichterung über diese kraftvolle Freundlichkeit begann ich zu weinen. Max Schlumpf wurde in diesem Moment zu einem Freund. In den zwei Wochen, die ich in einem grossen Zimmer verbringen durfte – mit einer Decke wie in der Ermitage – wurde in mir neues Leben geweckt, durch die tiefgehende Schönheit eines mit Liebe gefüllten Hauses. Max, ein gepflegter Mann mit einem freundlichen Gesicht, besitzt und ­betreibt die besondere Villa seit mehr als 30 Jahren. Man spürt, dass er jede Ecke genau kennt. Das 100-jährige Schloss erhält von Max dieselbe sorgfältige Pflege wie auch seine Gäste. Noch wichtiger: Er ist ein Menschenfreund mit viel Feingefühl, der genau spürt, was es in dieser schwierigen Zeit braucht.

Mein ursprünglicher Gastgeber ist kein schlechter Mensch. Tatsächlich liebe ich ihn. Er war einfach von der Angst gefangen und versuchte nur, auf sich selbst aufzupassen. Und ich musste einfach mit jemandem in Kontakt treten, der mir Schutz bieten konnte. Also schickte die Gnade mir Max.

Bei einem Nachtessen entdeckte ich, dass Max in seinem Hotel auch anderen Menschen Schutz bietet. So etwa einer 89-jährigen Frau. Sie kommt für Gesellschaft und Verbindung ins Hotel, ihr Heim ist nur wenige Kilometer entfernt. Die Frau ist gross und stark und hat stets ihren ungarischen Hund dabei. Am Tag fährt sie in ihrem Auto durch die Schweiz, um besondere Orte zu entdecken und lange Spaziergänge zu machen. Am Abend kommt sie in die Park Villa für Freundschaften und ein feines Essen. Und das Essen hier ist wirklich delikat, leiden­schaftlich zubereitet von Maria, der portugiesischen Köchin, die schon seit 27 Jahren für Max arbeitet. (Probieren Sie den Fisch. Er ist himmlisch!) Das ist der Grund, warum Pavarotti diesen Ort aussuchte, als er nach Schaffhausen kam!

Wie macht man einen solchen Ort der Schönheit für die Menschen zu einem Aufenthaltsort und behandelt gleichzeitig die dort arbeitenden Menschen als wertvolle Menschen, sogar als Mitglieder einer Familie? Max Schlumpf ist wie ein grosser Baum, dessen starke Äste vielen ­Vögeln einen Lebensraum bieten.

Wenn ich daran denke, was das Virus mit unserer Welt macht, dann erinnert es mich an die Tage nach dem 11. September 2001, als wir alle nach einem Weg suchten, wie es weitergehen könnte. Es war das grosszügige Mitgefühl, das damals auffiel – und auch jetzt auffällt. Wenn die Liebe uns über die Angst hinwegbringt. Besonders wenn die Liebe von Fremden einen Absturz in den Abgrund verhindert und man all das erhält, was man braucht.

Vielen Dank, Max. Vielen Dank, Eveline. Auf dass ich weitergeben kann, was ihr mir gegeben habt.

Von R. H.*, einem amerikanischen Gast im Hotel Park Villa

* Weil die Frau viel Wert auf ihre Privatsphäre legt, ist der Text nur mit ihren Initialen gezeichnet.

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