Erinnern, Versöhnen, Zeichen setzen

Autor
Martin Edlin

Über zweihundert Menschen beteiligten sich gestern in Schaffhausen an einem «Marsch des Lebens» im Gedenken an die Judenverfolgungen.

Ein Zeichen gesetzt: Die lange Schlange der Teilnehmenden am «Marsch des Lebens» auf dem Haberhausstieg. Bild: Michael Kessler

«Stumm sein, wenn gesprochen werden sollte, ist auch heute Zeichen von Mutlosigkeit und Schwäche», sagte Stadtrat Raphaël Rohner in einem kurzen Grusswort nach dem «Marsch des Lebens», der vom Herrenacker hinauf zur Steig wieder zum Ausgangspunkt zurück geführt hatte und nun in ein «Fest des Lebens» überging. Nein, stumm sein wollte man nicht an diesem späten Nachmittag und frühen Abend, sondern «ein Zeichen setzen für ein neues Denken und Handeln».

Das ist auch der Boden der Bewegung «Marsch des Lebens» (und für Israel als Refugium für verfolgte Juden), deren Wurzeln im süddeutschen Tübingen liegen, wo freikirchliche Kreise 2007 erstmals eine Veranstaltung unter diesem Namen durchführten. Seither sind, nach Angaben der Initianten, in über 350 Städten und Orten in zwanzig Ländern solche Märsche organisiert worden. Das Dreifach-Ziel: Erinnern (an die Holocaust-Vergangenheit), Versöhnen zwischen den Nachkommen der Täter- und Opfergeneration und Zeichen setzen für Israel und gegen den heute wieder um sich greifenden Antisemitismus. Auch in der Schweiz sind es freikirchliche Gruppierungen sowie die christlich-rechtsbürgerliche Kleinpartei EDU, die zu diesen Märschen einladen. Das taten sie dieses Jahr bereits in Payerne und im Knonauer Amt und gestern erstmals in Schaffhausen.

Scheiterhaufen in Schaffhausen

Unsere Stadt habe einen besonderen Grund, «sich herausgefordert zu sehen, das Verhältnis zum jüdischen Volk und zum Staat Israel zu klären und zu bereinigen», sagt Peter Bösch, Präsident des freikirchlichen Dachverbandes «Evangelische Allianz Schaffhausen», nämlich «die Verfolgungen und Ungerechtigkeiten, denen sich die jüdische Bevölkerung unserer Stadt im 14. und 15. Jahrhundert ausgesetzt sah». Tatsächlich gab es, bevor es 1475 zur einer vollständigen Vertreibung der Juden aus der Munotstadt kam, schreckliche Pogrome: 1349 wurden nach Ausbruch der Pest zahlreiche Juden der Brunnenvergiftung angeklagt, zum Tod verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und das gleiche Schicksal traf die ganze jüdische Bevölkerung Schaffhausens erneut 1401, als ihr der Ritualmord an einem christlichen Kind zur Last gelegt worden war.

«Schaffhausen hat besonderen Grund, das Verhältnis zum jüdischen Volk und zum Staat Israel zu Klären und zu bereinigen.»

Peter Bösch, Präsident Evangelische Allianz Schaffhausen

Der «Marsch des Lebens» führte denn auch an die damalige Hinrichtungsstätte beim heutigen Steig-Schulhaus, wo eine Gedenk- und Bussfeier stattfand. Nach Worten von Ram Bhalla, Prediger der Salem life-Gemeinde, und Ernst Gysel, einst Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Gächlingen, wurde gemeinsam eine Art Schuldbekenntnis gelesen, das auch die Rückweisung von jüdischen Flüchtlingen während des Zweiten Weltkrieges an der Schaffhauser Landesgrenze miteinbezog. Zum Schluss sprach Mario Jäckel als Vertreter der jüdischen Gemeinschaft auf Aramäisch das Kaddisch-Gebet, ein Lobpreis Gottes.

Zurück auf dem Herrenacker waren es Tanzeinlagen und Musik mit dem Geiger Menuhin Reinen und dem Akkordeonisten Rudolf Hartmann, besonders aber ein Interview mit der Holocaust-Überlebenden Katharina Hardy (als Jugendliche war sie im KZ Bergen-Belsen gefangen), die den Sinn des ganzen Anlasses nochmals verdeutlichten. Stadtrat Rohner: «Er soll Motivation sein, die Erkenntnis aus unserer inneren Stille in Worte zu fassen, um unseren Kindern und Enkeln zu berichten über das, was geschehen ist, niemals aus unserem Gedächtnis gelöscht werden soll und niemals wieder geschehen darf.»

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