Südstaatenrock von isländischen Rotzlöffeln

Autor
Isabel Heusser

Sie kommen aus Island, ihre Musik klingt aber nach whiskygetränktem Bluesrock aus den Südstaaten: Kaleo überzeugten gestern auf dem Herrenacker mit ihrem herben Charme.

Da schaute er mal nicht auf den Boden: Kaleo-Sänger Jökull Júlíusson. Bild: Jeannette Vogel

Ach, immer diese Interaktion mit dem Publikum! Kann man ja auch mal sein lassen, oder? Dachten sich Kaleo gestern Abend und nudelten ihre Songs herunter, dass die Zuhörer nicht recht wussten, wie ihnen geschah. Und trotzdem hatten die vier Rotzlöffel aus Island das Publikum gleich nach dem ersten Song um den Finger gewickelt: «Broken Bones» klingt, als sei er an einem schwülwarmen Sommerabend während einer Jamsession auf der staubigen Terrasse eines Holzhauses mit viel Whisky und Zigaretten entstanden. Die vier Jungs, 2015 von Island nach Austin im US-Bundesstaat Texas ausgewandert, machen Musik, als hätten sie schon immer dort gelebt, mit Einflüssen von Blues, Rock, Folk. Wer kann da schon widerstehen? Kein Bein im Publikum, das für den Rest des Konzertes nicht zumindest ab und zu mitwippte. Dazu die Stimme von Sänger Jökull Júlíusson: Der Mann hat Jahrgang 1990, röhrt aber ins Mikrofon, als wäre er mindestens dreimal so alt. Da verzieh man ihm, dass er ganze sieben Songs Anlauf brauchte, um mehr als einen Satz Richtung Publikum zu richten. Und ansonsten die meiste Zeit auf den Boden blickte. Die Rolle des Anheizers übernahm Bassist Daníel Ægir Kristjánsson, der in AC/DC-Manier über die Bühne fegte. Es ist ja nicht so, dass es Kaleo an Bühnenerfahrung mangeln würde: Spätestens seit «Way Down We Go» sind sie international bekannt, und dieser Hit durfte auf der gestrigen Setlist natürlich nicht fehlen. Sie tauten gestern dann doch noch auf, die vier Mannen. War da nach «Back Door» so etwas wie ein Lächeln auf den Lippen des Sängers zu sehen? Doch, doch, und das Publikum reagierte entzückt. Sanft können Kaleo übrigens auch. Nur ging «Vor í Vaglaskógi», eine isländische Ballade, zwischen all den energiegeladenen Rocksongs fast unter. Immerhin leuchteten ein paar Handys als Feuerzeugersatz.

Das Konzert endete dann so unvermittelt, wie es angefangen hatte: Nach «Rock ’n’ Roller» versammelten sich Kaleo am Bühnenrand, verbeugten sich kurz, Schlagzeuger David Antonsson warf artig seine Sticks ins Publikum, und weg waren sie. Da half auch das frenetische Geklatsche des Publikums nichts mehr.

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