Er räumt als Gemeindepräsident den Müll weg

Autor
Luc Müller

In Stetten wohnen viele Betuchte, was die Gemeinde mit dem tiefsten Steuerfuss im Kanton fördert. Hans-Peter Hafner, Chef der Exekutive packt sogar regelmässig bei der Müllabfuhr an.

Für einmal nicht als Gemeindepräsident von Stetten am Schreibtisch sitzend Akten studieren: Hans-Peter Hafner arbeitet seit über 20 Jahren einmal in der Woche als Mitarbeiter für die Kehrichtabfuhr im Oberen Reiat – bei Wind und Wetter. Bild: Luc Müller

Der Mann kann anpacken: Der schwarze Kehrichtsack fliegt in hohem Bogen in den Schlund des Müllwagens. Der Schaffer, ganz in Orange gewandet, ist im Dorf kein Unbekannter. Im Gegenteil: Er ist der Gemeindepräsident der steuergünstigsten Gemeinde im Kanton Schaffhausen, wo so mancher Betuchter in einem der zahlreichen schmucken Einfamilienhäuser lebt. Und ausgerechnet hier schleppt der Chef der Exekutive Abfallsäcke? Gibt es da nicht Sprüche der Amtskollegen, die sich um die Aussenwirkung sorgen? Hans-Peter Hafner, der sich nach getaner Arbeit eine Zigarette angezündet hat, lacht. «Nein, nein. Das ist überhaupt kein Problem. Im Gegenteil. Die Kollegen zollen mir Respekt, dass ich diese Arbeit mache.»

Hauptberuflich Landwirt

Schon seit 20 Jahren ist Hafner als Müllmann unterwegs – von 1985 bis 2005 war er Gemeinderat, 2013 wurde er nach dem vorzeitigen Rücktritt seines Vorgängers in den Nachwahlen zum Gemeindepräsidenten gewählt. Der Job als Chef der Exekutive entspricht etwa einen 40-Prozent-Pensum. «Früher haben meine Kinder den Job auf dem Müllwagen gemacht, dann habe ich übernommen.» Er habe von Anfang an gesagt, dass er den Job, der einen Nebenverdienst einbringe, auch als Politiker weiterführen werde, sagt der 64-Jährige. Hauptberuflich arbeitet Hafner als Landwirt: Auf dem Erdenhof in Stetten, der noch vor dem 19. Jahrhundert gebaut wurde, bewirtschaftet die Familie Hafner 40 Milchkühe, zudem baut sie hier unter anderem Getreide und Mais an. Im vergangenen Jahr hat der Junior den Hof übernommen.

Bis zu 2,5 Tonnen schleppen

«Körperlich ist die Arbeit bei der Müllabfuhr schon anstrengend», erzählt der Stettemer Gemeindepräsident, «aber ich bin als Bauer gewohnt zu arbeiten. Rückenweh hatte ich nach dem Job jedenfalls noch nie.» Dabei bewegt er auf seiner Tour, die er jeweils einmal in der Woche am Donnerstag absolviert, bis zu 2,5 Tonnen Gewicht, wenn er die Säcke in den Müllwagen wuchtet. «Oft sind die schwarzen Kehrichtsäcke zu schwer beladen. Die sollten eigentlich nicht schwerer sein als 25 Kilogramm», betont Hafner. Die Müllabfuhrtour führt jeweils von Büttenhardt über Lohn nach Stetten.

Hans-Peter Hafner, Gemeindepräsident. Bild: Luc Müller

«Bei Wind und Wetter. Bei Regen oder Schnee stehen wir hinten auf dem Wagen.» In Büttenhardt ist jeweils nur einer für das Einsammeln der Abfallsäcke und für die Container zuständig, ab Lohn sind es dann zwei Personen. «Im Sommer ist es schon krass. Dann stinkt der Abfall gewaltig. In diesem Hitzesommer war es besonders heftig. Wenn wir hinten stehen, müssen wir den Kopf wegdrehen, um nicht im geruchsintensiven Fahrtwind zu stehen», berichtet Hans-Peter Hafner. In den heis-sen Monaten könne es auch vorkommen, dass die aufgeheizten Säcke schon richtig weich seien, wobei sie rissen, wenn man sie anpacke, und der ganze Inhalt auf der Strasse lande.

Im Winter sei es dafür wieder sehr kalt, da müsse man sich gut einpacken, «und man muss teilweise höllisch aufpassen, dass man auf den Vorplätzen, wo die Säcke und die Container stehen, nicht auf dem Eis ausrutscht». Eine Tour dauert etwa von 7.20 bis 10.45 Uhr. Den Abfall holt die Keller Kehricht-Abfuhr GmbH aus Thayngen ab. «Ich selbst bin von der Gemeinde Stetten im Stundenlohn für die Arbeit in der Müllabfuhr angestellt.»

Gespräche zur Fusion

Und was erlebt Hafner auf seinen Fahrten als Müllmann so? «Natürlich erkennen mich die Leute im Oberen Reiat. Jetzt, vor der geplanten Fusion, die ja bekanntlich abgelehnt wurde, kamen viele Bürger auf mich zu und wollten mit mir noch kurz über diese Angelegenheit sprechen», so Hafner. Auch sonst komme es immer wieder zu einem Gespräch – meist dann, wenn der Müllwagen rückwärtsfahre, wobei dann kein Mitarbeiter hinten auf dem Wagen stehen dürfe. «Dann laufen wir auf der Strasse nebenher und werden angesprochen.»

Mit zuparkierten Strassen oder Abfallsäcken, die schon Tage vor der Abfuhr nach draussen gestellt würden, gebe es keine Probleme. Im Winter komme es aber vor, dass steile Strassen zu eisig seien, sodass der Müllwagen nicht hochfahren könne – dann müsse man einen Umweg fahren. «Seit ich diesen Job mache, gab es aber noch nie einen Unfall», sagt Hafner.

Auffällig sei, wie viel Esswaren im Müll landeten. «Letztmals habe ich eine ganze Packung Cervelats gesehen, die nicht einmal geöffnet war. Das ist schon traurig.»

«Ich mache den Job bei der Müllabfuhr sicher noch, bis ich 70 Jahre alt bin.»

Hans-Peter Hafner, Gemeindepräsident Stetten

Geschenke zu Weihnachten

Um so schöner ist es um die Weihnachtszeit. Dann verteilen die Bürger den Mitarbeitern der Müllabfuhr kleine Geschenke. «Auf den Müllsäcken steht dann öfter ein eingepacktes Präsent. Nach einer Tour ist die Fahrerkabine dann schon mal voll mit Geschenken. Das ist eine tolle Geste der Leute», schwärmt Hafner.

Den Job als Müllmann will Hafner noch einige Jahre machen. «Sicher bis ich 70 Jahre alt bin», sagt er und strahlt über das ganze Gesicht. Der Mann kann eben anpacken: nicht nur als Politiker, sondern auch für die Kehrichtabfuhr.

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